Ofelia Filipovic und vier ihrer acht Kinder in einer Altbauwohnung in München-Bogenhausen

Ofelia Filipovic hält an der einen Hand den kleinen Josif, mit der anderen hält sie die Tür auf. Es riecht nach Raumspray, Lavendel. Matt schimmert der Parkettboden in dem breiten Flur, von dem links und rechts Türen abgehen, viele Türen. Wären die gerüschten Vorhänge im Wohnzimmer nicht zugezogen, man könnte den Friedensengel am Ende der Prinzregentenstraße sehen und die Wipfel der Bäume am Isarufer, wo München ganz unter sich ist, sehr grün, sehr wohlhabend. Ofelia setzt sich ganz an den Rand des Ecksofas mit den roten Schonbezügen. Sie sagt: »Die Leute in Bogenhausen sind nicht anders, weil sie reich sind. Sie sind anders, weil sie deutsch sind.«

Den Altbau mit dem Erker hat sich die Stadt vor vier Jahren gesichert, seither leben dort die Filipovics mit 13 anderen Familien, die staatliche Unterstützung brauchen. Das Glück und die kommunale Stadtraumbewirtschaftung haben sie aus einer engen und teuren Pension im Industriegebiet zurück ins städtische Leben geführt. Sie wurden umgesiedelt, nach Bogenhausen, wo die Wohlsituierten leben. Es ist ein in Deutschland einmaliges Modell des sozialen Wohnungsbaus und wohl nur deshalb kein Pionierprojekt, weil es, im großen Stil betrieben, jede Stadtkasse ruinieren würde.

Ein Haus wie jenes, das die Filipovics bewohnen, bringt auf dem umkämpften Münchner Immobilienmarkt rund acht Millionen Euro ein. Geld, mit dem die Stadt gleich mehrere Neubauten am Stadtrand hätte bauen können. Hinzu kommen noch die 1,7 Millionen Euro für die Renovierung des Gebäudes sowie die Betreuung der Bewohner durch Sozialpädagogen. Der Name dieser kostspieligen Idee ist KomPro: Gegenden, die von den Wohlhabenden erobert, vulgo gentrifiziert wurden , sollen neu durchmischt werden.

Noch leben die Filipovics wie auf einer Insel, angespült vom warmen Wind der Integrationstheorie. Untereinander hilft man sich, die anderen Nachbarn in der Straße aber kennen die Filipovics nicht. Einem Mieter zwei Häuser weiter war es neu, dass hier Menschen von der Stütze leben. Ein anderer stellt klar: »Die kenn ich nicht.« Die Läden ringsum sind für ein Hartz-IV -Einkommen unerreichbar. Einmal hatten sie kein Brot mehr und haben eine Häuserecke weiter Baguette gekauft, für vier Euro, bei Feinkost Käfer. Der liegt am nächsten, geografisch. Für die Filipovics liegt es näher, im Hasenbergl einzukaufen. Denn dort ist der Lidl, dort wohnen die Schwester und der Schwager mit dem Auto.

Im Hasenbergl leben all die anderen Filipovics, es ist das Neukölln, das Mümmelmannsberg, das Rödelheim Münchens. Hat der Hasenbergler Glück, bekommt er einen Gründungszuschuss, 300 Euro. Hat der Bogenhausener Glück, bekommt er Gründerzeit, 300 Quadratmeter. Die Filipovics haben 140 Quadratmeter, genug Raum für die acht Kinder, für Milans Holzeisenbahn, Violettas Spagatübungen, die Hausaufgaben der drei Ältesten. Anfangs brauchten sie noch die Hausaufgabenhilfe, die einmal die Woche kam. Jetzt kommt sie nicht mehr, und das hat auch etwas mit dem Umzug zu tun. Ein Soziologe wies kürzlich auf den Zusammenhang von Lernerfolg und Wohnquartier hin. Die Klavierdichte der Nachbarschaft schlägt sich demnach in guten Noten nieder, auch wenn zu Hause eher der Duft von Chicken Wings als der Klang eines Flügels durch die Räume schwebt. Anders als im Hasenbergl ist in Bogenhausen die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Milan und Ivana in der Schule nicht neben Goran sitzen, der nachts gern randaliert, sondern neben Maximilian, der nachmittags rudern geht.

Gute Sozialmedizin ist teuer, doch scheint sie zu wirken. In Belgrad, sagt Ofelia, in Hamburg und Berlin seien sie gewesen, aber in München, da sei es doch am allerschönsten. Würden die Nachbarn mit ihr reden, sie hielten sie für gar nicht so anders.