Die Erde ist ein Ärgernis. Sie stört. Wissenschaftler auf der Jagd nach seltenen, unauffälligen Phänomenen würden ihre Experimente manchmal am liebsten im luftleeren Weltraum durchführen, weitab von diesem rumorenden Planeten und jeglicher Zivilisation. Dort oben wären sie ungestört.

Ein schöner Traum für so manchen Forscher. Denn in den Laboren auf dem Globus lassen vorbeirollende Fahrzeuge und Baustellen seine Geräte erzittern, Wind und Gezeiten zerren an empfindlichen Apparaturen. Misstrauisch beäugen Wissenschaftler das Auf und Ab von Luftfeuchtigkeit und Temperatur, selbst das Brodeln im flüssigen Kern der Erde korrumpiert zuweilen ihre Messwerte. Überall lauern Fehlerquellen.

So auch außerhalb von Hannover am Gravitationswellendetektor Geo600: Spuren der von Albert Einstein vorhergesagten Schwerkraftwellen sind dort bis heute nicht gemessen worden, stattdessen kann man an den Messdaten die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht ebenso präzise ablesen wie den Gezeitenwechsel in der Nordsee. Am großen Teilchenbeschleuniger am Cern in Genf können die Elementarteilchen nur auf Kollisionskurs gehalten werden, wenn man die Anziehungskräfte des Mondes penibelst ausgleicht.

Die Natur kann nicht nur ganz schön nerven, sie unterscheidet auch nicht zwischen der Neugier von Astronomen, Meteorologen und Biologen. Wo die einen vergeblich auf flüchtige Signale aus der Welt der Physik lauschen und sich ärgern, weil sie bloß lästiges Rauschen hören, erkennen die anderen eine Quelle wertvoller Daten. Etwa bei Antares, einem Experiment in der Ligurischen See nahe Toulon.

Knapp zweieinhalb Kilometer unter der Oberfläche des Mittelmeers sollen dort empfindliche Unterwassermikrofone Neutrinos beim Zerfallen belauschen. "Geisterteilchen" werden diese Partikel auch genannt, weil sie so besonders schwer zu erfassen sind: Unsichtbar, irrwitzig schnell, mit nur einem Bruchteil der Masse der allerkleinsten Atomkerne rasen sie durchs Weltall und, sofern die Erde ihnen im Weg ist, schnurstracks durch diese hindurch. Nur ganz selten verraten sie sich dabei. Auch im Rauschen der Tiefe vor Toulon sind bislang keine Neutrinos zu hören gewesen, nur hupende Schiffe, Wellen und Wind – und das vielstimmige Schnalzen der Pottwale.

Was die Physiker frustriert, begeistert den Meeresbiologen Michel André. Für Leute wie ihn stehen Unterwassermikrofone, sogenannte Hydrofone, ganz oben auf der Wunschliste. André vom Labor für Bioakustik der Universidad de Catalunya in Barcelona sammelt Geräusche aus der Tiefe wie andere Forscher Käfer oder Genmutationen. Er erforscht Wale und Delfine, und diese orientieren sich – wie Fledermäuse – per Echolot. Ihre kurzen, knackenden oder pfeifenden Laute tragen im Wasser kilometerweit und dienen den Tieren zur Orientierung, zur Jagd, zur Paarung und zur Kommunikation mit Artgenossen. André weiß: "Jede Spezies hat eine an das eigene Revier angepasste Lautsprache entwickelt."

Deshalb hoffen die Meeresbiologen aus Barcelona, mithilfe des Neutrinoexperiments Antworten zu bekommen: Wie nutzen Wale und Delfine im Mittelmeer ihre Reviere? Wo jagen die Tiere, welche Wege nehmen sie? Wie kommunizieren sie miteinander? Sichtungen vom Boot oder vom Flugzeug aus ergeben nur ein bruchstückhaftes Bild. Sender an einzelnen Tieren zu befestigen ist sehr aufwändig. Mit Hydrofonen hingegen könnten die Wissenschaftler ganze Gruppen von Tieren über weite Strecken verfolgen, sagt Michel André. "Die Mikrofone zeichnen rund um die Uhr auf, wie viele Wale sich wo aufgehalten haben."