"Police! This is a terrorist!", schrie der Verfolger, als der Terrorist in die mit Fluggästen gefüllte Halle E des Terminals 2 am Frankfurter Flughafen rannte. Acht Schüsse hatte der Mann mit dem Kampfnamen Abu Reyam (was soviel heißt wie »drängender Vater«) schon abgefeuert. Dann klemmte eine Hülse in der Waffe. Der Attentäter floh aus dem Bus der US-Streitkräfte. Ein Soldat, sein fünftes potenzielles Opfer, auf das er eben gezielt hatte, verfolgte ihn geistesgegenwärtig. Durch die Schreie des GI wurden zwei Beamte der Bundespolizei auf den Islamisten aufmerksam. Sie stellten den 21-jährigen Mörder am oberen Ende einer Treppe.

Man muss sich die Szene vergegenwärtigen, um die Dramatik der Ereignisse zu verstehen. Nur durch Zufall wurde Frankfurt kein zweites Fort Hood. In der US-amerikanischen Militärbasis hatte 2009 der Attentäter Nidal Malik Hassan 13 GIs umgebracht. Auch er besaß besondere Kenntnisse des Tatorts, auch er hatte sich vor allem über das Internet radikalisiert, im E-Mail-Kontakt mit einem Prediger. Auch er wählte Soldaten, die auf dem Weg zum Einsatz in Afghanistan waren, als Opfer aus.

Am vergangenen Mittwoch trat sein deutscher Nachfolger aus dem Netz in die Realität. Der Weg zur Tat war – soviel steht bereits jetzt fest – beunruhigend kurz. Und die Tat selbst war kaum vorhersehbar. Vor wenigen Wochen erst, sagen die Sicherheitsbehörden, habe Arid U. sich in die Welt des virtuellen Dschihad begeben, um auf fundamentalistischen Seiten wie DawaFfm oder Die wahre Religion zu surfen. Dort wird ein salafistischer Islam gepredigt, der sich gegen Ungläubige richtet und sogenannte weiche Muslime brandmarkt. Das Tragen des hijab beispielsweise, des Ganzkörperschleiers, gilt für Frauen als Pflicht.

Arid U. konsumierte Clips von Auftritten, bei denen etwa der Prediger Pierre Vogel, ein ehemaliger Boxer und heute eine Berühmtheit in der radikalislamischen Szene, wie ein Popstar die ihm bereitete Bühne betritt. In rheinischem Singsang macht Vogel den Vorschlag, in Problemstadtteilen wie Berlin-Neukölln doch mal für ein Jahr die Scharia einzuführen: »für Ehrenmorde Todesstrafe, für Klauen Hand ab.« Wer derartige Regeln beherzige, so lautet die Botschaft, steigere seine Chancen, ins Paradies zu gelangen.

Vor Jahren schon warnte deshalb der Berliner Verfassungsschutz: »Das Gefährdungspotenzial des Salafismus besteht in seiner hochgradig radikalisierungsfördernden Wirkung.« Tatsächlich war der Täter von Frankfurt ein Mann, wie es ihn zu Hunderten, wenn nicht Tausenden in Deutschland gibt: ein junger Fanatiker, bei dem ein kleiner Auslöser reicht, um ihn zu entsichern, um seine virtuelle Welt zur Basis realer Handlungen zu machen. Arid U. stammt aus einer religiösen, aber keineswegs radikal eingestellten Familie. Er trat nicht wie so viele Nachwuchs-Islamisten die riskante Reise in ein Ausbildungslager in »AfPak« an. Er kämpfte nicht in Afghanistan gegen die »Ungläubigen«, sondern lebte im realen Leben scheinbar unauffällig als Zeitarbeiter im Postverteilzentrum des Flughafens. Bis vor einer Woche war er kein Gefährder, der im Blick der Dienste und Polizeibehörden stand.

Bei Arid U. soll ein Video auf YouTube, das er sich am Vortag der Tat anschaute, den letzten Kick gegeben haben. Da sei zu sehen gewesen, wie ein US-Soldat in Afghanistan eine Muslimin vergewaltigt. Ob es sich bei solchen Filmen um wahre Ereignisse handelt wie auf jenem berühmten Video, das die Begeisterung einer US-Helikopterbesatzung beim Töten von Zivilisten in Bagdad dokumentierte, oder ob nur geschickt montierte Täuschungen im Netz stehen – das ist letztlich egal. Wichtig ist allein, dass der Westen als Aggressor erscheint. »Solche Videos sind von ganz entscheidender Bedeutung«, sagt Asiem el Difraoui, Experte für die Internet-Islamisten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. »Die Bilder sind oft der entscheidende Anstoß zur Radikalisierung.«

Das Netz ist die neue Front des Dschihadismus. Aufwiegelnde Filme kursieren zu Dutzenden, sie werden endlos weiter verbreitet, über E-Mails, Blogs, File-sharing-Seiten oder in Webforen. Weltweit existiert ein halbes Dutzend größerer Foren, in die eigene Inhalte eingestellt werden. In der Hauptsache sind das Aufrufe zum Kampf für den islamischen Gottesstaat, dazu theologische Argumentationen, die die Legimität dieses Dschihads begründen sollen, und konkrete Anleitungen in Waffenkunde oder Bombenbau. Dazu kommen Filme und Bilder, die die Leiden von Muslimen dokumentieren, sowie Galerien der »Heldentaten« islamistischer Krieger – oft untermalt von meditativer Musik. Sogar per Bluetooth vervielfältigen Fundamentalisten untereinander »jihadi-packages«, zugeschnitten für die Nutzung auf dem Handy.