1941 wurde der Gerichtshof Old Bailey nahe der Londoner Saint-Pauls-Kathedrale schwer beschädigt. Hier wurde Irene Brann im Dezember des gleichen Jahres verurteilt © Central Press/Getty Images

Im bekannten Strafgerichtshof Old Bailey, wo noch heute Londons Kapitalverbrechen verhandelt werden, kann man erstaunliche Begegnungen erleben. Im November 2009 saß ich dort im hohen kargen Warteraum neben einer auf grelle Weise schönen Frau. Ich kannte diese Frau noch keine zehn Minuten, als sie begann, von ihrem Leben zu erzählen. Zwei ihrer Brüder, sagte sie, hätten Selbstmord begangen. Und dem Mann, mit dem sie verheiratet sei, werde in Gerichtssaal 4 an diesem Tag wegen versuchten Mordes der Prozess gemacht.

Die Fremde war redselig geworden, weil sie bewegt war von einer Geschichte, die ich ihr kurz zuvor geschildert hatte, jener der Dresdnerin Irene Coffee, geborene Brann. Diese Geschichte hatte mich in das Gericht geführt. Denn auch Irene Coffees Fall wurde einst hier, in Saal 4, verhandelt. Er lässt eigene Tragödien zu etwas Erzählbarem schrumpfen.

Dass ihr Schicksal einmal solche Wirkung haben würde, schien im Fall Irene Coffees lange unvorstellbar. In eine gut situierte jüdische Familie geboren, wuchs sie in das Dresdner Bildungsbürgertum hinein – mit Reisen, Opernbesuchen und einem scheinbar unkündbaren Abonnement auf Sorglosigkeit. Zwischen 1937 und 1938 jedoch mussten Irene und ihre Mutter Margarete nach London emigrieren. Auch dort fühlten sie sich zunächst nicht willkommen. Und später nicht mehr sicher.

Als eine Invasion der Nationalsozialisten in Großbritannien nahe schien, beschlossen Mutter und Tochter, gemeinsam Selbstmord zu begehen. Sie nahmen eine Überdosis Schlaftabletten. Die Mutter starb, die Tochter nicht. Einer seit Jahrhunderten gängigen britischen Rechtsprechung folgend wurde Irene danach als Mörderin ihrer eigenen Mutter, der durch Suizid ums Leben gekommenen Margarete Brann, angeklagt – und am 9. Dezember 1941 im Gerichtssaal des Old Bailey schuldig gesprochen. Sir Travers Humphreys, Richter Seiner Majestät, verkündete das Urteil. Es lautete auf Todesstrafe. Tod durch Erhängen.

In dieser Story, die sprachlos macht, bevor sie Menschen zur Redseligkeit verführt (wie die Frau im Warteraum des Gerichts Old Bailey), spielte auch GeorgeVI. eine Rolle. Der stotternde König, von dem der Film The Kings Speech handelt, hatte einige Zeit später über das Begnadigungsgesuch der Deutschen zu befinden.