Lady Gaga ist bekanntlich eine Stilräuberin, doch nie unter ihrem Niveau. Für ihr neues Musikvideo Born This Way hat sie eine Eröffnungssequenz vom Titanen der Filmmusik geborgt – von Bernard Herrmann. Dessen Hauptthema zu Alfred Hitchcocks Vertigo hat sie so perfekt und hingebungsvoll frisiert wie ihr Haupthaar. Das Zitat ist dermaßen offenkundig, dass es keiner Fußnote bedarf.

Im Jahr von Bernard Herrmanns 100. Geburtstag (1911 bis 1975) ist dieser Clip eine beherzte Hommage, das poppige Aufflammen eines historischen Sterns, an den sich vermutlich nur Cineasten und Filmmusikkenner genauer erinnern. 1941 schoss sich Herrmann mit der Musik zu Orson Welles’ Citizen Kane ins Orbit der Zunft, rumorte massiv bei Robert Wises The Day the Earth Stood Still, thrillerte sieben Mal bei Alfred Hitchcock (darunter bei The Trouble with Harry, Psycho und Marnie) und leuchtete später unter anderem über François Truffauts Fahrenheit 451, Brian de Palmas Sisters und Obsession sowie Martin Scorseses Taxi Driver. Herrmann war mehr als ein Illustrator mit Noten – er schuf Parallelwelten, eigenständige Tonräume, durch deren Fenster man umso gebannter auf die Handlung starrte.

Das berühmteste Motiv seiner Karriere schrieb Herrmann, der übrigens Komposition an der New Yorker Juilliard School studiert und später sogar die New Yorker Philharmoniker und andere Spitzenorchester dirigiert hatte, für das Instrument, das er selbst meisterlich beherrschte: die Violine. Sie sägt, kreischt, beißt ins Ohr und sticht zu, wenn in Psycho der Mord unter der Dusche geschieht. In der englischen Partitur steht als Vortragsanweisung für die Streicher nicht nur fortissimo, sondern auch brutale. Diese Stelle ist mit ihrer an die Nerven gehenden Dramatik legendär geworden.

Zu Herrmanns 100. Geburtstag legt das englische Label Signum nun einen kleinen Ausschnitt aus seinem kammermusikalischen Schaffen vor, wobei die (von Richard Birchall arrangierte) Suite aus Psycho in der erstaunlich gut funktionierenden Version für Streichquartett sicherlich den Lockvogel für potenzielle Käufer abgibt. Das Cover wirbt mit einem Duschstrahl, der bei genauer Betrachtung aus den vier Stimmen des Quartetts in der Mord-Szene besteht. Im Vergleich zu dieser eiskalt-elementaren Gewaltstudie ist die Begegnung mit Herrmanns Klarinettenquintett Souvenirs de Voyage (1967) beinahe berückend und führt zu Musik von höchstem Raffinement, lockend-spätromantisch im Ausdruck, humanistisch-reizend in den Farben – und insgesamt in einem Maße wählerisch, dass man sich eher freut, statt vergrätzt zu sein. Auch die Echoes (1966) für Streichquartett bezaubern durch ihren ätherischen Reiz. Julian Bliss (Klarinette) und das Tippett Quartet musizieren mit Hingabe und Feuer.

Herrmann war fünf Mal für den Oscar nominiert, bekam ihn aber nur 1942 – für die Musik zu William Dieterles The Devil and Daniel Webster. Immerhin verschaffte ihm Hitchcock einmal die Ehre, leibhaftig und unter eigenem Namen auftreten zu dürfen: In The Man Who Knew Too Much spielt Bernard Herrmann die famose Rolle des Dirigenten Bernard Herrmann, der in der Londoner Royal Albert Hall gastiert, wo bei einem lauten Beckenschlag ein Mord passieren soll. Ein Traum für den Mann, der als Komponist einer Filmmusik selbst immer mehr wusste als alle anderen.

Bernard Herrmann: "Psycho" (Signum SIG 234/Note 1)