Bisher schien es, als hätte der Hartz-IV-Kompromiss nur Verlierer produziert: die Empfänger, die auf mehr gehofft hatten; die Bundesagentur für Arbeit, aus deren Etat die Ausgaben für das Bildungspaket abgezapft werden sollen. Und die Verhandlungsführerinnen von der Leyen (CDU) und Schwesig (SPD), deren gegenseitige Missgunst beide mies aussehen ließ. Aber nein, zumindest einen Gewinner hat es gegeben. Es ist der blaue Brief.

»Mitmachen möglich machen!« – der neue Slogan der Bundesregierung soll 2,5 Millionen Kindern nun ermöglichen, bei Sport, Musik und Kultur dabei zu sein, beim Schulessen und bei Ausflügen. Und, ganz wichtig: Sie bekommen Lernförderung . Aber nur, wenn die Versetzung gefährdet ist. Und wie weist man das am besten nach? Genau! Jahrzehntelang war er gefürchtet, war Grund für Ausreißertragödien, Tränen und Familienkrach. Vorbei.

Künftig ist der blaue Brief bares Geld wert. Nein, kein Geld, das Eltern einfach ausgezahlt bekommen und dann, wie die Vorurteilsbeladenen befürchteten, in Zigaretten anlegen. Der Staat finanziert die Nachhilfe. Und gerade weil die meisten Eltern, ob Hartz IV oder nicht, keineswegs so verantwortungslos sind, wie ihnen gern unterstellt wird, sieht man sie schon ihre Kinder anflehen, sich bitte noch ein bisschen weniger anzustrengen, damit es auch wirklich reicht für die Versetzungsgefährdung – und die lang ersehnte Nachhilfe. Ein – bei allem guten Willen – schräger Anreiz, der da gesetzt wird. Immerhin: Während es für Sport und Kultur lächerliche zehn Euro pro Monat gibt (für ein paar zusammenhängende Stunden müsste man da erst mal ein Jahr sparen), ist die Höhe der Ausgaben für Lernförderung nach oben hin offen. Deshalb, liebe Lehrer, teilt nur ordentlich blaue Briefe aus! Endlich glauben wir euch, dass ihr es im Interesse der Kinder tut.