Regulierung im Netz "Ihr Reflex greift zu kurz"
Warum der Staat Firmen wie Facebook nicht regulieren kann – ein Gespräch mit der Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.
© Sean Gallup/Getty Images

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
DIE ZEIT: Frau Leutheusser-Schnarrenberger, Sie waren von 1992 bis 1996 schon einmal Justizministerin. Ist es heute schwerer als damals, Politik zu machen?
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Politik ist immer schwer. Aber es stimmt: Die weltpolitische Situation heute ist nicht vergleichbar mit der Lage Anfang der neunziger Jahre. Heute sind wir konfrontiert mit den Folgen der Weltfinanzkrise, wir leben in einer digitalen, global vernetzten Welt, und wir leben mit den Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001.
ZEIT: Was bedroht die Freiheit am stärksten?
Leutheusser-Schnarrenberger: Es gibt zahlreiche Gefährdungen der Freiheit. Viele davon sind neu: Wir alle hinterlassen Datenspuren im Netz, ohne genau zu wissen, wie die genutzt werden, vom Staat, aber auch von privaten Unternehmen. Das gefährdet die Freiheit der Privatsphäre in völlig anderer Form als vor zwanzig Jahren.
ZEIT: Wir meinten es grundsätzlicher. Was ist bedrohlicher für die Freiheit des Einzelnen: der Terror – oder staatliche Maßnahmen gegen den Terror?
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Leutheusser-Schnarrenberger: Ich halte überhaupt nichts davon, mögliche Gefährdungen der Freiheit gegeneinander auszuspielen. Die Gefahr, dass der Staat die Freiheit des Einzelnen gefährdet, ist mit der Sicherheitsgesetzgebung nach dem 11. September gewachsen. Ich glaube, man muss beides sehen, die Gefährdungen der Freiheit durch den Staat, und die Gefährdung der Freiheit durch private Akteure.
ZEIT: Das dürfte der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich von der CSU anders sehen. Er hat Ihnen gelegentlich vorgeworfen, Ihr Liberalismusbegriff stamme aus dem 19. Jahrhundert.
Leutheusser-Schnarrenberger: Das sind Aschermittwochs-Sprüche. Hans-Peter Friedrich ist ein Wertkonservativer. Und anders als sein Vorgänger Thomas de Maizière, der im Bereich der Inneren Sicherheit besonnen agiert hat, wird er nach außen vermutlich auch mal holzschnittartige Positionen vertreten, wie wir das von CSU-Innenpolitikern aus Bayern kennen.
ZEIT: Einer der Streitpunkte wird die Vorratsdatenspeicherung sein. Vor einem Jahr hat das Verfassungsgericht sie in weiten Teilen für verfassungswidrig erklärt. Seither streitet die Bundesregierung über eine Neuregelung. Wie lange soll der gesetzlose Zustand noch andauern?
Leutheusser-Schnarrenberger: Der Zustand ist nicht gesetzlos, sondern so wie vor 2008. Auch damals war die Sicherheit gewährleistet. Karlsruhe hat ein verfassungswidriges Gesetz kassiert, das vergessen manche gerne.
ZEIT: Es gibt keine Regelung, weil Union und FDP sich nicht einigen können.
Leutheusser-Schnarrenberger: Es gibt einen Dissens darüber, ob Daten anlasslos, ins Blaue hinein, gespeichert werden sollen. Das will die Union. Die FDP will, dass vorhandene Daten in Einzelfällen, bei konkretem Verdacht, für die Ermittler gesichert werden – ein sogenanntes Quick freeze- Verfahren.
ZEIT: Der jüngste Terroranschlag in Frankfurt hat aber das Problem Ihres Vorschlags gezeigt: Wie der Attentäter mit anderen Islamisten per Telefon oder Handy kommuniziert hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Da hilft auch ein quick freeze nichts.
Leutheusser-Schnarrenberger: Woher wissen Sie denn, dass sich nichts mehr rekonstruieren lässt? Die Ermittlungen sind doch noch gar nicht abgeschlossen. Außerdem: Ihr Reflex, nach diesem furchtbaren Anschlag neue Sicherheitsgesetze zu fordern, greift zu kurz. Einen solchen Anschlag eines Einzeltäters wie in Frankfurt hätte keine Vorratsdatenspeicherung verhindern können.
ZEIT: Aber es behindert die Arbeit der Ermittler, dass sie nicht nachvollziehen können, mit wem der mutmaßliche Attentäter in den letzten Wochen und Monaten telefoniert hat.
