Flüchtlinge kommen auf Lampedusa an. © Roberto Salomone/AFP/Getty Images

Lampedusa. Durch die Nacht in Richtung Italien schimmern erst nur zwei matte grüne und rote Positionslichter. Dann schälen sich die Umrisse der Taysir aus dem Dunkel: ein jahrzehntealter Fischkutter, er liegt tief im Wasser, sein Holz wirkt brüchig. Maher steht an Deck. Eingekeilt zwischen Dutzenden anderer Flüchtlinge, als das Boot in den Hafen der italienischen Insel Lampedusa einläuft, ohne die übliche Eskorte der Küstenwache. Die Männer recken ihre Hände zum V-Zeichen, sie rufen »Hello« oder »Italia«. Maher schreit seine Freude in die sternenklare, kalte Nacht. Sie haben es geschafft, sie sind dem Sturm entkommen, nach 48 Stunden Fahrt. Die Wellen draußen auf dem Meer gehen vier Meter hoch.

Die Küstenwache hat sich wegen des Unwetters nicht aus dem Hafen getraut. Auf ihrem Radar erscheint die Taysir seit Stunden als Punkt. Die Italiener erwarten etwa 100 Flüchtlinge, sie lotsen das Boot an eine Mole. Als Maher vom Deck an Land des südlichsten Vorpostens von Europa steigt, öffnet jemand hinter ihm eine Klappe an Bord. Aus dem Bauch des Kutters strömen Menschen, scheinbar endlos. 343 Männer und vier Frauen stehen schließlich auf dem Kai. Es ist der Beginn der zweiten Serie von Flüchtlingsbooten, die Lampedusa von Tunesien aus erreichen. 5000 Menschen landeten im Februar auf der kargen Insel , sie verdoppelten die Einwohnerzahl. Es folgte eine Woche Pause, das Wetter war zu schlecht. Seit Anfang März kommen sie wieder. 2400 schafften es binnen einer Woche nach Lampedusa. »Den Wind«, sagt ein Grenzschützer auf Lampedusa, »kann man auch nicht aufhalten.«

Maher hat umgerechnet 1000 Euro an Schlepper bezahlt, ein Vermögen für ihn, er hat in der Kajüte ausgeharrt, im Maschinenraum, an Deck, er hat sein Leben riskiert und versteht die Europäer nicht. »Warum sagt ihr Nein zu uns?« Mit welchem Recht verwehrt ihr uns, die wir einen Diktator verjagt haben, unsere neue Freiheit zu nutzen?

Maher ist 30 Jahre alt, die Boote sind voll mit jungen Männern. Er hat sein bisheriges Leben unter dem Regime von Ben Ali gelebt, er erzählt von Demütigungen durch die Polizei, von Schlägen, Beleidigungen, Einschränkungen. Von seinem Job als Automechaniker in Tunis, für den er über Jahre nicht bezahlt wurde. Maher arbeitete nebenbei als Kunsthandwerker, er beschlug Kupferplatten in seinem Laden drei Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt, das brachte 100 Euro im Monat ein. Man kann seine Geschichte nicht überprüfen. Aber man kann Maher verstehen, wenn er sagt, er wolle nicht mehr warten, bis das neue, das richtige Leben für ihn irgendwann beginne. »Ich möchte eine Frau finden, heiraten, Kinder bekommen«, sagt er. Dafür braucht er Geld, das er sich verdienen will. Daheim wartet auf ihn das Chaos der nachrevolutionären Zeit. Maher will jetzt leben. Wie die anderen auch.

Auf die ersten Flüchtlinge aus Tunesien reagierten die Europäer im altbekannten Abwehrreflex . Einen »Massenexodus biblischem Ausmaßes« hatte der italienische Innenminister Roberto Maroni prophezeit, Hunderttausende Flüchtlinge. Maroni forderte Europas Hilfe. Ungewohnt kalt entgegnete ihm sein deutscher Kollege Thomas de Maizière, da noch Innenminister: »Italien ist gefordert, aber nicht überfordert.« Die europäische Grenzschutz-Agentur Frontex kündigte zwar Unterstützung an für Italien, Beamte, Helikopter, Flugzeuge. Aber die sind noch nicht auf Lampedusa eingetroffen. Weil auch die biblische Flut bislang ausblieb?

Im Morgengrauen, als das Meer still dalag, waren Maher und die anderen zwei Tage zuvor aufgebrochen. 15 Stunden, sagten die Schlepper, würde die Fahrt über gut 200 Kilometer dauern. Maher hat Kekse und Wasser mitgenommen, Pullover, Mütze und Blouson gegen die Kälte. Die Taysir war erst hinaus aufs Meer gefahren. Dann aber pausierte das Schiff 15 Stunden lang auf See. Weil das Wetter weiter draußen zu schlecht sei, sagte der Kapitän. Weil die Schlepper weitere 100 Menschen auf den Kutter pferchen wollten, die sie in kleineren Booten schließlich auf die Taysir brachten. »Ich habe da überlegt umzukehren«, berichtet Maher. Er blieb. Dann kam der Sturm.

Europa gibt sich gastfreundlich, zunächst. Es begrüßt Maher mit Minztee und warmen Decken. »Irreguläre« nennen sie die Migranten auf Lampedusa offiziell, es klingt versöhnlicher als »Illegale«. Im Aufnahmelager gibt es Betten, Duschen, Essen. Polizisten bewachen das verschlossene Tor, 500 Beamte hat die Regierung zur Beruhigung der Insulaner entsandt. »Sie sind freundlich«, sagt Maher. Er kennt nur tunesische Polizisten. Dass an der Seite des Lagers eine Lücke im Zaun klafft, scheinen die Carabinieri nicht bemerken zu wollen.