FacebookHinter jedem Freund steckt eine Werbung

Wenn Freunde zu Agenten des Einzelhandels werden: Facebook benutzt seine Mitglieder und macht ihre Profilseiten zu Werbetafeln. Ein Gastkommentar von Luca di Blasi von Luca di Blasi

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Wer sein Konto bei Facebook löschen will, bekommt, gleichsam als digitalen Abschiedsgruß, das Profilbild von Freunden zu sehen. Begleittext: »Florian wird Dich vermissen.« Oder so ähnlich. Man kann darin das beginnende Facenapping durch Maschinen erkennen. Es ist wie in manchen Science-Fiction-Filmen, bei denen sich hinter der Maske der besten Freunde fiese Aliens verbergen. Was aber, wenn die Vision der Wahrheit schon recht nahe käme?

Anfang des Jahres gaben die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs und der russische Investor Digital Sky Technologies bekannt, 500 Millionen Dollar für ein Prozent der Facebook-Anteile zahlen zu wollen. Seitdem rätselt die Welt, ob eine Firma mit ihren rund 2000 Beschäftigten insgesamt 50 Milliarden Dollar oder sogar noch mehr wert sein könne und woher die Einnahmen kommen sollen, die diese Zahlen rechtfertigen. Da Facebook auch künftig keine Mitgliedergebühren erheben will, bleibt im Wesentlichen nur die Werbung.

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Luca Di Blasi

ist wissenschaftlicher Assistent im ICI Kulturlabor, einem privaten Forschungsinstitut in Berlin. Forschungsschwerpunkte von Di Blasi sind Medienphilosophie und Kunsttheorie.

Dummerweise sollen die Preise für Werbung bei Facebook niedriger sein als sonst im Internet üblich. Und der Anteil an Werbung in Sozialen Netzwerken am gesamten Web-Werbebudget ist bescheiden. Ein wichtiger Grund dafür: Bei Google sucht man aktiv nach Dingen und ist daher viel aufgeschlossener für passende Suchergebnisse, selbst wenn diese in Form von Anzeigen erscheinen. Bei Facebook sucht man nicht nach Waren und will sie auch nicht unbedingt in Form von Bannerwerbung finden.

Es gibt aber einen zweiten, wichtigeren Grund. Anzeigen konkurrieren in Sozialen Netzwerken mit übermächtigen Gegnern: mit dem Foto der schwangeren »Freundin«, auf deren Bauch mit Lippenstift »18 Wochen« geschrieben steht; mit dem Hinweis, dass mehreren »Freunden« unsere letzte Mitteilung gefallen habe; mit dem veränderten Beziehungsstatus einer Kollegin von »verheiratet« auf »Single«. Gegen solche Mitteilungen kommt keine Werbung an.

In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Fittkau & Maaß sprachen sich 94 Prozent der Befragten gegen personalisierte Werbung aus. Sie fühlten sich durch sie regelrecht beschattet und äußerten Bedenken zum Datenschutz. Onlinewerbung scheint daher eine Gratwanderung zu sein: genug personalisiert, um spezielle Zielgruppen ansprechen zu können, und unscharf genug, um Nutzern nicht das Gefühl zu vermitteln, sie würden ausgespäht. Was aber, wenn das Grundproblem personalisierter Werbung nicht darin besteht, zu personalisiert zu sein, sondern: nicht persönlich genug?

Facebook hat genau dies verstanden und eine Infrastruktur geschaffen, die die Grenzen der Vereinbarkeit von Freundschaft und Ökonomie überwindet. Im Internet ist der Verdacht, dass sich hinter glatten Oberflächen manipulierende Subjekte verbergen, aufgrund einer unübersichtlichen Infrastruktur besonders ausgeprägt. Gerade hier sind daher Freunde ideale Verkäufer, weil man ihnen vertraut. Facebook ist dabei, Freundschaft und Handel so miteinander zu koppeln, dass beide Bereiche eindeutig voneinander getrennt und damit stabil bleiben und sich zugleich ununterscheidbar ineinanderschieben. Freunde bleiben Freunde und werden in seltsamer Janusköpfigkeit gleichzeitig zu Agenten von Händlern.

Die Facebook-»Freundschaft« hat mit vormodernen Vorstellungen von intimen, aber nicht sexuellen Beziehungen innerhalb eines überschaubaren Personenkreises nur noch teilweise zu tun. In Online-Freundschaftsnetzwerken dienen »Freunde« auch und gerade der Selbstdarstellung, der Netzwerkbildung, der Komplexitätsreduktion. Sie stellen eine Art persönliches Korrespondentennetz dar, das uns regelmäßig mit mehr oder weniger persönlich gefärbten Informationen versorgt und gleichzeitig die Informationsmassen des Internets so filtert, dass nur die besten Trouvaillen auf die Pinnwand gelangen. Facebook-»Freunde« sind persönliche Nachrichtenagentur und Suchmaschine zugleich.

Leserkommentare
  1. ...alles kostenlos und die nervige Werbung auf Zeit.de ist einfach weg. die Seite sieht gleich viel schöner und übersichtlicher aus.

    Ob es bei facebook funktioniert kann ich nciht sagen. Denn facebook ist Zeitverschwendung. Damals wurde auch myspace als neuer Jesus gefeiert - heute tot.

