Die Geschichte des Künstlers Paul Depprich ist schnell erzählt. Sie beginnt mit seiner Pensionierung, da hat er 35 Jahre lang bei der Lufthansa als Kapitän einer 747 gearbeitet und möchte einen neuen Beruf ergreifen. 2006 schreibt er einen Brief an Willem de Rooij, damals Professor an der weltweit hoch geschätzten Kunsthochschule des Städels in Frankfurt am Main. "Darf ich Ihr Gaststudent sein?", fragt er im ersten Satz, auf den viele hoffnungsvolle Zeilen folgen. Eine Mappe mit einer Auswahl seiner Arbeiten hat er beigelegt. Eine Antwort erhält er nicht.

Er versucht es ein zweites Mal, wieder an der Städelschule, diesmal als Vollzeitstudent. Dieses Mal bekommt er eine Antwort, er wird abgelehnt. Und damit endet die Geschichte des Berufskünstlers Paul Depprich bereits. So wie vielen Hundert anderen Bewerbern jährlich wird ihm der Zugang zur professionellen Kunstwelt verweigert. Doch während es die meisten nach der Ablehnung zum Grafikdesign zieht, zieht Depprich vor Gericht. Er will nicht hinnehmen, dass Professoren über die Zukunft eines Menschen entscheiden, indem sie rasch die Mappen der Bewerber sichten und im Minutentakt den Daumen senken oder heben, ohne ihre Entscheidung je zu begründen – eine Praxis, die an den meisten Akademien üblich ist. Depprich weiß, dass er nicht der Einzige ist, der sich ungerecht behandelt fühlt. Was ihn von anderen unterscheidet, die den Zorn der Kunstwelt fürchten müssen, ist der Umstand, dass er neben einem sensiblen Gerechtigkeitssinn und großer Beharrlichkeit auch über eine stattliche Rente verfügt.

Am Esstisch seiner Mansardenwohnung am Rande des Odenwalds liest Depprich vor: "Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie nicht zur Aufnahmeprüfung zugelassen wurden." Diese Zeilen erreichten ihn am 29. Juni 2007. Das war sein 60. Geburtstag. Er fragte sich: "Warum wurde ich abgelehnt?" Er fragte auch den Rektor, damals Daniel Birnbaum. Das war vor Gericht. In der Anklageschrift, die vor ihm liegt, bemängelt er "das Fehlen jeglicher Maßstäbe und jeglicher Transparenz im Bewerbungsverfahren". Es fehle außerdem ein Protokoll über die Begutachtung der Arbeitsproben. Bei der Ablehnung seien "sachfremde Erwägungen" zum Tragen gekommen.

Säuberlich hat Depprich den Schriftverkehr mit der Frankfurter Hochschule, dem Gericht, seinen Anwälten und dem Hessischen Kultusministerium dokumentiert. Er ist ein akkurater Mann, unter das Wasserglas hat er einen Untersetzer gelegt. Was die Genauigkeit angeht, sagt er, sei er vielleicht verdorben von der Fliegerei, wo jede Flugbewegung festgehalten wird. "In 20 Jahren kann man noch nachlesen, wann ich über Sibirien um wie viele Meter runtergegangen bin und warum."

Auf dem Fußboden entrollt er ein Plakat, eines seiner Kunstprojekte. Eines von vielen, die öffentliche Anerkennung fanden. Dieses hat ein Festival in Göttingen ausgestellt. Mit seiner Propellermaschine schrieb er über der Anflugschneise des Frankfurter Flughafens das Wort noise in die Luft, aufgezeichnet von einem Radargerät. Doch reicht das für einen Platz in der Akademie?

"Vielleicht bin ich ja wirklich zu unbegabt", sagt er. Aber ein faires Verfahren, das habe er so wie jeder andere Bewerber verdient. "Ich fühle mich nicht als verkannter Künstler, sondern als betrogener Staatsbürger."

Seine Wut stimuliert nicht nur seine Anwälte. Not for sale, "nicht für den Verkauf bestimmt", hat Depprich eine Kunst-Aktion genannt. Da steht er vor dem Frankfurter Städel Museum und verschenkt selbst gemalte Aquarelle an Passanten. Es sind gute Aquarelle, sie sind nicht signiert, anonym verpackt wie die Blätter in der Vorstellungsmappe. "Hier, nehmen Sie", sagt er auf dem Video. "Können Sie aufhängen oder wegschmeißen. Da hinten ist ein Mülleimer." Der Passant wird zum Kunstrichter, ein Irgendwer, der irgendwie über irgendwas urteilt wie der Professor an der Akademie. In einem anderen Stück Video-Wutkunst pinkelt er wieder und wieder in ein Becken von der Art, die einst Marcel Duchamp zu Ruhm verhalf. Mars Eldüz Sham bewirbt sich an der Kunstakademie heißt der Urin-Protest. Das Kunsturteil als Pimmelspiel der Professoren.