Lehrstellensuche »Scheitern ist bei uns erlaubt«

Was treibt Betriebe, den Jugendlichen eine Chance zu geben, die sonst keiner haben will?

Für Robert Wagner ist die weite Welt da draußen ein Stück näher gerückt. Täglich verpackt und verschickt der 19-Jährige Klettergurte, Campingkocher und Biwakschlafsäcke. Er ist Auszubildender beim Hamburger Outdoor-Ausstatter Globetrotter. Jetzt hat ihn seine Firma für ein Austauschprogramm vorgeschlagen, bei dem er ein Unternehmen in der spanischen Stadt Valencia kennenlernen soll. »Robert hat sich das verdient«, sagt sein Ausbilder Jawid Sultany. »Seine Noten in der Schule sind gut, seine Fehlzeiten gering, und im Betrieb bringt er seine Ideen ein.« Dass dem aufgeschlossenen jungen Mann einst niemand einen Ausbildungsplatz geben wollte, erscheint kaum mehr vorstellbar.

Robert Wagner gehört zu den rund 15 Prozent der deutschen Schulabgänger, die die Hauptschule mit schlechten Noten oder ganz ohne Abschluss verlassen und sich damit nach Ansicht vieler Betriebe nicht für eine Berufsausbildung qualifiziert haben. Mehr als eine Million junger Menschen unter 30 Jahren haben in Deutschland keine abgeschlossene Berufsausbildung, bilanziert die Bundesagentur für Arbeit. Trotz oft jahrelanger Bemühungen um einen Ausbildungsplatz bleibt vielen Jugendlichen nur der Broterwerb als ungelernte Kraft – an der Supermarktkasse zum Beispiel, auf dem Bau, bei einer Reinigungsfirma – oder ein Leben von Hartz IV.

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Schaut man genauer hin, wird schnell klar: Das frühe Scheitern ist in vielen Fällen nicht selbst verschuldet. Viele Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, sind ohne Bücher und Theaterbesuche aufgewachsen. Familiäre Probleme, Migrationshintergrund und unvorhersehbare Schicksalsschläge potenzieren das Risiko, beruflich gleich nach der Schule auf der Strecke zu bleiben. Oft muss dazu nicht viel passieren: Da ist die 15-Jährige, die ungewollt schwanger wird und dann für drei Jahre zu Hause bleibt, um ihr Kind zu versorgen. Die Auszubildende, die nach einigen Monaten merkt, dass der Job als Rechtsanwaltsgehilfin doch nicht das Richtige für sie war – und die Lehre abbricht. Der Junge mit der Lernschwäche, der aus Angst vor dem Versagen die Berufsschule schwänzt und dem deshalb gekündigt wird. Sie alle werden bei vielen Betrieben schon von vornherein aussortiert.

Auch Robert Wagner bewarb sich lange vergeblich. Rund 180 Bewerbungen verschickte er. Tischler wollte er werden, so wie sein Großvater, Lackierer oder Lagerist. Doch er bekam nur Absagen. Seine Noten seien zu schlecht gewesen, vermutet er. Vor allem in Mathe haperte es, auch in Chemie, Biologie und Deutsch war er nicht so gut. »Wenn ich dann mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, war ich der einzige Hauptschüler unter lauter Abiturienten«, erinnert er sich. Eine Stelle bekam er nie. Nutzlos sei er sich vorgekommen, eine Zeit lang habe er deshalb am liebsten gar nichts mehr machen wollen, sagt er. Fast hätte er aufgegeben.

Dann empfahl man ihm, zu Globetrotter zu gehen. Motivation und Leistung zählen hier schon seit über dreißig Jahren mehr als gute Noten oder ein Schulabschluss. Zwei leidenschaftliche Weltenbummler haben das Unternehmen gegründet – sie waren offen gegenüber Lebensläufen, die nicht geradlinig verliefen. »Scheitern ist bei uns erlaubt«, sagt die Personalchefin Katrin Benson. »Das lernt man, wenn man versucht, Berge zu bezwingen und schwierige Projekte umzusetzen.«

Leser-Kommentare
    • zimra
    • 12.03.2011 um 21:54 Uhr

    eine "3" im Zeugnis ist eine gute Note man muss
    zwei drittel seiner Arbeiten gut machen.

    Mit dem einser und zweier Wahn der Personalchefs

    werden viele gute talentierte Menschen die vielleicht
    nicht so gut im Auswendiglernen sind weggeworfen.

    Den Job bekommen oft nicht die Talentierten.
    dafür schreien die Betriebe nach 1a Absolventen aus dem Ausland. Irgendwie pervers.

