Ein marokkanisches, aus Libyen geflüchtetes Mädchen im Choucha Flüchtlingslager nahe der tunesischen Grenze

Noch ist kein einziger Libyer, versteckt in einer »Cisalpino«-Toilette, in die Schweiz gelangt. Noch ist kein Schlepper, der seine menschliche Fracht über die grüne Grenze bei Chiasso schmuggeln wollte, dem Grenzwachtkorps ins Netz gegangen. Und der einzige Ägypter, der das Land bewegt, bleibt Samih Sawiris, Großinvestor in Andermatt.

Trotzdem warnen Politiker aller Couleur vor einer biblischen Flüchtlingsflut, die aus Nordafrika nach Europa überschwappe – und auch die Schweiz bedrohe.

Der Zürcher Kantonsrat forderte, »dass keine Flüchtlinge aus Nordafrika aufgenommen werden«. Altbundesrat Christoph Blocher ermahnte am vergangenen Dienstagabend in der Mehrzweckhalle Samstagern seine Jünger: »Standhaft bleiben, auch bei Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika.« Während SVP-Scharfmacher Christoph Mörgeli in der Arena mutige Freiheitskämpfer als schießwütige Horden diffamiert: »Das sind nicht die Leute, die wir in den Quartieren von Köniz, Frauenfeld oder Ilanz haben wollen.«

Und die Medien ziehen mit. Die Tages-Anzeiger- Redaktion sorgt sich um die Sicherheit ihrer Leser: »Kommt die Flüchtlingswelle, droht ein Anstieg der Kriminalität.« Hütet euch vor den Maghrebinern, so der Unterton. Denn die Kriminalitätsrate unter den in der Schweiz wohnenden Algeriern sei sechsmal und unter den Marokkanern und Tunesiern viermal so hoch wie in der Durchschnittsbevölkerung. Kurz und knapp hielt sich die Weltwoche. Sie forderte auf ihrem Titelblatt: »Macht die Grenzen dicht«. Reine Angstmacherei.

Dabei sind die Umwälzungen in Nordafrika eine Chance, gerade für den Kleinstaat Schweiz. Doch um das zu begreifen, braucht es Weitsicht. Etwa dafür, was der demografische Wandel für das Land bedeutet. Seit Jahren sinken hierzulande, wie in ganz Europa, die Geburtenraten. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. In fünfzig Jahren sind, gemäß Bundesamt für Statistik, noch 53 Prozent der Schweizer Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Heute sind es Zweidrittel. Kommen zurzeit auf 27 Pensionierte 100 Arbeitende, werden es 2060 noch deren 53 sein. So stehen jeder Person im Pensionsalter nur noch zwei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüber.

Die Schweiz ergraut, und das schafft Probleme. Weniger Kinder bedeuten weniger Arbeitskräfte, Fachleute wie Dienstleister. Wer also wird in Zukunft die Wunderpillen von Novartis oder Roche entwickeln? Und wer unsere greisen Eltern pflegen? In den USA und in Großbritannien, die mit der Immigration lange Erfahrungen haben, ist man sich dieser Fragen eher bewusst. »In einer nicht allzu fernen Zukunft werden die USA vielleicht darum kämpfen, dass Menschen einwandern, statt die Migranten mit Mauern auszusperren«, schrieb Phillip Longman in einem viel beachteten Essay in der Zeitschrift Foreign Policy. Denn auch Lateinamerika, das Arbeitskräftereservoir Amerikas, verzeichnet sinkende Geburtenraten. Die Gründe sind der steigende Wohlstand und die zunehmende Verstädterung.