DIE ZEIT: Herr Minister, Sie sind einer der letzten Ihrer Art. Ihre Partei stellt nur noch in fünf Ländern den Kultusminister, in Westdeutschland nur noch in Niedersachsen und Baden-Württemberg. Wo ist die Bildungspolitik der CDU geblieben?

Bernd Althusmann: Die CDU-Bildungspolitik lebt und ist erfolgreich. Wenn Sie in Koalitionen mit anderen Parteien regieren, dann können Sie nun einmal nicht alle Ressorts besetzen. CDU pur ist wünschenswert, aber nur bedingt durchsetzbar.

ZEIT: Mit Bildungspolitik, so heißt es, könne man Wahlen nicht gewinnen, sondern nur verlieren.

Althusmann: Diese Furcht haben viele. Aber für uns ist Bildungspolitik, gerade in den Ländern, eines der zentralen Politikfelder. Vom Wissen und Können unserer Kinder hängt nun einmal die Zukunft unseres Landes ab. Außerdem konnte man in Hamburg beobachten, dass die CDU auch dann die Leidtragende ist, wenn der Koalitionspartner in der Schulpolitik einen Irrweg einschlägt. Dann mache ich es lieber selber – und natürlich besser.

ZEIT: Und geben dabei CDU-Positionen auf. Bis vor Kurzem stand die Union auch in Niedersachsen für das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Kommende Woche bringen Sie ein Schulgesetz in den Landtag ein, das neben dem Gymnasium bis auf Ausnahmen nur noch die sogenannte Oberschule kennt, in der die Haupt- und Realschulen aufgehen. Solch ein zweigliedriges Modell führen in anderen Bundesländern Sozialdemokraten ein.

Althusmann: Ich setze zunächst einmal auf einen unideologischen, pragmatischen Weg. Vielen ist nicht ausreichend bewusst, mit welcher Wucht die Demografie auf die Schulen durchschlägt . Bis zum Ende des Jahrzehnts sinkt die Zahl der Schüler zum Beispiel in Niedersachsen von 900.000 auf rund 700.000. Gleichzeitig drängen mehr Kinder aufs Gymnasium. Wir brauchen neue Antworten. Dabei sollten wir uns unabhängig von Strukturen auf die Gelingensbedingungen von guter Schule konzentrieren.

ZEIT: Auch sozialdemokratische Kultusminister handeln zunehmend pragmatisch.

Althusmann: Die haben dazugelernt, und das ist im Sinne der Schüler und Eltern auch gut so. Während wir immer an der Seite der Gymnasien standen, mussten andere Parteien erst lernen, dass diese Schulform in Deutschland nicht zur Disposition steht – weil sie leistungsstark ist und bei den Eltern hoch im Kurs steht. Bei der CDU ist Pragmatismus ein Wesenszug, während bei der SPD und den Grünen ein ideologisch-gutmeinender Überschuss bleibt. Viele verbinden etwa mit der Gesamtschule noch immer Heilserwartungen und sehen in ihr nicht eine Schulform, die sich genau wie alle anderen im Wettbewerb bewähren muss. Eine Überlegenheit von Gesamtschulen kann ich aber nicht erkennen.

ZEIT: Aber auch Sie mussten ideologisch abrüsten. Heute tritt die Union wie die SPD für frühkindliche Förderung ein und will mehr Ganztagsschulen einrichten . Vor nicht allzu langer Zeit haben Ihre Parteifreunde solche Ideen noch als Angriff auf die Familie gegeißelt.

Althusmann: Ich sehe das aus einer anderen Perspektive. Es war und ist ein Markenzeichen der CDU-Politik, die Familie zu schützen und ihre Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Nun sieht die Familie von heute nicht mehr so aus wie früher. Viele junge Frauen, auch in konservativ geprägten Familien, wollen sich nach einer guten Ausbildung im Beruf beweisen und möchten ihre Kinder in der Kindertagesstätte oder der Schule gut betreut wissen. Das reale Leben muss Ausgangspunkt unserer Politik sein und nicht eine abstrakte Vorstellung davon.