Vom Lodern gibt es Lieder genug, vom Rost, der nie schläft, und dem Ausbrennen, das dem allmählichen Verlöschen vorzuziehen ist. Ganze Hymnen sind geschrieben worden auf ein schnelles, todesverachtendes Leben, mit unverbrüchlichen Spruchweisheiten fürs Stammbuch des Rock’n’Roll im Refrain: »Hope I die before I get old«.

Was bislang aussteht, sind Songs, die von den wahren Realitäten heutigen Rock-’n’-Rollertums handeln, von Rückenschmerzen, arthritischen Gelenken und fortschreitendem Gedächtnisverlust. Ein Feld, auf dem Phil Collins sich hätte verdient machen können. Seit Jahren schon leidet er an den diversen Materialermüdungen, die das Tourleben so mit sich bringt, wenn man sich nie geschont hat, an Hörschäden, Gelenkverschleiß und einem soliden Tatterich, der ihm die Ausübung seines Handwerks erschwerte – es heißt, für das letzte Album habe er sich die Trommelstöcke bereits an den Handgelenken festbinden müssen.

Mit umso größerem Bedauern entnehmen wir der Märzausgabe des Musikfachblatts For Him Magazine , dass der sonst so kregle Mann mit eben mal 60 seinen Rückzug von der Bühne angekündigt hat. Unwiderruflich. Für immer. Schock!

Allenfalls ein Körnchen Wahrheit können wir seiner Begründung zugestehen – »Ich wollte es wirklich nicht so geschehen lassen. Es überrascht kaum, dass die Leute anfingen, mich zu hassen« –, tatsächlich handelt es sich um eine Form von Feigheit vor dem Feind: Altern ist heute das wahre Abenteuer, was nottut, ist der kongeniale Soundtrack zur Rentenreform.

Nichts wäre ehrenhafter gewesen, als zwischen Fett-weg-Tipps und sonstigen Fitnessbotschaften für den männlichen Drittfrühling beherzt den Pfad zu beschreiten, den der greise Johnny Cash mit seinem Spätwerk vorausgegangen ist: Rock’n’Roll als Sterbehilfe, Singen, bis dass der Tod uns scheidet.

Zum Glück traf kurz vor Redaktionsschluss noch das Dementi ein: Doch kein Rücktritt, Herr Collins habe sich in einem Moment der Schwäche zu einigen vorschnellen Äußerungen hinreißen lassen. Phil, we trust in you! Wenn du’s nicht richtest, ruhen all unsere Hoffnungen auf Ozzy Osbourne .

Nach Drucklegung der ZEIT Nr.11/2011, in der dieser Artikel erschien, gab Phil Collins auf seiner Website nun doch seinen Rückzug aus dem Musikgeschäft offiziell bekannt. Er wolle sich auf seine Rolle als Vater zweier junger Söhne konzentrieren.