Internet-IslamistenDschihad im Netz

Ein Heiliger Krieg ohne militärischen Führer und mit einer Armee aus Einzeltätern: Das ist die Vision der Internet-Islamisten. von Christian Denso

Terrorismus-Anleitung per Mausklick: Eine Seite des fundamentalistischen Magazins "Inspire"

Terrorismus-Anleitung per Mausklick: Eine Seite des fundamentalistischen Magazins "Inspire"  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

"Police! This is a terrorist!", schrie der Verfolger, als der Terrorist in die mit Fluggästen gefüllte Halle E des Terminals 2 am Frankfurter Flughafen rannte. Acht Schüsse hatte der Mann mit dem Kampfnamen Abu Reyam (was soviel heißt wie »drängender Vater«) schon abgefeuert. Dann klemmte eine Hülse in der Waffe. Der Attentäter floh aus dem Bus der US-Streitkräfte. Ein Soldat, sein fünftes potenzielles Opfer, auf das er eben gezielt hatte, verfolgte ihn geistesgegenwärtig. Durch die Schreie des GI wurden zwei Beamte der Bundespolizei auf den Islamisten aufmerksam. Sie stellten den 21-jährigen Mörder am oberen Ende einer Treppe.

Man muss sich die Szene vergegenwärtigen, um die Dramatik der Ereignisse zu verstehen. Nur durch Zufall wurde Frankfurt kein zweites Fort Hood. In der US-amerikanischen Militärbasis hatte 2009 der Attentäter Nidal Malik Hassan 13 GIs umgebracht. Auch er besaß besondere Kenntnisse des Tatorts, auch er hatte sich vor allem über das Internet radikalisiert, im E-Mail-Kontakt mit einem Prediger. Auch er wählte Soldaten, die auf dem Weg zum Einsatz in Afghanistan waren, als Opfer aus.

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Am vergangenen Mittwoch trat sein deutscher Nachfolger aus dem Netz in die Realität. Der Weg zur Tat war – soviel steht bereits jetzt fest – beunruhigend kurz. Und die Tat selbst war kaum vorhersehbar. Vor wenigen Wochen erst, sagen die Sicherheitsbehörden, habe Arid U. sich in die Welt des virtuellen Dschihad begeben, um auf fundamentalistischen Seiten wie DawaFfm oder Die wahre Religion zu surfen. Dort wird ein salafistischer Islam gepredigt, der sich gegen Ungläubige richtet und sogenannte weiche Muslime brandmarkt. Das Tragen des hijab beispielsweise, des Ganzkörperschleiers, gilt für Frauen als Pflicht.

Arid U. konsumierte Clips von Auftritten, bei denen etwa der Prediger Pierre Vogel, ein ehemaliger Boxer und heute eine Berühmtheit in der radikalislamischen Szene, wie ein Popstar die ihm bereitete Bühne betritt. In rheinischem Singsang macht Vogel den Vorschlag, in Problemstadtteilen wie Berlin-Neukölln doch mal für ein Jahr die Scharia einzuführen: »für Ehrenmorde Todesstrafe, für Klauen Hand ab.« Wer derartige Regeln beherzige, so lautet die Botschaft, steigere seine Chancen, ins Paradies zu gelangen.

Vor Jahren schon warnte deshalb der Berliner Verfassungsschutz: »Das Gefährdungspotenzial des Salafismus besteht in seiner hochgradig radikalisierungsfördernden Wirkung.« Tatsächlich war der Täter von Frankfurt ein Mann, wie es ihn zu Hunderten, wenn nicht Tausenden in Deutschland gibt: ein junger Fanatiker, bei dem ein kleiner Auslöser reicht, um ihn zu entsichern, um seine virtuelle Welt zur Basis realer Handlungen zu machen. Arid U. stammt aus einer religiösen, aber keineswegs radikal eingestellten Familie. Er trat nicht wie so viele Nachwuchs-Islamisten die riskante Reise in ein Ausbildungslager in »AfPak« an. Er kämpfte nicht in Afghanistan gegen die »Ungläubigen«, sondern lebte im realen Leben scheinbar unauffällig als Zeitarbeiter im Postverteilzentrum des Flughafens. Bis vor einer Woche war er kein Gefährder, der im Blick der Dienste und Polizeibehörden stand.

Bei Arid U. soll ein Video auf YouTube, das er sich am Vortag der Tat anschaute, den letzten Kick gegeben haben. Da sei zu sehen gewesen, wie ein US-Soldat in Afghanistan eine Muslimin vergewaltigt. Ob es sich bei solchen Filmen um wahre Ereignisse handelt wie auf jenem berühmten Video, das die Begeisterung einer US-Helikopterbesatzung beim Töten von Zivilisten in Bagdad dokumentierte, oder ob nur geschickt montierte Täuschungen im Netz stehen – das ist letztlich egal. Wichtig ist allein, dass der Westen als Aggressor erscheint. »Solche Videos sind von ganz entscheidender Bedeutung«, sagt Asiem el Difraoui, Experte für die Internet-Islamisten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. »Die Bilder sind oft der entscheidende Anstoß zur Radikalisierung.«

Das Netz ist die neue Front des Dschihadismus. Aufwiegelnde Filme kursieren zu Dutzenden, sie werden endlos weiter verbreitet, über E-Mails, Blogs, File-sharing-Seiten oder in Webforen. Weltweit existiert ein halbes Dutzend größerer Foren, in die eigene Inhalte eingestellt werden. In der Hauptsache sind das Aufrufe zum Kampf für den islamischen Gottesstaat, dazu theologische Argumentationen, die die Legimität dieses Dschihads begründen sollen, und konkrete Anleitungen in Waffenkunde oder Bombenbau. Dazu kommen Filme und Bilder, die die Leiden von Muslimen dokumentieren, sowie Galerien der »Heldentaten« islamistischer Krieger – oft untermalt von meditativer Musik. Sogar per Bluetooth vervielfältigen Fundamentalisten untereinander »jihadi-packages«, zugeschnitten für die Nutzung auf dem Handy.

