In ihren Neubaugebieten, wer hätte es gedacht, sind die Deutschen längst Europäer. Der eine baut sich ein ochsenblutrotes Schwedenhaus mit Bullerbü-Veranda. Der Nächste stellt ein paar schlecht kopierte Toskana-Säulen vor seine Haustür. Ein Dritter träumt vom Leben unter Spaniens Sonne und hat sich ein Häuschen im Finca-Stil errichten lassen, auch wenn das nun recht verloren herumsteht, am Steinhuder Meer, in Herne-West oder sonst wo in der Republik.

Vieles hat sich in der deutschen Bauwelt gewandelt, schleichend zwar, aber mit erstaunlichen Nach- und Nebenwirkungen. Nur auf den ersten Blick sind die Wohnwünsche der meisten Menschen noch immer dieselben. Sie wollen die drei Gs: Die Wohnung soll groß sein, günstig im Preis und grün gelegen. Ein viertes G kommt für viele hinzu: Sie möchten gut gesichert leben. Neu ist hingegen das fünfte G: der Wunsch nach anderen Grundrissen, nach einem Leben, das offener ist und freier.

Die Deutschen geben heute doppelt so viel von ihrem Einkommen für das Wohnen aus wie vor 50 Jahren. Dennoch würden 80 Prozent gerne anders wohnen, als sie es tun, das hat der Soziologe Armin Hentschel bei einer Umfrage in 1600 Haushalten herausgefunden. Vielen missfällt der alte Standard, überall treffen sie auf dieselben Grundrisse für die immergleiche Vierkopf-Idealfamilie. Die große Mehrzahl der rund 40 Millionen Wohnungen und Eigenheime in Deutschland folgt diesem Einheitsmuster, denn die Wohnungsgesellschaften und auch die staatlichen Förderprogramme bauten in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf das Glück der Kleinfamilie.

Doch wo bitte gibt es dieses Glück noch? In den Großstädten lebt nur in jedem zehnten Haushalt noch ein Kind. In 50 Prozent aller Wohnungen sind Singles zu Hause, die restlichen 40 Prozent teilen sich Paare und Wohngemeinschaften. Das Angebot will also nicht mehr zur Nachfrage passen: Die veränderten Lebensgrundrisse verlangen nach neuen Wohngrundrissen.

Vieles ist heute anders als noch vor 30 Jahren: Die klassische Hausfrau scheint ebenso vom Aussterben bedroht wie das herkömmliche Nine-to-five-Arbeitsverhältnis. Immer mehr Menschen mögen sich nicht mehr fest binden, an einen Partner so wenig wie an einen Verein, eine Partei oder ein Haus. Die Lebensstile sind vielfältiger geworden, die Biografien wechselvoller – und so wächst auch die Bereitschaft vieler Menschen, sich auf ein Wohnen im Ungewohnten einzulassen.

Vor allem die Gutgebildeten und die Gutverdienenden schauen sich um nach Alternativen. Nicht das klassische Einfamilienhaus oder eine gediegene Altbauwohnung muss es sein. Viel lieber gründen sie Baugemeinschaften, um mit Gleichgesinnten ein Etagenhaus zu errichten. Ziehen in autofreie Siedlungen, um ihr Leben klimafreundlich zu gestalten. Oder wagen nach der Pensionierung einen neuen Anfang und ziehen aus der Vorstadt zurück in die City.

Das vorherrschende Ideal des 20. Jahrhunderts war ein anderes. Es ging nicht um Vielfalt, sondern um Ordnung. Damals wurde die dicht verwobene Stadt fein säuberlich nach Funktionen sortiert, sie zerfiel in Zonen für Industrie und Gewerbe, für Handel und Einkauf, für Wohnen und Freizeit. Ähnliches geschah mit vielen Wohnhäusern: Jedes Zimmer wurde einer klar definierten Aufgabe gewidmet, eine Küche war eine Küche und kein Esszimmer, ein Schlafzimmer ein Schlafzimmer und kein Arbeitszimmer, und selbst die Partys bekamen ihre Spezialzone zugewiesen, den Partykeller.