Am 17. März begeht Italien den 150. Jahrestag seiner Einigung. 1861 wurde an diesem Tag das Königreich Italien ausgerufen, unter der Dynastie der Savoyer, die aus dem norditalienischen Piemont stammte. Seit Monaten schwelt eine Debatte um den Gedenktag, der kürzlich per Notverordnung zum Feiertag befördert wurde. Die Minister der Lega Nord haben bereits angekündigt, ihn zu boykottieren. Warum tut sich Italien mit seiner Staatlichkeit so schwer?

Rom. Ich möchte eine persönliche Geschichte erzählen, ein Ritual aus meiner Kindheit. Ich stamme aus dem Süden, aus der Gegend um Neapel. Als kleiner Junge übernachtete ich oft bei meinen Großeltern väterlicherseits, und wenn mein Großvater hereinkam, um mir gute Nacht zu wünschen, gab es zwischen uns immer das gleiche Spiel. Er fragte mich: »Wer ist der böse Wolf, der die kleinen Kinder frisst?« Und ich musste antworten: »Das ist der Piemonteser, den werden wir vertreiben.« Das war ein alter Kinderreim aus der Zeit der Reichseinigung, er gehörte zu einem Lied mit dem Titel Libertà, Freiheit. Erst viel später habe ich verstanden, was er bedeutete: Auch über hundert Jahre nach der Einigung waren die Piemonteser für meinen Großvater noch der böse Wolf, der Feind der Süditaliener, die Invasionsmacht. Die väterliche Seite meiner Familie fühlte sich nicht als Italiener, sondern als Neapolitaner, als Erben eben jener Briganten, die gegen die Piemontesen und ihr Königreich Italien gekämpft hatten.

Meine Mutter, die in Trient geboren und in Ligurien aufgewachsen war, war für die Familie meines Vaters eine Fremde, fast eine Deutsche. Ihre Verwandtschaft verehrte Giuseppe Mazzini, einen der Protagonisten der Einigungsbewegung, des Risorgimento, wie einen Helden. Für die eine Seite meiner Familie bedeutete also die Einheit das Ende der Freiheit, für die andere im Gegenteil das Versprechen einer besseren Zukunft. Die Familie meines Vaters hatte die typische Haltung vieler Süditaliener. Die italienische Einigung wurde zwar nicht als vollkommenes Desaster empfunden, aber man sagte: Unsere Heimat gehört uns, wir können nicht Sklaven in unserem eigenen Land sein. Die Briganten, die gegen die Truppen der Savoyer kämpften, waren keine Rebellen, sondern sie verteidigten ganz einfach unsere Heimat.

Die Briganten waren Bauern, Hirten und Handwerker, die sich gegen die gewaltsame Einigung Süditaliens mit dem Königreich Piemont wehrten. In der offiziellen Geschichtsschreibung wurden sie später zu Kriminellen, zu Wegelagerern, die Reisekutschen überfielen, in Wirklichkeit waren sie wohl eher eine Art Partisanen. Man muss wissen, dass die Repression, die das piemontesische und spätere italienische Königshaus Savoyen in Kampanien betrieb, im damaligen Europa einmalig war. In den Dörfern, wo sie Briganten vermuteten, töteten die Soldaten der Savoyer alle männlichen Bewohner vom Kind bis zum Greis. Wenn die Historiker diese Gräueltaten später nur wirklich analysiert hätten, wenn es nachfolgenden Generationen nur möglich gewesen wäre, sachlich darüber zu reden – dann würde der ewige Konflikt zwischen Nord- und Süditalien heute vielleicht nicht mehr weiter schwelen. Aber diese Geschehnisse wurden und werden schlicht verdrängt oder sogar geleugnet, und das macht sie natürlich bis heute äußerst präsent.