Leserkommentare
  1. Die traurige Realität ist, diese neue asymmetrische Art der Kriegsführung funktioniert. Sekten, Faschisten, oder Kommunisten rotten sich immer zusammen, um die Freiheit zu bedrohen.

    Hier wird das Individuum zum Schrecken der Gesellschaft.

    Bei diesem Theme kann weder mit Bildung, Wohlstand, oder Integration, oder sonst etwas gegengesteuert werden. Der Glaube führt diese Maßnahmen ad absurdum.

    In dieser Realität anzukommen, und daraus Konsequenzen zu ziehen, wird noch eine sehr langer und blutiger Weg.

    Zu jeder Zeit, in jedem Nest, kann sich ein "Rechtgläubiger" berufen fühlen, den Feind auszurotten. Der Nachbar von nebenan, dreht dann einfach mal durch. Wie vor kurzem in Deutschland geschehen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Es sind nicht nur Einzeltäter, es ist ein diffus organisiertes Millieu, wie der Artikel schon andeutet.

    Und damit wird es noch schwieriger. Die Einzelperson hat damit nicht unmittelbar ein direktes Umfeld, das im Vorfeld zu orten wäre, sondern Planer und Ausführer können unabhängig voneinander sein und sich erst recht kurzfristig vor der Tat begegnen.

    Werden die "ausführenden Organe" erst nach ihrer Radikalisierung relativ kurzfristig kontaktet, wenn sie "reif" sind, ist das äusserst schwer oder gar nicht nachzuvollziehen. Folglich bleibt die Weste des "Ausführenden" bis zum letzten Moment "sauber", während Knowhow und Nachschubwege des Organisators geschützt bleiben.

    So jedenfalls sollen Selbstmordanschläge im Irak vorbereitet worden sein und es besteht Grund zu der Annahme, dass diese Taktik den Weg nach Europa bereits gefunden hat.

    Eine Leserempfehlung
  3. ist zwar die Gefahr für Leib und Leben des Einzelnen zwar gering, trotzdem ist es beunruhigend. Wenn ich mich selbst z.B. durch Extremsportarten in Gefahr bringe, dann ist das mein persönliches Risiko, ich kann aber gerne darauf verzichten, dass Andere die Wahrscheinlichkeit meines Ablebens u.U. signifikant erhöhen

    Man sollte die Gefahr trotzdem nicht Kleinreden. Wenn die Attentäter die Chance haben mehr Menschen zu töten, dann werden sie es auch tun. Madrid und London sind nicht so weit weg, und in Deutschland sind die Attentäter bis jetzt nur an handwerklichen Fehlern gescheitert.

    In diesem Zusammenhang ist auch erstaunlich, dass dieses Attentat in der deutschen Politik und Presse ein Nicht-Ereignis ist. Als in den USA auf dem Stützpunkt das Attentat stattfand, war dies in der deutschen Medienlandschaft besser dokumentiert.

    Ich verstehe ja, dass man vermeiden will falsche Ressentiments zu wecken, aber das ist offensichtlich zu gut gemeint. Ich würde aber eine offene Diskussion über die Motivation und die Unterstützer (auch wenn sie nur "klammheimlich" ist) begrüßen. Was ich auch vermisse ist eine offensive Pressearbeit der muslimischen Verbände, in der solche Anschläge auf's Schärfste verurteilt werden. Sind es lediglich schlechte Medieberater, oder gibt es diese Distanzierung nicht? Das beuruhigt mich mehr, als irgendwelche halbstarken Schläger in den U-Bahnen deutscher Großstädte.

    Eine Leserempfehlung
  4. Spätestens wenn jeder beliebige Mensch durch den Druck auf den Roten Knopf die Menschheit vernichten kann, wird es um diese geschehen sein. Denn Wahnsinn und Fanatismus mag in den Religionen besonders verbreitet sein, aber exklusiv haben sie ihn nicht. In jeder Vegetarismusdebatte kommt zum Beispiel der Punkt, wo jemand die Ausrottung der Menschheit herbeisehnt, um die geschundene Natur zu befreien.

    Dennoch scheint es mir sinnvoll zu sein, den Kampf gegen religiöse Denkmuster ernstzunehmen, und nicht gar Religionen gar als positive Errungenschaft zu feiern. Jeder Mensch, der die Autorität von Gespenstern ernster nimmt als das Leben seiner Mitmenschen, ist eine Bombe, der offenbar relativ leicht ein Zünder eingebaut werden kann.

  5. [...]

    Bitte diskutieren Sie differenziert und vermeiden Sie Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/er

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  • Schlagworte Dschihad | Afghanistan | Frankfurter Flughafen | Kofferbomber | Polizei | Bagdad
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