  1. Nicht nur junge Leute mit schlechtem Abschluss haben Probleme am Arbeitsmarkt. Auch mit Topqualifikation kann man in Deutschland keine Arbeit finden. Trotz Doktortitel in Physik und BWL-Zusatzstudium habe ich in Deutschland fast ein Jahr vergeblich eine adäquate Arbeitsstelle gesucht.

    Der Autor dieses Artikels meint doch wohl nicht wirklich Deutschland, sondern die Schweiz, wo im Gegensatz zu Deutschland wirklich Fachkräftemangel herrscht - dort habe ich dann auch endlich eine Arbeitsstelle gefunden, und bekomme auch noch jedes Mal Stielaugen, wenn ich meine Gehaltsabrechnung sehe.

    Auf selbstherrliche Deutsche Unternehmen verzichte ich nun jedenfalls dankend.

  2. Es ist doch kein Wunder wenn man am liebsten einen 1er-Bewerber erwartet mit akademischer Ausbildung, der als Leiharbeiter für praktisch lau arbeitet und so dem Unternehmen mehr Gewinn bringt. Dann sollte er am liebsten noch mindestens mit 25 Jahren schon 8 Jahre Berufserfahrung haben, usw usf.

    Das mag zwar krass klingen, aber das ist die oftmals vorhandene Vorstellung bei Unternehmern.

    Und was suchen sie dann an Klientel? Natürlich Menschen die einen 1A-Lebenslauf haben, im Auge der Gesellschaft als sehr gut darstehen und voll integriert sind. Man sucht Drücker, Feiglinge und alle möglichen Schleimer, die gut ins System passen, aber wahre Innovation wird am liebsten weggeworfen.

    Übrigens existiert bei meinen Freunden so außerhalb Deutschlands eine interessante Weisheit: Die Deutschen sind Exportweltmeister - bei Akademikern.

    Das sollte man sich mal zur Gemüte führen.

    11 Leser-Empfehlungen
  3. Zumal ein Großteil des Unterichtsstoffes Schwachsinn ist, der nicht selten von unfähigen Lehrern unterrichtet wird. Dies weiß ich aus eigener Erfahrung.
    Ich möchte jetzt nicht in die "der Schüler hat einfach nur keine Lust auf Schule Ecke" gedrängt werden, doch Mitose, der Hall-Effekt oder Iphigenie auf Tauris sind im späteren Leben eher weniger hilfreich. Ich habe nichts gegen diese Dinge, wer sich dafür interessiert kann sich auch gerne damit befassen. Doch, wie gut man sich in diesen Bereichen auskennt, sagt doch nicht wirklich etwas darüber aus, ob man zur Ausbildung als Bankkaufmann geeignet ist.

    Eine Leser-Empfehlung
    • SYD07
    • 13.03.2011 um 0:20 Uhr

    Unfreiwillig geriet ich in eine Ausbildung - mit mir 3 weitere.
    Bilanz nach 1 1/2 Jahren, die sich bereits wie 12 anfühlen: ich habe meine Kündigung eingereicht, die 2. hat 18 Bewerbungen für 'irgendwas anderes, Hauptsache weg' abgeschickt, die 3. hat die Kündigung auf dem Desktop und sucht nach Alternativen.. die 4. ist mit der Tochter der Chefin befreundet.
    Wenn diese Art der menschlichen Demütigung, Negativbilanz von Wertschätzung für Arbeitsmotivation, persönliche Beleidigung am Laufenden Band ("Sagen Sie mal, sind Sie überhaupt lebensfähig?", fragte meine Chefin mich abschätzend musternd - bei einem Gespräch eine Etage höher stellte sich heraus, dass ich das unnötig persönlich genommen hätte) und Androhungen von rechtlich schlichtweg nicht gemäßem Rausschmiss ("Wenn ich euch hier nicht haben will, dann fliegt ihr!"), wie wir sie erfahren durften, zum deutschen Ausbildungsalltag gehören - dann sollten sich eher die Betriebe fragen, was eine Abiturientin wie mich noch lieber in die Arbeitslosigkeit in Erwartung auf einen Studienplatz treibt, als irgendwann darauf zu hoffen Bildung zu erfahren. Tatsächlich hegen nämlich reichlich wenige Menschen ein nennenswertes Interesse daran kompetente Kollegen von der Pieke auf anzulernen, man züchtet sich ja die bloße Konkurrenz heran.

    Traurige Zeiten, trauriges Denken.