Leutheusser-Schnarrenberger: Die Sicherheitsbehörden hätten auch nach meinem Vorschlag Zugriff auf die Daten, die die Telekommunikationsunternehmen sowieso vorhalten, teilweise über Monate hinweg. Manche argumentieren nach dem Motto: Wenn alle Daten dieser Welt gespeichert werden, dann sind ja auch die dabei, die wir vielleicht mal brauchen. Das wird es nicht geben.
- Datum 10.03.2011 - 10:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.3.2011 Nr. 11
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"Leutheusser-Schnarrenberger: Ich halte überhaupt nichts davon, mögliche Gefährdungen der Freiheit gegeneinander auszuspielen. Die Gefahr, dass der Staat die Freiheit des Einzelnen gefährdet, ist mit der Sicherheitsgesetzgebung nach dem 11. September gewachsen. Ich glaube, man muss beides sehen, die Gefährdungen der Freiheit durch den Staat, und die Gefährdung der Freiheit durch private Akteure...."
Meine Meinung: Das ist genau der Kernpunkt i. S. "Buergerfreiheit". Unsere Justizministerin ist eine wuerdige und glaubwuerdige Vertreterin demokratischer Grundrechte, eine der wenigen Politiker in Deutschland, denen ich uneingeschraenkt Hochachtung zolle.
Frau Leutheusser-Schnarrenberger ist eine Politikerin, bei der ich das Gefühl habe, dass politische Entscheidungen wirklich nach Inhalt und nicht fast ausschließlich aus parteitaktischen Gründen getroffen werden.
Gefällt mir sehr.
Eine vorbildliche Politikerin.
Die Freiheitsrechte des Bürgers gelten auch im Internet.
Die Union argumentiert ja auch (noch) nicht, dass überall Kameras aufgestellt werden sollen, um bei Bedarf (und natürlich nur bei Bedarf) darauf zugreifen zu können.
Dass sie sich auf keinen Gefahrenvergleich einlassen will, ist nur verständlich, denn wie sollen eine Hand voll Terroristen schon die Freiheit von 80 Millionen Menschen langfristig nennenswert einschränken.
Die einzige FDP-Politikerin, mit der ich in sehr vielen Punkten übereinstimme.
Überlegte Aktionen, kein Aktionismus. DAS braucht Deutschland!
in der REGIERUNG die es richtig macht !
Kein Aktionismus!
Kein Sinnvolle Aktionen !
Anscheinend hat Frau Leutheusser-Schnarrenberger auch nicht ständig den "Ich muß Macht erhalten egal wie" Kobold im Nacken sitzen.
Es gefällt mir auch wie sie der CDU/CSU Ahnungslostruppe paroli bietet.
Eigentlich gehört Frau Leutheusser-Schnarrenberger in dei Piratenpartei denn bei der FDP kann ich sie nicht durch Wählerstimmen unterstützen zu sehr ist diese Partei ein Fähnchen im Wind.
Die Ministerin kann sich in der Frage der Vorratsdatenspeicherung ja auch entspannt zurücklehnen. Ermittlern wird ja trotz gekippten Gesetzes nichts vorenthalten. Die meisten Telefon und Internetanbieter speichern ohnehin viel mehr Daten als sie es nach dem Datenschutzgesetz dürften. Und das auch schon bevor dieses Gesetz überhaupt eingeführt wurde. Schon seit Ewigkeiten bedienen sich Abmahnungskanzleien in so großem Maße aus diesem Fundus an Informationen daß diverse Gerichte mit diesem Verwaltungsprozess überlastet sind.
Solang diese Daten also ohnehin für "Jeden" verfühgbar sind, je nach Anbieter sogar direkt ohne rechtlichen "Umweg", braucht sich kein Politiker je Gedanken machen wegen liberaler Politik Ermittler zu behindern.
Frau Leutheusser-Schnarrenberger,
einfach beeindruckend!
Wirft man heutzutage einen Blick in Foren, in Kommentare, in Social Network Feeds, da häufen sich Unwissenheit, Ignoranz und oktroyierende Meinungen.
Statt für ein riesiges Netzwerk (Internet) Gebote und Verbote aufzusetzen, sollten wir von Grund auf lernen, damit umzugehen.
Das Internet ist ein riesiger Wissenspool mit dem schätzungsweise 5% der Bevölkerung Deutschlands wissen, wirklich damit umzugehen. Wie behandle ich meinen Daten im Netz, wer besitzt sie, woher bekomme ich verlässliche und korrekte Informationen, wie verhalte ich mich überhaupt im Netz.
Das sind alles Dinge, die nie wirklich hinterfragt oder einem (heranwachsenden) gezeigt werden. Statt dessen winden sich Neulinge immer im selben Sumpf. Was soll dabei rauskommen?
Ähnlich wie Wasser in jede Ritze eindringen kann, werden Facebook, Google & Co. immer einen Weg finden, Regulierungen zu umgehen.
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