Martin Walser nannte Auschwitz 1998 eine "Drohroutine", ein "Einschüchterungsmittel". Damit wollte er all jene diskreditieren – Juden, fremde Mächte, "umerzogene" Deutsche –, die mit der "Moralkeule" Meinungsmache und Machtpolitik betrieben. Walser hat sein Copyright verloren; inzwischen gibt derlei Herabwürdigung des Gegners ein hübsches Multitasking-Instrument her. Das neue Schlag-Wort ist die "Phobie". Zuletzt hat es der türkische Ministerpräsident Erdoğan bei seinem Deutschlandbesuch benutzt : "Islamophobie ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, genauso wie Antisemitismus."

Die Technik ist simpel. Erstens ist "Phobie" ein Showstopper: Wer eine krankhafte, weil unbegründete Angst vor X hat, ist nicht dicht in der Birne – ein Fall für die Couch, aber kein ernst zu nehmender Gesprächspartner. Ende der Diskussion; mit Gestörten wird nicht geredet. Zweitens die rhetorische Atombombe "Antisemitismus" – eine Killer-App im wahrsten Sinne des Wortes, das Wörtchen, das mit millionenfachem Mord einhergeht. Judenhass, der im Kaiserreich noch ganz respektabel war – denken wir an Wilhelm Marrs "Antisemitenliga" oder die "Deutsche Antisemitische Vereinigung" –, ist seit Adolf Nazi das Menschheitsverbrechen schlechthin. Islamophobie ist gleich Antisemitismus ist gleich Vernichtungslager – eine gewollte assoziative Verkettung, die den Atem nimmt.

Die kommentierende Klasse hat Erdoğan den Ausfall durchgehen lassen, vielleicht, weil sie zu sehr mit Guttenberg beschäftigt war oder an einer anderen Front im Kulturkampf fechten wollte. Auf diesem Kriegsschauplatz wird die Assoziationskette verlängert: Islamkritik ist gleich Islamophobie, und die ist wiederum ... siehe oben. Auch diese Debatte steht unter Hitlers Fluch.

"Nie wieder!", lautet der erlösende Schwur: Nie wieder Ausgrenzung, Rassismus, Dämonisierung! Ein richtiger Reflex auf eine unsägliche Vergangenheit; trotzdem wird eine falsche Fährte gelegt. Islamkritiker wie Sarrazin und Necla Kelek mögen eifern und irren; sie sind aber weder Psychiatrie-Patienten noch Nachgeburten des Rassenwahns. Dagegen weiß Erdoğan nicht, was Antisemitismus ist: die Gleichsetzung des Juden mit dem Bösen, das bekanntlich ausgemerzt werden muss.

Lassen wir aber den Millionenmord beiseite. Fragen wir etwas gelassener: Gibt es hier eine "Antimuslimliga", die wie Wilhelm Marrs Antisemiten-Bund Petitionen gegen die rechtliche Gleichstellung von Türken verbreitet? Wer will Araber aus der Universität werfen, ihnen den Anwaltsberuf verwehren? "Muslime raus!"? Das Gegenteil ist richtig: "Rein mit ihnen!" – in die Kulturtechniken, die den Aufstieg verheißen, in die Schule, Uni und Staatsbürgerschaft.

"Multikulti ist gescheitert" (Merkel) mag wahr oder falsch sein ; er ist Lichtjahre entfernt von dem berüchtigten Treitschke-Spruch "Die Juden sind unser Unglück", der später zum Motto des Stürmer wurde. Erdoğans Redenschreiber müssten das wissen, seine gelehrten Mitstreiter in Deutschland wissen es. Bosheit oder Phobie zu unterstellen lässt bloß die Diskussions-Guillotine fallen. Die Ursachen des Streits leben weiter.