Sprache Islam und Semantik
Wer oder was gehört wem und zu wem? Eine kleine Wortklauberei.
Den vor einem halben Jahr weidlich diskutierten Spruch des Bundespräsidenten »Der Islam gehört zu Deutschland« zu wiederholen und ihn in sein Gegenteil zu kehren war keine gute Idee des neuen Innenministers Hans-Peter Friedrich. Um mit Karl Kraus zu reden: Je länger man den Satz anschaut, umso fremder blickt er zurück. Denn was soll das heißen, der Islam gehöre (oder gehöre nicht) zu Deutschland? Das Wort »gehören« gehört zu den vieldeutigsten überhaupt, und man darf annehmen, dass Christian Wulff es gerade deshalb gewählt hat.
Wer im Deutschen Wörterbuch nachschlägt, findet, dass »Gehören« zunächst ein verstärktes Hören im Sinne des Gehorchens bedeutet. Ein Kind konnte man früher fragen, »Wem gehörst du?«, wenn man damit sagen wollte, »Wer sind deine Eltern, wem hast du zu gehorchen?«. Der Angehörige ist hier der Abhängige, er gehört zu einer Person, die mächtiger ist als er selbst. Schiller lässt seinen Wallenstein dem Max Piccolomini, als dieser ihm die Gefolgschaft verweigern will, herrisch entgegnen: »Gehörst du dir? Bist du dein eigener Gebieter? Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser! Mir angehören, mir gehorchen, das ist deine Ehre, dein Naturgesetz.« Und in Goethes Wilhelm Meister sagt der geheimnisvolle Harfner: »Fragen Sie mich nicht, ich gehöre nicht mir zu.« Worauf Wilhelm gleichwohl fragt: »Wem gehörst du an?«
Neben der Bedeutung eines Besitz- oder Befehlsrechtes gibt es dann die des Schicklichen (»Das gehört sich nicht«) oder Passenden (»Das gehört nicht hierher«). Schließlich kann »gehören zu...« eine sachliche Unterordnung oder Eingruppierung bedeuten. Man kann sagen, Eppendorf gehöre zu Hamburg, aber wohl kaum, Hamburg gehöre zu Eppendorf. Und da »der Islam« zweifellos quantitativ größer ist als Deutschland, würde man sagen können, Deutschland gehöre zum Islam, aber nicht umgekehrt.
Das leicht erkennbare Problem besteht aber darin, dass hier etwas Abstraktes und etwas Konkretes miteinander in Beziehung gesetzt werden. Der Islam ist ein Abstraktum, eine Idee, der man logischerweise etwas Ähnliches wie eine »deutsche Idee« oder eine »deutsche Religion« gegenüberstellen müsste, was ja mit der Leitkultur glücklos versucht wurde. Will man aber den logischen Bruch vermeiden, dann muss man sagen, die hier lebenden Muslime gehören zu Deutschland, was allein schon deshalb unstrittig ist, weil sie hier leben.
Genau diese Ungenauigkeit macht den diskursiven Reiz des Satzes aus. Deshalb taugt er für einen endlosen Streit. Auf der Oberfläche konstatiert er eine Trivialität, darunter aber schwingt etwas Normatives mit. Er verknüpft etwas, was kategorial nicht zusammengehört. Und er spielt auf schillernde Weise mit dem Bedeutungsreichtum des Gehörens, Angehörens und Zu-etwas-Gehörens. Vielleicht sollten wir auf Herder hören, der gesagt hat: »Ermanne dich. Nein, du gehörst nicht dir, dem großen, guten All gehörest du.«
- Datum 14.03.2011 - 10:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.3.2011 Nr. 11
- Kommentare 32
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Solange wir uns über Worte oder sogar einzelne Buchstaben so aufregen, wird eine sinnvolle und differenzierte Diskussion in D nicht geführt werden können. Auch wenn sie bitter bitter notwendig ist.
Im Moment laufen die beiden Diskussionslager nebeneinander her. Das eine spricht von Integrationsproblemen und das andere spricht von Islamophobie und das alles nicht so schlimm ist. Als ob die Muslime in D eine homogene Gruppe wären. Lapidar ausgedrückt: "Es gibt solche und es gibt solche."
Dies hat etwas beunruhigendes !
Sofort kommt hier Frick_Turnerstick
mit "Populismus" und "Geschichtsrevisionismus".
Bitte äußern Sie Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg
Ich... halte diese Debatte für eine Scheindebatte.
Im Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels, also zum Beisoiel des Mauerfalls, weil in gewissen Aspekten noch an der Konsistenz einer BRD festgehalten wird, nehmen wir die Türken und Moslems zum Anlass, um über uns zu referieren.
Bedenkt man, dass in den 2000er Jahren ferner der Islam seit sehr langer Zeit zum ersten Mal wieder ein Politikum dargestellt hat, sollte sich der interessierte und nicht bloß populistische öffentliche Akteur vielleicht fragen, ob diese Debatte nicht dazu dient, zweierlei zu diskutieren: a
a. BRD-Wandel und
b. Kriege gegen muslimische Organisationen.
In ein paar Jahren oder Jahrzehnten schämen wir uns hoffentlich! für den einen oder anderen Vergleich.