So gibt es bis heute keine aufrichtige Debatte über das Risorgimento und die Reichseinigung. Die Verdrängung ist der Grund dafür, dass der Süden sich noch immer nicht als einen allgemein respektierten und integrierten Teil Italiens betrachtet, sondern eher als gewaltsam annektiertes, eigentlich von allen verachtetes Anhängsel. Von dieser tiefen Skepsis der Süditaliener gegenüber dem eigenen Staat profitiert letztlich die Mafia.

Bis heute hält sich die Legende, dass die Briganten eine Art Camorra gewesen seien. Aber das ist nichts weiter als ein Ammenmärchen: Die Camorra war stets eine bürgerliche Organisation im Dienste der Herrschenden, während es sich bei den Briganten keinesfalls um eine durchweg kriminelle Vereinigung handelte. Ein Brigant, der für seinen Partisanenkampf Raubzüge organisiert, ist nicht mit einem Camorrista gleichzusetzen, der die Bauern mit Schutzsteuern ausbeutet. Persönlich glaube ich an den Gerechtigkeitstrieb eines Brigantenführers wie Carmine Crocco, dessen Schwester die Piemonteser Soldaten vor seinen Augen vergewaltigten. Vergewaltigungen und das Niederbrennen ganzer Dörfer waren für das Heer an der Tagesordnung, und heute sind in meiner Heimat die Straßen nach jenen Generälen benannt, die den Befehl zu solchen Freveln gaben. Die Tatsache, dass die Süditaliener ihre Straßen und Plätze nicht nach ihren Märtyrern benennen durften, sondern nach den Schlächtern, nährt den Groll des Südens.

Die ersten Konzentrationslager Europas haben die Savoyer in Süditalien errichtet, die dort Bauern und Hirten einsperrten, aber auch Soldaten des Bourbonenheeres, die zu Briganten geworden waren. Sie machten derart viele süditalienische Kriegsgefangene, dass sie diese schließlich nach Piemont deportieren mussten. Doch auch dort waren die Gefängnisse bald voll. Also schickten die Piemonteser Hunderte von Neapolitanern in den Süden der USA, wo sie im Sezessionskrieg eingesetzt wurden. Die Süditaliener kämpften also auf einem anderen Kontinent für einen anderen Süden, um auch dort geschlagen zu werden. Bis heute schwingen die Fans des Fußballklubs SSC Neapel im Stadion das Südstaatenbanner. Sie wissen vielleicht gar nicht, dass diese Fahne von der Expedition ihrer unglücklichen Vorfahren zeugt.

Der so genannte Mezzogiorno entstand also in einem Eroberungskrieg, nicht aus dem spontanen Volkswillen heraus oder aus dem Wunsch nach einer vereinten Nation. Da gab es den Fall des Neapolitaners Carlo Poerio, der eigentlich für die Reichseinigung war und deshalb unter den im Königreich zweier Sizilien regierenden Bourbonenherrschern zehn Jahre im Kerker verbringen musste. Als Poerio von Italiens erstem Ministerpräsidenten Graf Cavour das Schulministerium angetragen wurde, lehnte der Neapolitaner mit der Begründung ab: »Das ist nicht unser Italien, sondern das Italien der Savoyer.« Bis heute ist genau dieses Gefühl im Süden sehr verbreitet.

Das Italien, das sich Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi erträumten, war ein Land, in dem die ausländischen Besetzer von einer Aristokratie vertrieben wurden, die dann soziale Reformen ermöglichte. Soziale Ungerechtigkeiten sollten der Vergangenheit angehören, eine gemeinsame Sprache sollte uns einen. Doch dann geschah, dass die Einigung ausgerechnet von französischen Savoyern durchgesetzt wurde, einer Familie, die kaum Italienisch sprach. Die Bourbonen hingegen waren Neapolitaner, sie sprachen Neapolitanisch. Aber es fehlten ihnen an Diplomaten, Intellektuellen und militärischen Strategen, um aktiv am Einigungsprozess teilzunehmen. Dabei wäre es für Italien besser gewesen, wenn die Einigungsbewegung aus dem Süden gekommen wäre. Mazzini selbst war davon überzeugt: »Italien wird das sein, was sein Mezzogiorno ist.«