    9 Leserempfehlungen
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    Ghostery sollten sie auch noch hinzufügen - damit ist man die Tracker los, die sich oft in Werbung verstecken, aber auch recht unscheinbar in Objekten wie dem Facebooks Zeugs (egal ob Like, connect) oder der Disqus Platform.

    Über diese Probleme habe ich übrigens auch schon 2 Male geschrieben...

    -> Einfache Privatsphärenverbesserung (Deutsch):
    http://community.zeit.de/...

    -> Ein Block auf Google und Facebook (Englisch):
    http://community.zeit.de/...

    Naja, die Alternative zu nerviger Werbung sind nicht etwa Firefox und Adblocker, sondern kostenpflichtige Angebote. Würde die große Mehrheit der Nutzer die Anzeigen blockieren, hätten die Seitenbetreiber wohl keine andere Wahl - auf Dauer haben sie die wahrscheinlich sowieso nicht.

    Bei Facebook ist das noch mal eine andere Geschichte, ich bezweifle trotz einiger anderslautender Meldungen aus der letzten Zeit, dass das Unternehmen jemals schwarze Zahlen geschrieben hat. Es wird jedoch fleißig daran gearbeitet, wie es der Artikel sehr gut beschreibt, und ich vermute, dass sich das schon in diesem Jahr rentieren kann. Wie soll das aber bei zeit.de und anderen Online-Nachrichtenangeboten aussehen? Man darf nicht vergessen - die Kunden auf dieser Seite sind nicht wir, die Nachrichtenleser, sondern die, die hier ihre Anzeigen platzieren. Wenn die Kunden nicht zufrieden sind, geben sie weniger Geld - und von der ZEIT zu fordern, Qualitätsjournalismus quasi zum Nulltarif anzubieten, halte ich für ein wenig unverschämt.

    Natürlich kann man auch niemanden zwingen, sich die präsentierte Werbung anzuschauen. Auf Dauer werden die Anbieter schon die Notbremse ziehen, wenn sie das alles nicht mehr finanzieren können.

    Bei der Zeit jedoch macht mir der Einsatz eines Werbeblockers ein schlechtes Gewissen. Könntet ihr nicht irgendwie eine Möglichkeit geben Eure Artikel zu bezahlen? "flattr" bietet das an - wenn es nicht unter den Artikeln sein soll vielleicht an anderer Stelle. Aber Werbung lenkt ab - ich möchte lieber Geld geben - auch für die Onlineversion.

  2. Ich frage mich, kann man Facebook mit Counter strike vergleichen? Counter strike (Ballerspiel)

    Irgendwie ja:

    Beide Benutzer verbringen lange Zeit an einem Online-Software, beide Benutzer kommunizieren dabei, beide Benutzer können sich eine Wunschidentität schaffen, beide Benutzer versuchen so Kontakte mit anderen menschen zu knüpfen, beide Benutzer leiden nach zu Langem Benutzen der Software, an Realitätsverlust. Beide Benutzer versuchen die Software als Zufluchtstelle von der Realität zu benutzen.

    BEIDE BENUTZER DENKEN DER ANDERE USER NIMMT DIE SCHEIN SELBSTDARSTELLUNG AB UND GRINST WIE EIN GEBURTSTAGSKIND DABEI.

    Ich stelle fest es gibt Parallelen.

    2 Leserempfehlungen
  3. Ghostery sollten sie auch noch hinzufügen - damit ist man die Tracker los, die sich oft in Werbung verstecken, aber auch recht unscheinbar in Objekten wie dem Facebooks Zeugs (egal ob Like, connect) oder der Disqus Platform.

    Über diese Probleme habe ich übrigens auch schon 2 Male geschrieben...

    -> Einfache Privatsphärenverbesserung (Deutsch):
    http://community.zeit.de/...

    -> Ein Block auf Google und Facebook (Englisch):
    http://community.zeit.de/...

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  4. Noch ist StudiVZ nicht tot. Aber bald.
    Die meisten Studenten die ich kenne haben ihre Profile bei StudiVZ zwar noch sind aber ausschließlich auf Facebook aktiv. Ich weiß nicht wirklich warum, aber StudiVZ ist irgendwann "uncool" geworden. Es gibt natürlich auch den tatsächlichen Vorteil von Facebooks internationalität. Denn ausländische Studierende haben meistens Facebook.

    Vor allem aber ist StudiVZ der Nachwuchs ausgegangen. SchülerVZ ist nämlich nur noch was für wirkliche Kinder. Spätestens ab der 10. Klasse gehn alle zu Facebook.

    Das ist zumindest meine persönliche Beobachtung über meine Geschwister.

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    • hareck
    • 11. März 2011 11:40 Uhr

    einmal durchgelesen habe, kann ich nicht behaupten, genau verstanden zu haben, wie diese Art von Werbung genau funktioniert.

    Wahrscheinlich muss man dazu Mitglied bei Facebook sein.

    Und das werde ich vermeiden, so lang es irgendwie möglich ist.

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  5. Facebook ist das digitale Flagschiff von Goldmann Sachs um Menschen auszuspähen, zu manipulieren, zu kontrollieren und kommerziell auszuschlachten.

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