Facebook und Politik, das schienen bis vor drei Wochen in Deutschland Gegensätze zu sein. Wer auf Facebook Sätze und Bilder postete, wollte vor allem cool sein, lustig, geistreich, schön. Aber doch nicht politisch. In fernen Ländern, dachte man, mag Facebook vielleicht politischen Nutzen haben, weil es hilft, sich zu Demos zu verabreden. Aber doch nicht in einer bereits funktionierenden Demokratie.

Aber plötzlich funktioniert diese Demokratie anders. Zum ersten Mal in Deutschland spürbar im Fall Guttenberg. Nicht der Spiegel hat ihn aus dem Amt gedrängt, und Bild hat ihn auch nicht im Amt gehalten. Über Guttenbergs Schicksal bestimmten am Ende eher Leute, die übers Internet zusammenkamen: die Plagiatsrechercheure der Seite GuttenPlag. Oder die Zehntausende Doktoranden, die von Merkel verlangten, Guttenberg nicht weiter in Schutz zu nehmen: Ein 27-jähriger Doktorand aus Konstanz stellte freitagnachts um eins einen offenen Brief an Angela Merkel ins Netz und suchte per Facebook und E-Mail nach Unterzeichnern. Bis Sonntag, 24 Uhr, waren es 21.253.

Oder warum entwickelte das Interview mit Professor Oliver Lepsius aus Bayreuth, dem Nachfolger des Doktorvaters von Guttenberg, eine solche Kraft? Nicht nur, weil er das Schlüsselwort »Betrüger« gesagt hatte. Sondern auch, weil sein Statement, das in analogen Zeiten vielleicht dreimal in den Nachrichten gelaufen wäre, übers Wochenende von einem Facebook-Mitglied zum anderen empfohlen und in voller Länge angesehen wurde, fünfeinhalb Minuten lang. Zwanzig Tagesschau- Sekunden hätten sich vielleicht versendet, aber im Internet versendet sich nichts, schon gar nicht übers Wochenende. Denn da sitzen viele – wie nennt man sie eigentlich: User, Internetbürger? – am Computer. Sie haben Zeit. Und wollen Aufmerksamkeit.

Es gab vielleicht einen entscheidenden Moment, an dem die Sache kippte. Die Bild- Zeitung ließ auf ihrer Internetseite über Guttenberg abstimmen und merkte: Huch, die stimmen ja gar nicht für, sondern gegen ihn. Da nahm die Redaktion die Umfrage schnell aus dem Netz. Erst als aus dem Internet die Proteste gegen diese Selbstzensur anwuchsen, stellte sie die Abstimmung wieder rein. Es war eine kleine, aber entscheidende Kapitulation der alten Macht Bild vor der neuen Macht Facebook.

Es ist gerade ein paar Jahre her, dass Angela Merkels Handy, Marke Siemens, berühmt wurde, weil die Kanzlerin die SMS zum Mittel ihrer Politik machte. Egal, wo sie war, sie simste und las SMS. Das hat ihre Politik verändert, sie reagierte immer schneller – aber eben auch nur auf andere Politiker und Nachrichtenmeldungen, die ihr der Pressedienst zusimste. Wegen Facebook ist dieses SMS-Zeitalter schon wieder überwunden. Wir leben in der Facebookratie. Die Gewählten reagieren unmittelbar – das ist das Neue – auf die Wählenden. Nicht erst übersetzt durch Bild oder Umfragen.

Im Schulunterricht lernt man unsere Demokratie über Schaubilder kennen. Auf diesen Schaubildern gehen Pfeile vom Volk zum Bundestag, beschriftet sind sie mit »wählt alle vier Jahre«. Man müsste neue Pfeile einzeichnen.

Vielleicht ist die Facebookratie die offenere Demokratie, eine, die so etwas wie Stuttgart21, wo keiner mit keinem redete, verhindern würde. Gut möglich, dass sie aber auch die populistischere ist.

Übrigens ist der Begriff Facebookratie schon mal benutzt worden, in den Online-Kommentaren der ZEIT-Leser. Ein gewisser Sigmund1974 hat am 11. Februar gefragt, welches Land nach Ägypten als nächstes »facebookratisiert« werde. An Deutschland dachte er dabei offenbar weniger.

Für Facebook, die Firma, die so viele Daten über Privatleute sammelt, wie es sonst nur Geheimdienste tun, ist es natürlich schmeichelhaft, wenn plötzlich der Markenname mit so etwas Gutem wie Demokratie verknüpft wird. Aber vielleicht wird Facebook ja selbst facebookratisiert. Es müssten sich nur genügend finden.