Ein Arzt im Gespräch mit einem Patienten © Fabio Muzzi/AFP/Getty Images

Vor zwei Jahren stand Philipp Bäumer (Name geändert) an einem See in der Nähe von Oldenburg und wollte ins Wasser gehen. Für immer. Seit einem Jahr litt er an einer schweren Depression. Medikamente halfen nicht, sein Arzt hatte ihn zu einem Psychotherapeuten geschickt. Nach drei Sitzungen brach Bäumer die Behandlung ab. Einen Mediziner sah er danach nicht mehr. Nach Monaten, in denen die Verzweiflung wuchs, wollte er seinem Leben im See ein Ende machen. Erfolglos.

Bäumer verlor seinen Job und verbrachte drei Monate auf der psychiatrischen Station, galt dann als stabilisiert. Doch nachdem er entlassen war, brach er erneut den Kontakt zu Therapeuten und Betreuern ab. Keiner forschte nach, wo ihr Patient geblieben war. Über ein Jahr verließ Bäumer seine Wohnung nur zum Einkaufen. »In der Klinik war ich aufgehoben«, sagt er rückblickend, »draußen war Leere.«

Dass ein Patient mit schweren psychischen Krankheiten, auf sich allein gestellt, im deutschen Gesundheitssystem verloren geht, ist keine Ausnahme. Bäumer fand erst zurück, als ein Polizist wegen unbezahlter Rechnungen vor seiner Tür auftauchte und das Gesundheitsamt einschaltete.

Integrierte Versorgung ist der Name des Rezepts gegen solche Lücken in der psychiatrischen Versorgung. Seit Jahren werden Programme erprobt, um außerhalb der Klinik eine ähnlich gute und koordinierte Betreuung durch Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter und Psychologen anzubieten wie im Krankenhaus. Unter Ärzten gilt die Integrierte Versorgung schon länger als überfällige Verbesserung. Auch Philipp Bäumer nimmt seit Herbst an so einem Projekt teil. Mit drei Jahren Verspätung, sagt er, sei er nun auf dem Weg zurück ins Leben.

Die Lücken im deutschen Gesundheitssystem sind neuerdings ein Spielfeld für die Pharmaindustrie. Sie will mit Integrierter Versorgung Geld machen. Das Feld bereitet hat die AOK in Niedersachsen . In ihrem Auftrag wird seit Ende vergangenen Jahres eine Integrierte Versorgung für rund 13.000 Schizophrenie-Patienten aufgebaut – von einer Tochtergesellschaft des Pharmakonzerns Janssen-Cilag . Dieser ist ausgerechnet der Hersteller von zwei der gängigsten Schizophrenie-Medikamente, sogenannten Neuroleptika. Es ist das erste Mal, dass eine Krankenkasse auf diese Weise mit der Pharmaindustrie kooperiert.

Und wer zum ersten Mal davon hört, für den muss der Versorgungs-Deal fragwürdig klingen. Jedenfalls trieb er in den vergangenen Monaten sämtliche Fachgesellschaften von Psychiatern und Psychotherapeuten auf die Barrikaden. Hinzu kamen Proteste von Angehörigen- und Betroffenenverbänden, der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung . In Fachzeitschriften und Pressemitteilungen war vom »Verkauf der Patienten« die Rede, von einem »Dammbruch« im Gesundheitswesen und davon, dass den AOK-Patienten nun eine »hemmungslose Vergabe von Neuroleptika« drohe. 

Dies sind mehr als heftige Reaktionen auf einen Einzelfall vom platten Land. Die Kritiker befürchten außerdem, dass dieses Modell Schule macht. Denn seit der Gesundheitsreform, die am ersten Januar in Kraft getreten ist, dürfen Krankenkassen direkt mit Pharmaunternehmen Versorgungsverträge abschließen.

Liefern Pharmafirmen künftig nicht mehr nur Medikamente, sondern kapern die gesamte Gesundheitsversorgung? Bestimmen dann einzig Profitinteressen und Renditestreben, wie Depressionen, chronische Schmerzen oder Diabetes behandelt werden? Haben die AOK im Kleinen und die Regierung im Großen gerade das Wohl der Kranken an die Pharmaindustrie verkauft?