Dieser Spitzweg ist was ganz Besonderes. Drei Meter lang. Zwei Meter hoch. Fast eine Tonne schwer. Steht da wie gemalt. Aber eben nur wie gemalt. Dieser Spitzweg ist zwar auch ein Kunstwerk, aber ein ziemlich lebendiges, wenngleich er jetzt reichlich reglos mitten auf dem Weg verharrt und keine Anstalten macht, dem Geländewagen auszuweichen, der ihm bis auf wenige Zentimeter nahe gerückt ist. Gaaanz gemächlich war Spitzweg den Hügel hinabgeschaukelt, als er das Auto und Detlef Baumungs röhrenden Ruf gehört hatte. Ein tiefes »Koooouummmm!« war aus dem stattlichen Leib des Tierpflegers aufgestiegen, ein offenbar unwiderstehlicher Ruf von Prachtkerl zu Prachtkerl. Also verließ Spitzweg seinen heimeligen Eichen-Birken-Mischwald und trottete heran. Nun glotzt er stoisch aus seinem Quadratschädel heraus, ob nicht irgendwo die Möhre zu entdecken ist, die er normalerweise mit dem Auftauchen von Detlef Baumung verbindet.

Spitzweg ist ein Bild von einem Bison bonasus, einem Wisent, dem größten Landsäugetier Europas. Sieht aus wie sein amerikanischer Blutsbruder Bison bison, der so eindrucksvoll durch Western wie Der mit dem Wolf tanzt trampelt. Hierzulande freilich führt das Wisent eher ein Schattendasein in mittelprächtigen Tierparks, ein stark behaartes Rindvieh, das man auf dem Weg zum Königstiger gern mal hinterm Zaun links liegen lässt. Wie ungerecht das ist, merkt man erst, wenn man einer solchen Wuchtbrumme in nahezu freier Wildbahn Aug in Aug gegenübersteht. Da sagt die Urzeit plötzlich guten Tag, und wenn einer wie Spitzweg in den Tiefen seines Wanstes dann noch sein rülpserartiges Brummen entsichert, kommt sich der Homo sapiens recht klein und verloren vor. Da kann Detlef Baumung noch so sehr beteuern, dass Spitzweg eigentlich ein ganz Lieber ist.

Dass so ein Bulle ganz unbehelligt durch die märkische Steppe tapert, ist eigentlich eine Sensation. 25 Kilometer Trott nach Osten, und er stünde auf dem Berliner Alexanderplatz. Dabei ist seine Art in Deutschland schon vor mehr als 500 Jahren ausgestorben; der letzte frei lebende Wisent überhaupt wurde 1927 im Kaukasus erschossen. Schließlich gab es weltweit nur noch zwölf Tiere in Zoos, ehe der Mensch sich besann und die Art mit einem bis heute laufenden Zuchtprogramm zu retten begann. Jetzt gibt es wieder 4000 Tiere, noch nicht genug, um das Überleben der Art zu sichern, aber immerhin. Damit Spitzweg und 21 seiner Artgenossen jedoch so frei leben können, wie sie das heute tun, bedurfte es nicht nur der Einsicht der Menschen, sondern kein Geringerer als der Weltgeist musste mitmischen.

250 Jahre lang war die Döberitzer Heide, auf der Spitzweg nun so friedlich grast, ein Kriegsschauplatz, jedenfalls ein simulierter. Schon der Alte Fritz nutzte das Gelände für seine Herbstmanöver auf abgeernteten Feldern; hier erfand und probte er die sogenannte Schräge Schlachtordnung, die ihm 1757 bei der Schlacht von Leuthen zum Sieg über Österreich verhalf. Kaiserliche Truppen, Reichswehr, Wehrmacht, schließlich Sowjetarmee und NVA – sie alle probten hier auf gut 6000 Hektar den Ernstfall. Als es dem Weltgeist und seinen Verbündeten auf Erden schließlich 1989 ff. gefiel, dem Kommunismus das Lebenslicht auszublasen, waren noch rund 100.000 russische Soldaten in etlichen Kasernen rund um den Truppenübungsplatz Döberitz stationiert. 1992 verschwanden auch die – und hinterließen eine hochgerüstete Sondermülldeponie, wo unter unschuldig weiß leuchtenden Birken Raketentriebwerke, tonnenweise Flakmunition und Fliegerbomben im Erdreich steckten. Der Weltgeist mochte Europa umgewälzt und das Gelände befreit haben, doch damit es zu Spitzwegs neuer Heimat werden konnte, bedurfte es noch eines echten Tierfreunds: Heinz Sielmann.