Studentenproteste in England © Gettyimages/Oli Scarff

In England protestieren die Studenten gegen die Pläne der Koalitionsregierung, die Universitäten zu reformieren. Ihre Sorgen sind berechtigt. Tories und Liberaldemokraten sind fest entschlossen, die Mittel für die Naturwissenschaften drastisch zu kürzen, während den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften die Unterstützung vollständig entzogen werden soll. Andererseits wird es den Universitäten erlaubt, Studiengebühren von bis zu 15.000 Euro im Jahr zu erheben. Die normale dreijährige Undergraduate- Ausbildung wird also in Zukunft fast 50.000 Euro kosten, und zwar zu einem Zeitpunkt, da das Durchschnittseinkommen in England 32.000 Euro beträgt.

Doch schon werden an den Universitäten Stimmen laut, die behaupten, die neu zu erhebenden Gebühren seien zu niedrig, um die laufenden Kosten zu decken. Man wird also entweder strukturändernde Sparmaßnahmen einführen müssen – beispielsweise die Auflösung des Systems von intensivem Einzelunterricht, das seit 150 Jahren die Grundlage der Ausbildung in Oxford und Cambridge darstellt – oder die Gebühren noch weiter erhöhen. Eine dritte Möglichkeit, die von den Tories immer wieder ausgesprochene Hoffnung, die Differenz könne durch »Privatspender« gedeckt werden, hat sich wiederholt als eine Fantasievorstellung erwiesen.

Wenn man das »Marktprinzip« im universitären Bereich einmal anerkannt hat, ist es nur konsequent, Gebühren zu erheben, die dem tatsächlichen »Marktwert« etwa einer Oxford-Ausbildung entsprechen. Da kein normaler Engländer auf die Idee käme, englische Universitäten mit Hochschulen auf dem Kontinent zu vergleichen, gelten die amerikanischen Eliteuniversitäten als die internationale »Konkurrenz«. Die Studiengebühren in Yale, Harvard, Stanford und so weiter aber haben längst die 25.000-Euro-Grenze (pro Studienjahr) überschritten. Also ist eine Erhöhung der englischen Studiengebühren keineswegs ausgeschlossen. Doch wo sollen diese riesigen Summen herkommen?

Die Antwort lautet: Studenten aus wohlhabenden Kreisen werden auf ihre Familien zurückgreifen müssen. Bei Familien, die es sich leisten konnten, galt es schließlich immer schon als eine Selbstverständlichkeit, dass die Kinder auf Privatschulen geschickt werden. Die führenden Persönlichkeiten der Koalitionsregierung haben allesamt solche Schulen besucht: Premierminister David Cameron das Eton College (35.000 Euro pro Jahr); der stellvertretende Premierminister Nick Clegg die Westminster School (34.000 Euro); der Finanzminister George Osborne die St. Paul’s School (23.000 Euro).

Die Reform wird dazu führen, dass junge Leute aus risikoscheuen, bescheidenen Verhältnissen auf den Besuch der Universität verzichten werden und dass sich die »Schuldenkultur« unter denen, die es dennoch versuchen, verfestigt.

Zweifellos haben bei der geplanten Universitätsreform die bekannten dogmatischen Prinzipien des Neoliberalismus Pate gestanden: Nur der private Sektor erzeugt Reichtum; private Unternehmen sind immer »effizienter« als öffentliche; die Konkurrenz auf dem freien Markt führt von sich aus zu einer Erhöhung der durchschnittlichen Qualität der angebotenen Waren; der Staat muss so klein gehalten werden wie möglich und so weiter. Gleichwohl speist sich der Angriff auf die Geistes- und Sozialwissenschaften noch aus anderen Quellen als aus der neoliberalen Schule. So hört man seit der Thatcher-Zeit in Tory-Kreisen immer wieder das Lamento, Großbritannien leide daran, dass zu viele gescheite Leute Akademiker werden anstatt Unternehmer, dass zu viele Akademiker Geschichte und Literaturwissenschaft studieren anstatt Physik und Chemie und dass zu viele Naturwissenschaftler »reine« Forschung betreiben anstatt kommerzielle, angewandte Forschung.

Es liegt auf der Hand, dass die Universitätsreform diesem »Missstand« gegensteuern soll. Zum Teil spielt dabei der an sich keineswegs abwegige Gedanke eine Rolle, die Geisteswissenschaften seien im Gegensatz etwa zur Medizin Luxusgüter; zum Teil mag das philiströse Vorurteil im Hintergrund stehen, die Geisteswissenschaften seien keine wirklichen Güter, sondern nur eine Art Flitterwerk. Diese Vorstellung ist mit dem neoliberalen Denken unverträglich, denn wenn der Wert allein durch die Nachfrage konstituiert wird, dann sind Gold und Talmi gleichwertig, falls sie in gleicher Weise nachgefragt werden.