Philosophie Ein Schotte am Rhein
David Hume gehört zu den großen Philosophen der europäischen Aufklärung. Zu seinem 300. Geburtstag wurden jetzt seine Briefe aus Deutschland erstmals übersetzt.

Porträt des Philosophen David Hume (1711-1776) von Allan Ramsay (1766) aus der Sammlung der National Gallery of Scotland
Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Diese Frage – der Erfolgsautor Richard David Precht weiß es natürlich – ist nicht neu. Einer, der sie mit großer Vehemenz gestellt hat, ist der Philosoph David Hume. Keine 30 Jahre alt, veröffentlichte er 1739/40 in London seinen berühmten Treatise of Human Nature. In dieser Abhandlung über die menschliche Natur, die Precht auch zitiert, bezweifelt Hume, dass es ein Selbst oder Ich überhaupt gibt. Jede Erkenntnis sei eine Folge von tausenderlei Sinneseindrücken, und es gebe keine ordnende, gleichsam regierende Instanz in uns, die alle empfundenen Ich-Momente zu einer festen Identität zusammenfügt.
Mit solch aufklärerischen Ketzereien machte sich der junge Gelehrte unter den Frommen seiner schottischen Heimat keine Freunde. Erschwerend kam hinzu, dass er eine humanistische Ethik entwickelte, in der göttliche Gebote oder jenseitige Belohnungen und Bestrafungen keine Rolle mehr spielen. Vergeblich versuchte er, in seiner Vaterstadt Edinburgh einen Lehrstuhl zu bekommen: Der klerikale Widerstand gegen ihn war derart massiv, dass die Befürworter – zu denen sogar der Oberbürgermeister gehörte – sich nicht durchsetzen konnten.
David Hume, im Frühjahr 1711 in Edinburgh geboren, stammte aus einer verarmten Adelsfamilie. Der Vater, der bereits 1713 gestorben war, hatte als kleiner Anwalt sein Geld verdient. Auch Sohn David studierte zunächst Jura, wandte sich dann aber der Philosophie zu. Seine großen, allen metaphysischen Spekulationen abholden Werke zur Erkenntnistheorie, zur Religion, aber auch zur Geschichte (wie die viel gelesene History of England) und zur Ökonomie gehören zum Vermächtnis der europäischen Aufklärung. Sein Lob der Erfahrung begründete einen modernen Empirismus, der die Wissenschaft bis heute prägt.
Der Autor lehrte Philosophie an den Universitäten in Graz und Minneapolis. Soeben erschien im Beck-Verlag eine Neuausgabe seiner Hume-Biografie, die im Anhang die Reisebriefe aus Deutschland enthält (796 S., 34,– €).
Hume war zwar ein umstrittenes Genie, aber ganz gewiss kein verkanntes. Seine Bücher verkauften sich mit den Jahren immer besser, und er starb – 1776 in Edinburgh – als wohlhabender Junggeselle. Auch in Deutschland fanden seine Werke begeisterte Leser, einer von ihnen hieß Immanuel Kant. Gänzlich unbekannt indes blieben hierzulande Humes Beobachtungen im alten deutschen Reich, die er 1748 auf einer Reise in Briefen an seinen Bruder John niederschrieb – jetzt wurde dieses köstliche, ebenso nüchterne wie sarkastische, etwa zwanzig Druckseiten umfassende Journal erstmals übersetzt.
Die Reise war kein Unternehmen der Muße gewesen. In jenen 1740er Jahren musste Hume sich noch, nachdem seine akademische Karriere von den protestantischen Mullahs verhindert worden war, mit allerlei gänzlich unphilosophischen Tätigkeiten durchschlagen. So wurde er 1745 Privatlehrer eines geisteskranken englischen Marquis, danach Sekretär eines schottischen Generals. Diesen begleitete der 37-jährige Hume auf einer Gesandtschaftsreise an die Höfe in Wien und Turin.
Zweck der Mission war es, Maria Theresia und den König von Piemont – beides Verbündete Englands gegen Frankreich im Österreichischen Erbfolgekrieg – an getroffene Abmachungen zu erinnern. Da die Franzosen 1747 auf dem Lande überall Erfolge erzielten (so hatten sie Flandern und Brüssel erobert), wurde am englischen Hof der Verdacht laut, die kontinentalen Alliierten kämen ihren Verpflichtungen nicht energisch genug nach.
- Datum 13.03.2011 - 10:39 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.3.2011 Nr. 11
- Kommentare 7
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Danke für den ausgezeichneten Artikel! Mehr davon, bitte...
"Köln hinterlässt gemischte Gefühle. Es sei zweifellos eine der größten Städte Europas, nur leider »äußerst verfallen«, so als wäre es gerade erst »von einer Pest oder Hungersnot« heimgesucht worden. Der alte Glanz, die alte Bedeutung seien lange schon verloren."
Trifft auch heute noch zu.
Ich kann mich Kommentar 1 nur anschließen. Der Artikel ist sehr gut gelungen!
Nicht der Artikel, aber mein Kommentar ist wohl etwas langweilig: Ich kann meinen Vorrednern eigentlich nur zustimmen!
Obwohl ich mich erst im letzten Semester intensiv mit David Hume befasste, war mir von seiner Deutschlandreise und dem dazugehörigen Bericht bisher nichts bekannt. Die Zitate im Artikel sind hervorragend gewählt und geben ein plastisches Bild der Person Humes: Ein hervorragender Beobachter, der schonungslos ehrlich - man könnte auch sagen: sympathisch-vulgär - Details erkennt und beschreibt, die den meisten seiner Zeitgenossen verborgen blieben und so einen nicht zu überschätzenden Wert für alle historisch und philosophisch interessierten Menschen darstellen.
Ich wiederhole mich gerne: Mein Kompliment Herr Streminger!
Grüße Bierbaron
die so gut ist wie dieser Artikel, das wäre herrlich. Journalistische Qualität findet sich in den hiesigen Zeitungen nurnoch hie und da. Gebündelt findet man sie selten.
Sehr schöner und informativer Artikel. Gibts ein ähnlich klar geschriebenes Buch zu David Hume?
Eventuell grenzt dies an Werbung, aber für Herrn Streminger webe ich gern: http://www.gerhardstremin... Ich bin in meinem Studium immer wieder erfreut über seine Sachkenntnis und Vermittlung genauerer Einsichten in Humes Philosophie.
Eventuell grenzt dies an Werbung, aber für Herrn Streminger webe ich gern: http://www.gerhardstremin... Ich bin in meinem Studium immer wieder erfreut über seine Sachkenntnis und Vermittlung genauerer Einsichten in Humes Philosophie.
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Vor 300 Jahren gab es noch gar keine Schottenröcke. Das ist eine spätere Mode.
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