Sehen Dichter mehr als Journalisten? Sie sehen anderes. Und anders.

Ob die unvorhergesehene Protestwelle gegen Stuttgart 21 oder die springflutartige Sarrazin-Debatte – allzu oft geschieht Politik auch ohne Politiker. Und ohne politischen Journalismus. Offenkundig gibt es Dinge, die der politischen Klasse insgesamt entgehen. Die Bevölkerung reagiert auf Signale aus der Politik, die von den Medien zugleich transportiert und überhört werden.

Damit möglichst wenig verloren geht, sucht der Journalismus immer wieder nach anderen Perspektiven auf die Politik, er nutzt die gesamte Bandbreite von Darstellungsformen. Nicht nur den Kommentar, die Analyse, das Porträt, auch Fotoreportagen und Comics. Doch eine Wahrnehmung, eine Ausdrucksweise fehlt, eine, die mitunter tiefer geht, schärfer und witziger sein kann als Artikel oder Fotos: das Gedicht.

Warum ist das so, warum fehlt das politische Gedicht? Gibt es keine solche Lyrik mehr, oder liegt es an den unaufmerksamen Zeitungen, übersehen wir das Politische in der ja sehr reichen deutschen Lyrikszene?

Die erste Antwort auf die Frage nach dem Warum lautet: Das ideologische Zeitalter ist vorbei, Gedichte mit parteipolitischer, gar agitatorischer Absicht sind passé. Diese Art von Lyrik haben noch die besten deutschen Dichter selbst beendet: in Gedichtform. Peter Rühmkorf etwa schrieb im Jahr 1975 im Mailied für junge Genossin:

Gestern Kommunist – morgen Kommunist, aber doch nicht jetzt, beim Dichten?!
Peter Rühmkorf

In der DDR hielt sich der politische Impuls der Dichtung länger, gegen die Diktatur zu schreiben entwertete das Dichten nicht, im Gegenteil. Doch im Westen musste Politik meist mit der Brechstange zwischen die Verse gedrückt werden. Die heutigen Lyriker wollen das so nicht, ihre Kunst lebt aus Sprache und Wahrnehmung.

Was aber, wenn man diesen jüngeren Dichtern die Möglichkeit gibt, so nah an die Politik heranzukommen wie politische Journalisten, was, wenn sie in den Bundestag gehen, mit Politikern sprechen, sie begleiten? Was wird dann entstehen?

Kommt auf einen Versuch an. Das war im Kern die Idee für das Projekt »Politische Lyrik in der ZEIT«. Wir beschlossen, mindestens für die Dauer dieses Jahres jede Woche ein neues, eigens dafür geschriebenes Gedicht im Politikteil der ZEIT zu drucken, an prominenter Stelle, nicht irgendwo rechts unten versteckt.

Zunächst stellten wir eine Liste von Dichtern zusammen. Nicht nach dem Kriterium, wie politisch sie vielleicht sind, sondern danach, wie sehr sie uns gefallen, irritieren, begeistern, ob sie experimentierfreudig sind in Form oder Inhalt. Fast alle von ihnen stimmten zu, sich die Sache wenigstens mal anzuhören. »Die Sache« nahm in diesen Gesprächen immer mehr Kontur an, sie veränderte sich auch. Wir sprachen über die Beziehung der Dichter zur Politik, über die Art und Weise ihrer Wahrnehmung der Politik. Manche lesen nicht gern Zeitung, weil es sie zu sehr ablenkt. Wir fragten auch, ob sie schon mal Politik erlebt und gelebt haben. Was oftmals tatsächlich so war: Ein Politikervater, die ein oder andere vorübergehende Parteimitgliedschaft, etwas Linksradikales war auch dabei. Häufig redeten wir über die Sprache der Politik, darüber, was sie sagt und verbirgt.

Einige Lyriker wollten sich Politikern am liebsten gar nicht nähern, es genügte ihnen als Provokation und Irritation, unter der Überschrift »Politik« zu dichten. Eine sagte, sie schreibe ja schon politisch, was man vielleicht endlich besser erkennen wird, wenn sie im Politikteil der ZEIT veröffentlicht werde.

Die Beziehungen der Lyriker zur Politik sind sehr verschieden, nur Gleichgültigkeit trafen wir nicht an. Unser Angebot, Politik aus der Nähe zu erleben, wurde oft für uns überraschend aufgenommen. Eine Lyrikerin will statt in den Bundestag in den Kosovo, um dort mit deutschen Soldaten zu sprechen. Eine andere, die als Schülerin – fälschlicherweise – für eine FDPlerin gehalten wurde, möchte einen Tag mit Christian Lindner verbringen, der nicht fälschlicherweise für einen FDPler gehalten wird. Einige wollen Helmut Schmidt treffen. Einer will sich dahin setzen, wo der Politiker garantiert Mensch ist, in die Bundestagskantine. Der eine möchte dann schreiben, wenn ihm etwas einfällt, die andere aktuell dichten.

Aber alle wollten mitmachen: Marion Poschmann, Daniela Danz, Michael Lentz, Hendrik Rost, Ulf Stolterfoht, Nora Bossong, Ann Cotten, Herbert Hindringer, Jan Wagner, Monika Rinck und Uljana Wolf. Sechs Lyrikerinnen und fünf Lyriker, alle nicht ausgewiesen politisch, aber leidenschaftlich und herausragend in ihrer Dichtkunst.