Janosch wird 80 Der Gefangene der Tigerente
Er ist Autor von 300 Büchern, die in 40 Sprachen übersetzt wurden. Seine Schöpfungen, sagt er, verfolgen ihn bis heute. Der Zeichner Janosch wird 80 Jahre alt.
Von dem argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar stammt die Geschichte über den Mann, der jede Nacht ein Kaninchen aushustet. Ja, wirklich: Immer wenn der Mann gehustet hat, zappelt auf der Hand, die er sich vor den Mund hielt, ein süßes, kleines Kaninchen. Schon nach kurzer Zeit ist die Wohnung des Mannes voller Felltiere, und man ahnt, dass Cortázars Erzählung kein gutes Ende nimmt.
Ein wenig muss man bei dieser Geschichte an den Kinderbuchautor und Zeichner Janosch denken, der in Wahrheit Horst Eckert heißt. Janosch, Urheber von mehr als 300 Büchern, die in 40 Sprachen übersetzt worden sind, ist ein von seiner eigenen Schöpfung Verfolgter. Schon vor Jahren fluchte er auf seine Fans: »Die wollen immer weiter und immer wieder Geschichten von diesem dämlichen Bären. Der hängt mir schon zum Hals raus.« Und seine allerberühmteste Kreatur hat er in der Süddeutschen Zeitung öffentlich vernichtet: »Scheiß Tigerente! Kitsch!«
Wenn man es genau nimmt, ist Janosch von zwei Seiten umstellt: Von den Dämonen seiner Kindheit und dem Wohlwollen seiner Gemeinde. Seine Kindheit in einer Bergarbeitersiedlung im oberschlesischen Hindenburg war geprägt von den Schlägen, dem Gebrüll und den Räuschen seines Vaters, eines Hüttenarbeiters. Diesem Grauen entkam er, so könnte man vulgärpsychologisch vermuten, mittelfristig durch die Erschaffung einer von liebenswerten Schwadroneuren und wolligen Schmusetieren bewohnten, zittrig zart gezeichneten Parallelwelt. Jedoch, er wurde auch zu ihrem Gefangenen. Seine Leser, die Erwachsenen vielleicht noch mehr als die Kinder, fanden diese Welt so schön, so ansteckend gesetzlos, dass sie sich um Janoschs andere Kunst, die Romane und Stücke für Erwachsene, wenig geschert haben und am liebsten immer in Janoschs Kinderwelt geblieben wären.
Janosch ist ihr schließlich entkommen: Seit 30 Jahren lebt er hauptsächlich auf Teneriffa, und von Kindern hielt er sich weitgehend fern. Hat er Kontakt zu ihnen, haben wir ihn mal gefragt. Und er: »Nö. Ich hab Kontakt mit mir. Das reicht.«
Dass er von seiner gewaltigen Produktion nur geringen Ertrag habe, dass der Gewinn an ihm vorbei anderswohin sickere, ist ein Verdacht, den er beharrlich hegt: Für seine ersten sieben Bücher habe er gar nichts bekommen, der Verleger habe Schmu gemacht, erst ab dem dreißigsten Buch habe er vom Schreiben leben können. So ist er einerseits ein misstrauischer Grantler geworden (seine deutsche Seite), andererseits aber auch ein großer, aufs Materielle zumindest im Geiste verzichtender Weiser (seine spanische Seite): Wer ins Traumland wolle, hat Janosch gesagt, müsse es machen wie ein Fisch, der die Strömung nutzt; finden könne man es nicht. Und: Ein Ziel zu haben sei insgesamt Blödsinn. Viel klüger sei es, den Punkt, an dem man sich gerade befinde, zum Ziel zu erklären. Also denn: Am 11. März wird Janosch 80 Jahre alt.
- Datum 11.03.2011 - 10:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.3.2011 Nr. 11
- Kommentare 6
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Kitsch hin oder her. Jedenfalls um Längen besser als das, was man aktuell im Kinderfernsehen so begutachten kann. Eine schöne Erinnerung an meine Kindheit. Lieber kitschige Tigerente als debiler Teletubbie.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr (Janosch) Eckert!
Was ist denn der ZEIT hier untergelaufen?
Egal wie's um den alten Kauz auf Kuenstlerinsel wohl stehen & gehen mag oder was er der Presse anvertraut, einen so kleinlichen Gruss zum Geburtstags einer unserer groessten Autoren der Jetztzeit, das ist schon eine Blamage.
Darum von hier ganz unten mit Blumenkohl:
Vielen Dank Janosch und Happy Birthday, die Liebe ist geschrieben und geschrieben ist geblieben
Und da ging es ihm schon ein bisschen besser...
wünschen wir Herrn Eckert, da soll dann alles drin sein was er sich wünscht. Man soll sich auch freuen dürfen, wenn man andere so froh machen kann.
Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik konstruktiv. Die Redaktion/cs
Ein Schriftsteller will ja nicht nur Erfolg haben, er möchte auch Anerkenung finden. Und diese Anerkennung zeigen ihm die Kinder, indem sie seine Bücher lesen und anschauen. Und die Eltern der Kinder haben die Janosch-Bücher stets gern gekauft, boten sie doch quasi eine Garantie für gute Laune und interessante Abenteuer.
Aber wenn man als Schriftsteller irgendwann feststellt, dass man ja im Grunde genommen nur noch hinter seiner eigenen Tigerente herrennt, dann würde man am liebsten etwas ganz anderes machen - oder gar mit dem Schreiben aufhören. Leider, Janosch, sind Sie dafür noch viel zu jung!
Sehr geehrter Herr Eckert, lieber Janosch, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Und machen Sie unter blauem Himmel und wärmenden Sonnenstrahlen ruhig noch ein Weilchen weiter! Sie gehören zu den Menschen, die eine wunderbare Begabung haben: Sie können Freude schenken!
Na jetzt entwickelt sich Hannes Strohkopp zu seinem eigenen Lehrer Birkenreisig! Da muß der Traumindianer doch mal wieder auf den widerwärtigen Vater zeigen, den viel mehr Leute hatten als es zugeben. Was hätten wir in den 80ern denn unseren Kindern vorlesen sollen? Etwa den Mist, den wir für unseren Enkel angeboten bekommen?
Ich bin selbst Dichter und weiß, wie ungerecht man gegen das eigene Werk ist, weil man selbst die Fehler am deutlichsten spürt und mit dem, was daran gut ist, nichts mehr anfangen kann. Es ist so weit weg wie alles, was ich nicht gerade jetzt erlebe.
Aber Bär und Tiger waren nicht nur okay. Sie öffneten zwischen dem fernen Erwachsenen und dem Kind für einen Moment ein Tor zwischen den Dimensionen. So etwas hindert natürlich den Erfolgreichen am Jetzt. Und deshalb darf er schimpfen wie jeder, der nichts damit zu tun hat. Und sich geizig über zu wenig Geld ärgern muß einfach jeder als Fisch geborener. Und 80, sagt ja schon Ranitzki, scheint doch nicht so besonders zu sein. Ich wünsche ihm Glück und Geld. Auf Gesundheit empfehle ich mit Onkel Popoff zu pfeifen. Es wird Frühling. Bestes Wetter für Janosch und Jean Paul.-
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