Der Tatort vor dem Safeway-Supermarkt in Tucson, Arizona. © Kevork Djansezian/Getty Images

James Eric Fuller ist bester Laune, als er um kurz vor zehn auf dem Parkplatz vor dem Safeway-Supermarkt in Tucson, Arizona, eintrifft. Es ist der 8. Januar, ein für die Jahreszeit ungewöhnlich warmer Samstagmorgen, und der 63-jährige Fuller hat in der Früh schon einen Bekannten beim Tennis besiegt, den er sonst nie schlagen konnte. Unter einem Sonnenschirm entdeckt er Gabrielle Giffords, die demokratische Kongressabgeordnete. Ihretwegen ist er gekommen, sie hat zu einem Bürgergespräch eingeladen.

Fuller hat sie im Wahlkampf 2010 unterstützt und 200 Stimmen für sie gesammelt. In Fullers Tasche steckt ein Zettel, auf dem er zwei Fragen notiert hat, die er ihr stellen will: Was hat sie vor, gegen die Folter in Afghanistan und im Irak unternehmen? Und warum war der Wahlkampf in Arizona so aggressiv? Giffords’ Gegner, der Republikaner Jesse Kelly, hatte die Einwohner Tucsons aufgefordert, mit ihm zusammen ein Maschinengewehr abzufeuern, um Gabrielle Giffords aus dem Amt zu jagen. Fuller fand die Kampagne so skandalös, dass er die schlimmsten Zitate Kellys aufschrieb. Die Blätter bewahrt er bei sich zu Hause auf. Fuller kann sich nicht vorstellen, dass Menschen mit gesundem Verstand für diesen Mann stimmen. Fuller will noch nach Kelly fragen, aber dazu kommt er nicht mehr.

Er begrüßt Giffords kurz, setzt sich auf einen Stuhl. Kurz darauf, um zehn nach zehn, hört er Schüsse , neben ihm steht Jared Lee Loughner mit einer Pistole in der Hand und schießt und schießt. Fuller wird getroffen und fällt auf den Boden. Er ist überzeugt davon, dass er sterben wird. Aber eine Frau kann den Täter stoppen, ein anderer Mann überwältigt ihn. Fuller steht auf und merkt, dass Blut an seinem Bein herunterläuft. Er schleppt sich zu seinem Auto und fährt zum Krankenhaus. Dort wird eine Kugel aus seinem Knie entfernt. Gabrielle Giffords überlebt mit einem Kopfschuss. Tucson hat sich neben Oklahoma City und Columbine in die Landkarte der Vereinigten Staaten gebrannt.

Am Montag nach dem Amoklauf steigt die Zahl der verkauften Waffen in Arizona um 60 und in den USA insgesamt um fünf Prozent. Während in der amerikanischen Öffentlichkeit eine Diskussion darüber ausbricht, ob der Täter politisch motiviert oder nur psychisch krank gewesen sei , reagieren die meisten Nachbarn, wie James Eric Fuller es befürchtet hat: Sie gehen zum nächsten Waffengeschäft. Fuller kämpft seit Jahren gegen die innere Aufrüstung der USA, gegen die Waffenliebe seiner Mitbürger. Er muss etwas unternehmen.

Als James Eric Fuller aus dem Krankenhaus zurückkehrt, ahnt er, dass jener 8.Januar vieles für ihn verändert hat. Er kann sich aber nicht vorstellen, dass er selbst am Ende verhaftet werden wird. Noch glaubt er an seine Mission.

Zuerst entfernt er die Gabrielle-Giffords-Sticker von seinem Auto. Er hat plötzlich Angst, dass weitere »Wahnsinnige« ihn wegen seiner politischen Überzeugungen angreifen könnten. Fuller verbarrikadiert sich für ein paar Tage in seinem Haus. Er ist Pensionär. Gästen drückt er seine Visitenkarte in die Hand, darauf steht: J.Eric Fuller, Political Circulator.

