Ein Junge isst Pommes zum Mittagessen © Scott Barbour/Getty Images

Das Überraschendste am Hirn- und Stressforscher Achim Peters ist seine Unauffälligkeit. Obwohl er ein millionenschweres, internationales Forschungsprojekt leitet, wirkt sein kleines Büro im Labyrinth der Lübecker Uniklinik wie ein Refugium. Kein Hinweisschild leitet zum Chef hin. Er selbst verschwindet fast im Halbdunkel des Raums. Seine Stimme klingt so entspannt, wie sein Outfit wirkt – Pullover, verwaschene Jeans. Der schlanke 54-Jährige strahlt aus, was er gestressten Mitmenschen empfiehlt: wohltemperierte Gelassenheit.

»Nicht Stress an sich ist unser Hauptproblem«, sagt er, »sondern unsere Anpassung an chronischen psychosozialen Stress . Sie führt bei vielen dazu, dass sie, je nach Typ, entweder zu dick werden oder hager und depressiv.« Das klingt nach einer einzigen großen Erklärung für jene zwei Epidemien, welche die Wohlstandsgesellschaften überrollen: Erstens das »metabolische Syndrom« in Gestalt der Volksleiden Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zweitens Depressionen, oft als »Burnout« etikettiert.

Ausgangspunkt von Peters’ Weltformel ist die Theorie vom »egoistischen Gehirn«. So lautet der Titel seines anspruchsvollen und lesenswerten Buches, das Ende dieser Woche erscheint. Es basiert auf langjähriger Forschung. Seine Botschaft sei »anhand von mehr als 10000 Studien aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen geprüft«, heißt es darin. Das international als selfish brain bekannte Konzept des Lübeckers könne erklären, »warum unser Kopf Diäten sabotiert und gegen den eigenen Körper kämpft«. Das verspricht auch der Untertitel.

Um die Energieversorgung dreht es sich in diesem Dauerkonflikt. Unser Denkorgan unterjocht den Körper, damit es seinen Bedarf decken kann – notfalls sogar auf Kosten der übrigen Organe. Untersuchungen nach Hungerkatastrophen belegten, dass selbst bei regelrecht ausgemergelten Menschen das Hirngewicht kaum abgenommen hatte, obwohl sie fast nur noch aus Haut und Knochen bestanden und ihre inneren Organe stark geschrumpft waren. Der wichtigste Treibstoff für den Kopf ist Zucker (Glukose). »Obwohl das Hirn nur zwei Prozent unseres Körpergewichts stellt, beansprucht es die Hälfte unseres täglichen Glukosebedarfs«, erklärt Peters. »In belastenden Stresssituationen fordert es sogar 90 Prozent.«

Dieses Privileg ergibt sofort einen Sinn, wenn man sich in die evolutionäre Vergangenheit des Menschen zurückversetzt. Drohte in der Wildnis Lebensgefahr, dann mussten alle Sinne geschärft und schnellste Reaktionen möglich sein; es musste brodeln unterm Skalp. Selektion hieß: Wer zu langsam war, landete im Rachen von Riesenschlangen, Krokodilen oder Tigern. Oder zumindest unter dem Joch der Feinde.

Der Mechanismus ist viel zu tief in der Geschichte unserer Spezies verankert, als dass wir seiner gewahr würden. Die Natur hat eine Steuerung entwickelt, die sich ohne bewusstes Zutun in Gang setzt. Es handelt sich um eine Art Peitsche, mit der das Gehirn den Körper in einen Alarmzustand versetzt und gleichzeitig Energie für sich abzweigt: das Stresssystem schwingt diese Peitsche. Wenn seine Hormone (Adrenalin, Kortisol) zusammen mit dem Nervensystem typische Symptome wie Herzklopfen, Unruhe, Zittern oder Schwitzen provozieren, dann wird gleichzeitig Energie in Richtung Kopf umgeleitet.