  4. ...,dass ein Jugendlicher Hauptschüler mit 14 Jahren weiß was er mal werden will und ohne zögern loslegt, um sein Ziel zu erreichen. Nahgeholter Realschulabschluss und in 3 Monaten ist der Berufsabschluss geschafft.
    Doch die meisten wissen nicht was sie beruflich wollen, weil sie keine Berufe kennen. Wenn man dann zu Hause alles abgenommen bekommt, weil man beim Helfen vielleicht was kaputt machen könnte, dann kann ein Jugendlicher schon eher den Psychiater aufsuchen, als auf Ausbildungssuche zu gehen.
    Es ist eben nicht möglich mit 16 Jahren ein Abitur, 3 Jahre Berufspraxis und möglichst viel Fachwissen vorzuweisen, weil es Ausbildungsbetriebe gern so hätten. Die Anzeigen sprechen Bände.
    Es hat mich als Vater auch verwundert, wie gleichgültig die Lehrer an den Schulen die Jugendlichen auf die berufliche Zukunft vorbereiten. Der Lernstoff war so weit von der Realität entfernt, dass einem schlecht werden kann. Ich hab meinen Sohn viel helfen und z.B. einen neuen Schrank zusammenbauen lassen und dann einen zweiten gekauft. Heute baut er sich seine Möbel selber auf und ich halte die Bauteile als Handlanger.
    Ich denke, dass wir alle am Leben lernen und mehr können, wenn man uns nur lässt. Das gilt besonders für unsere Jugend. Die wichtigste Frage für einen Berufsanfänger muss so gestellt werden: "Hast du Lust auf diese Arbeit, dann zeig mir mal was du schon kannst!?" Der Rest kommt von ganz allein.

    • Varech
    • 13.03.2011 um 1:42 Uhr

    ... wählen die Lehrlinge aber nach Zeugnisnoten.

    Der Widerspruch ist nur scheinbar. Für Erfolg für alle gibt es keinen Platz. Schule hilft aussortieren. Schulversagen schafft sozialen Frieden, macht einen Teil der jungen Leute glauben, dass sie wirklich zu nichts taugen. Eine Vorhersage, die sich dann leicht selber verwirklicht und verstärkt.

    Da hilft es nur, sich beim eigenen Schopf aus der Sch..... zu ziehen, aus eigener Kraft durchzustarten. Mit 18 ist man voll geschäftsfähig, und wenn einen da keiner einstellen will, kann man sich (Gewerbefreiheit!) sein eigenes Unternehmen gründen, beispielsweise.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Deutschland hat das Problem, dass es trotz steigender Lebenserwartung nur eine Ausbildungsperiode kennt und das ist die Jugend. Im Erwachsenenalter eine reguläre Ausbildung zu bekommen ist selten, allenfalls Umschulungen werden angeboten.

    Das war gut, als sich die Welt noch nicht binnen Jahresfrist verändern konnte. Aber heute muss man doch alle paar Jahre neue Trends auffangen und einbinden. Da tun wir uns mit Leuten, die sich das letzte mal mit Anfang 20 auf etwas neues einstellen und umstellen mussten, natürlich schwer.

    Deutschland sollte sein System radikal ändern. Man sollte generell offener für Ausbildungswillige sein und die Zeugnisse nicht als Ausbildungszugang, sondern als Arbeitsauftrag für die Ausbilder verstehen. Wenn jemand bestimmte Kompetenzen hat, die ein Betrieb sucht, aber ansonsten Defizite, dann müssen diese Defizite in der Ausbildung aufgegriffen und beseitigt werden. Momentan legen alle die Füsse hoch und fühlen sich nicht zuständig...

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    Warum sollten z.B. all diejenigen Frauen, die eine lange Phase als Hausfrau von vielleicht 20 Jahren hinter sich haben und deren Kinder nun das Haus verlassen haben, deren Ausbildungsabschluss nicht mehr zaehlt, weil er zu lange zurueckliegt, nicht nochmal im alter von 40 Jahren fuer 3 Jahre eine ganz normale Ausbildung beginnen? von 43 - 65 koennen sie im Betrieb dann ja immer noch volle 22 (!!) Jahre arbeiten.

    Warum sollten z.B. all diejenigen Frauen, die eine lange Phase als Hausfrau von vielleicht 20 Jahren hinter sich haben und deren Kinder nun das Haus verlassen haben, deren Ausbildungsabschluss nicht mehr zaehlt, weil er zu lange zurueckliegt, nicht nochmal im alter von 40 Jahren fuer 3 Jahre eine ganz normale Ausbildung beginnen? von 43 - 65 koennen sie im Betrieb dann ja immer noch volle 22 (!!) Jahre arbeiten.

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