James Eric Fuller ist Politaktivist, das bedeutet, er engagiert sich bis zur Selbstaufgabe und oft ohne Bezahlung für die Demokraten. Er hat vor Bibliotheken und Einkaufscentern gestanden, Menschen für Wahlen registriert oder gegen die freizügigen neuen Waffengesetze Arizonas Unterschriften gesammelt. Manchmal verdiente er dabei 25 Cent pro Unterschrift und manchmal, wenn Wahlen näher rückten, drei oder vier Dollar. Fuller geht zu allen Veranstaltungen der Demokraten, er ist immer da. Seine Ansichten sind radikal, und er neigt dazu, sie laut vorzutragen, ganz gleich, ob das passend ist oder nicht.

Zwei Monate nach dem Attentat sitzt Fuller in seinem Wohnzimmer. Er hat einen Schlips umgebunden, und sein schmaler Körper bebt, wenn er vom Attentat erzählt. Die Tragödie hat seinen Zorn noch gesteigert. Fullers Stimme bricht fast vor Empörung, wenn er über Sarah , die Ikone der Tea-Party-Bewegung, spricht oder über Glenn Beck, den ultrakonservativen Fernsehkommentator, der den amerikanischen Präsidenten Barack Obama als Rassisten, Nazi oder Kommunisten beschimpft. Fuller gibt ihnen die Schuld an dem Verbrechen, dessen Opfer er wurde. Er sagt: »Es wäre ein Wunder, wenn Jared Loughner nie etwas von ihnen gehört hätte. Es sieht aus, als hätten r und Beck ihre ersten Opfer bekommen. Die ersten Opfer ihres Einsatzes für den zweiten Zusatzartikel zur Verfassung.«

Der zweite Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung garantiert jedem Amerikaner das Recht, eine Waffe zu tragen. Er wird jetzt sehr oft zitiert in Tucson, einer Stadt mit 600.000 Einwohnern. Meist dient der Zusatzartikel als Mittel, um jeden Kritiker der freizügigen Waffengesetze zum Schweigen zu bringen. Jeder kleinste Korrekturvorschlag kann so als Angriff auf die Verfassung, als Angriff auf die Vereinigten Staaten an sich gedeutet werden.

Fuller wurde wegen seines Einsatzes für eine schärfere Waffenkontrolle im vergangenen Jahr von einer Anhängerin der Tea-Party-Bewegung als »Verräter« beschimpft. Fuller will Korrekturen, Veränderungen. »Jared Loughner hätte niemals eine Waffe bekommen dürfen«, sagt er. Arizona ist ein Land, in dem man eine halbautomatische Waffe mit erweitertem Magazin für 33 Schuss im Sportgeschäft und Munition im Supermarkt kaufen kann.

Um sich herum auf dem Tisch hat Fuller Blätter verteilt mit Zahlen, Daten, Fakten. Er zitiert die Studien der Brady Campaign, einer Nichtregierungsorganisation, die für eine stärkere Waffenkontrolle eintritt. Nach ihren Schätzungen sind in den USA 283 Millionen Waffen in privaten Händen. Und jedes Jahr sterben im Durchschnitt 31224 Menschen durch Waffengewalt, 66769 werden verletzt. »Das sind 268 am Tag!« Fuller schreit die Zahlen in sein Wohnzimmer. Er hat miterlebt, wie Arizonas republikanische Gouverneurin 2010 noch einmal die Waffengesetze lockerte. Seitdem darf jeder Erwachsene ohne Erlaubnis und ohne Prüfung seiner Vergangenheit verdeckt Waffen tragen – in Supermärkten, Restaurants, Bars und Kinos. Auch das achtstündige Training, bei dem man früher lernte, wie man mit ihnen umgeht, wurde abgeschafft. Fuller kann das alles nicht begreifen, fühlt sich wie erschlagen. Er sitzt oft zu Hause und hört Schumann oder Beethoven. Oder er übt Klavier, als müsse er gegen die Unbelehrbarkeit der Welt da draußen anspielen.

Die Waffenlobby ist traditionell sehr mächtig im einstigen Wilden Westen. Und die Grenze ist nah, nur 60 Meilen sind es bis nach Mexiko. Im vergangenen Jahr wurden ein Ranger und ein Grenzpolizist erschossen. Auch deshalb hat Arizonas das schärfte Einwanderungsgesetz der USA. In Tucson herrscht Angst, vor illegalen Einwanderern und dem Drogenkrieg im Nachbarland. »Dabei kommen die Mexikaner zu uns, um ihre Waffen zu kaufen«, sagt Fuller.