Gerade jetzt, im Alter, wollten sie einen neuen Anfang wagen. Als die Ärztin Bärbel Ristow und ihr Mann Hansjürgen, ein Professor für Molekularbiologie, pensioniert wurden, zogen sie in das Viertel mit dem wohl schlechtesten Ruf in Berlin. Sie lebten damals in einem schönen Haus mit Garten in Mahlow, am Rande Berlins, zuvor hatten sie ihre Söhne im bürgerlichen Charlottenburg großgezogen, doch dann wollten sie raus aus dem Gewohnten. Vor vier Jahren schlossen sie sich einer Gruppe von Menschen an, die sich Alleine Wohnen in Gemeinschaft (Alwig) nennt – und zogen in den Rollberg-Kiez nach Neukölln.

Von Alten-WGs und Mehrgenerationenhäusern war ja in letzter Zeit viel zu hören. Doch nur die wenigsten dieser Gemeinschaften kämen auf die Idee, in ein Quartier wie dieses zu ziehen. Ausführlich haben die Boulevardzeitungen über die dortige Parallelgesellschaft der arabischen Großfamilien berichtet, von Ghetto und von Gangs, von Gewalt und Verbrechen war die Rede. Wer konnte, so hieß es, zog weg.

Die Ristows aber und vier andere Menschen – alle über 60 und mit bürgerlichem Hintergrund – zogen freiwillig in einen von Leerstand betroffenen Sozialbau in der Falkstraße. Inzwischen sind sie zu elft, jedes Paar und jeder Single der Gemeinschaft hat eine eigene Wohnung. Die 100 Quadratmeter der Ristows sind raffiniert und schön geschnitten: Das helle Wohnzimmer hat fünf Ecken, aus dem großen Fenster schaut man auf die weitläufigen Spiel- und Sportplätze zwischen den Wohnbauten.

Die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land war als Vermieter sehr interessiert an dieser Form von »Mittelschichtsinfiltration«, wie es Bärbel Ristow nennt, und ging deshalb auch auf Umbauwünsche der neuen Bewohner ein. Doch die Mitglieder von Alwig sind nicht wegen des günstigen Mietraums in Neukölln, sie wollen gut miteinander leben und sozial aktiv werden. Sie engagieren sich in Hausaufgabenhilfen, in Nachbarschaftsvereinen, in Parteien, in den Kirchen und der Bürgerstiftung Neukölln. Und so haben sie auch zahlreiche Kontakte zu denen gefunden, die schon länger in Neukölln leben, zu arabischen Vätern, polnischen Kindern und türkischen Frauen.

Mittelpunkt von Alwig ist eine Gemeinschaftswohnung im Erdgeschoss, mit langem Tisch, Küche und kleinem Garten im Hinterhof. Hier trifft man sich jeden Montagnachmittag zu einer Gesprächsrunde, erzählt sich von Projekten und Problemen und isst freitags gemeinsam zu Abend. Das Leben im Rollberg-Viertel macht den alten Menschen keine besondere Angst. Aber wenn man selbst einmal schlecht drauf sei, sagt Bärbel Ristow, dann verstärke die Not in Neukölln die Stimmung doch. Dann müsse man Kraft in der Gruppe tanken.

Klingt das nicht etwas zu sehr nach heiler Welt? Sind ihnen die Nachbarn letztlich nicht doch fremd geblieben? Nein, sagt Bärbel Ristow, mit ihren polnischen Nachbarn hätten sie sich angefreundet und würden sich gegenseitig einladen. Die türkischen und makedonischen Kinder und Eltern im Haus kennen sie alle, die Alwigs helfen bei Hausaufgaben, dafür hilft ihnen der afrikanische Nachbar, wenn sie im Winter mit ihrem Auto wieder einmal auf einer dieser Berliner Eisbarrieren hängen geblieben sind – oder türkische Schulkinder kochen für sie im Nachbarschaftsverein Wurst mit Erbsen und Kartoffelpüree.

Und so sind nicht nur die Mitglieder von Alwig begeistert von ihrer neuen Form des Zusammenwohnens in getrennten Wohnungen. Auch ihre erwachsenen Kinder, sagt Bärbel Ristow, seien glücklich, die Eltern gut aufgehoben zu wissen – in einer etwas anderen WG im berüchtigten Rollberg-Viertel.