DIE ZEIT: Herr Abdel-Samad, Herr Broder, auf Ihrer gemeinsamen Deutschlandreise, die Sie vergangenen Herbst unternommen haben, sind Sie ständig Menschen begegnet, die sich vor irgendwas fürchten. Darf man Sie als Spezialisten für German Angst bezeichnen?

Henryk M. Broder: Man muss nicht 30.000 Kilometer durch Deutschland fahren, um festzustellen, dass die Deutschen gern Angst haben. Sie haben Angst vor Oberleitungen und unterirdischen Bahnhöfen, vor Dioxin im Frühstücksei und vor der Klimaerwärmung. Letztere ist bekanntlich ein globales Phänomen, aber niemand fürchtet sie so sehr wie die Deutschen. Angst ist das deutsche Lebenselixier.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Broder: Ich glaube, die Deutschen warten seit 1945 auf ihre Bestrafung. Wenn die Alliierten damals wenigstens ein bisschen streng gewesen wären, anstatt die Marsriegel vom Himmel segeln zu lassen, wären die Deutschen heute in einer besseren Verfassung. So denken sie ständig: Irgendwas kommt da noch, und wir hätten’s auch verdient.

ZEIT: Die Islamdebatte der vergangenen Jahre hat gezeigt: Die deutsche Mittelklasse fürchtet sich vor großen Moscheen und vor Frauen, die Kopftücher tragen, also letztlich vor dem Verlust der kulturellen Hegemonie. Der neue Innenminister sagt ganz unumwunden: »Der Islam passt nicht nach Deutschland.« Wie passt dieser Befund in Ihre Theorie?

Hamed Abdel-Samad: Meine These ist: Die größte Angst haben die Deutschen vor sich selbst. Viele glauben nicht, dass sie eine reife Demokratie haben, die mit einer nicht homogenen Gesellschaft umgehen kann. Sie trauen sich jederzeit zu, dem nächsten Fanatiker hinterherzulaufen. Man schaut in den Rückspiegel und meint, die Zukunft sehen zu können!

ZEIT : Ist diese Angst nicht berechtigt? In Sachsen sitzt die NPD im Landtag, viele Gegenden Ostdeutschlands sind ein No-go für Menschen mit Migrationshintergrund . Auch Sie haben sich auf Ihrer Deutschlandsafari dort nicht hingetraut.

Broder: Wir waren in Nordrhein-Westfalen, das ist genauso heruntergekommen und verwahrlost. Die Menschen haben keine Arbeit und sind depressiv.

Abdel-Samad:NRW ist das neue Ostdeutschland, ich weiß, wovon ich spreche, ich habe ein paar Jahre in Erfurt gelebt. Da habe ich schon gespürt, dass ich fremd bin, dass man mich beobachtet. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass die Mehrheit der Deutschen viel weiter ist, als sie selber glaubt.

Broder : Das ist ganz sicher nicht mehr das Land, in das ich 1958 mit meinen Eltern kam.

ZEIT : Was hat sich verändert?

Broder : Meine Familie übersiedelte 14 Jahre nach dem Holocaust von Polen nach Deutschland, weil sie den polnischen Antisemitismus satthatte. Das Erste, was wir in Köln sahen, waren die Hakenkreuzschmierereien an der Synagoge in der Roonstraße, daneben stand: »Juden raus«. Seither lebten meine Eltern mit dem Generalverdacht, jeder Deutsche über 50 sei ein Nazi.

ZEIT: Viele Juden haben sich in den Nachkriegsjahren nicht zu erkennen gegeben, um die Deutschen nicht an ihre eigenen Taten zu erinnern. Wie war das bei Ihnen?

Broder : Ich habe versucht, das Thema nicht an mich rankommen zu lassen, was ja auch eine Art ist, sich zu verstecken. Noch 1972, bei dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München, tat ich so, als hätte das mit mir nichts zu tun. Dafür schäme ich mich bis heute.