Dies hat etwas beunruhigendes !
Sofort kommt hier Frick_Turnerstick
mit "Populismus" und "Geschichtsrevisionismus".
Bitte äußern Sie Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg
Ich... halte diese Debatte für eine Scheindebatte.
Im Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels, also zum Beisoiel des Mauerfalls, weil in gewissen Aspekten noch an der Konsistenz einer BRD festgehalten wird, nehmen wir die Türken und Moslems zum Anlass, um über uns zu referieren.
Bedenkt man, dass in den 2000er Jahren ferner der Islam seit sehr langer Zeit zum ersten Mal wieder ein Politikum dargestellt hat, sollte sich der interessierte und nicht bloß populistische öffentliche Akteur vielleicht fragen, ob diese Debatte nicht dazu dient, zweierlei zu diskutieren: a
a. BRD-Wandel und
b. Kriege gegen muslimische Organisationen.
In ein paar Jahren oder Jahrzehnten schämen wir uns hoffentlich! für den einen oder anderen Vergleich.
Ich bitt Sie, hätten's das nicht ein bisserl eher schreiben können?
Immerhin ist Deutschland noch nicht Beobachtendes Mitglied der OIC (Googeln hilft).
In Friedrichs Aussage spricht der Populismus und der Geschichtsrevisionismus.
Natürlich gehört der Islam zu Deutschland. In den 60er und 70er Jahren ist er durch 'uns' importiert worden. Da war uns die Arbeitskraft türkischer 'Gastarbeiter' wertvoll. Muslime waren die Türken damals auch schon. Jetzt ist er da und bleibt, und fragt mit Fug und Recht warum wir ihn plötzlich nicht mehr wollen. Von daher: Geschichtlich ist der Islam nicht nur seit mindestesn 40 jahren Teil Deutschlands, dass dies so ist, ist auch unsere Verantwortung.
AusIhrem Kommentar 3
""""" In den 60er und 70er Jahren ist er durch 'uns' importiert worden. Da war uns die Arbeitskraft türkischer 'Gastarbeiter' wertvoll."""""""
Ab 1973 wurde ein absolutes Verbot in Kraft gesetzt, dass Gastarbeiter aus der Türkei keine Arbeitserlaubnis mehr in Deutschland erhalten. Und das Gesetz gilt auch heute noch. Wieso war dann die Arbeitskraft so wertvoll, wenn wir die Arbeitsmigration seit 1973 mit der Türkei unterbunden haben? Wir hatten keine Arbeitsplätze mehr für Migranten ohne Ausbildung und Bildung.
Seit 1973 kamen Migranten aus der Türkei nur und ausschließlich im Wege der Familienzusammenführung und des Asyls. Asylberechtigte gab es viele, was nicht unbedingt ein gutes Zeichen für Herrn Erdogan ist.
Anfang der 60er Jahre wurde das Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen, 1973 außer Kraft gesetzt (wie übrigens ALLE anderen Anwerbeabkommen auch). In der damaligen BRD lebten etwas über eine halbe Million Türken.
Was ist Ihr Statement? Mein Argument ist, dass die Anwerbung von uns eingeleitet wurde, sodass 1. es natürlich unsere Verantwortung ist, mit Moslems heute zu leben und 2. der Islam zu Deutschland gehört.
Ob wir die Integration von Moslems, Türken oder anderen "Ausländern" besonders gelungen finden (ich gebrauche die Kategorien mal ganz platt und durcheinander), da kann man drüber diskutieren. Dass der Islam zu Deutschland gehört, dass kann kaum bestritten werden.
AusIhrem Kommentar 3
""""" In den 60er und 70er Jahren ist er durch 'uns' importiert worden. Da war uns die Arbeitskraft türkischer 'Gastarbeiter' wertvoll."""""""
Ab 1973 wurde ein absolutes Verbot in Kraft gesetzt, dass Gastarbeiter aus der Türkei keine Arbeitserlaubnis mehr in Deutschland erhalten. Und das Gesetz gilt auch heute noch. Wieso war dann die Arbeitskraft so wertvoll, wenn wir die Arbeitsmigration seit 1973 mit der Türkei unterbunden haben? Wir hatten keine Arbeitsplätze mehr für Migranten ohne Ausbildung und Bildung.
Seit 1973 kamen Migranten aus der Türkei nur und ausschließlich im Wege der Familienzusammenführung und des Asyls. Asylberechtigte gab es viele, was nicht unbedingt ein gutes Zeichen für Herrn Erdogan ist.
Anfang der 60er Jahre wurde das Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen, 1973 außer Kraft gesetzt (wie übrigens ALLE anderen Anwerbeabkommen auch). In der damaligen BRD lebten etwas über eine halbe Million Türken.
Was ist Ihr Statement? Mein Argument ist, dass die Anwerbung von uns eingeleitet wurde, sodass 1. es natürlich unsere Verantwortung ist, mit Moslems heute zu leben und 2. der Islam zu Deutschland gehört.
Ob wir die Integration von Moslems, Türken oder anderen "Ausländern" besonders gelungen finden (ich gebrauche die Kategorien mal ganz platt und durcheinander), da kann man drüber diskutieren. Dass der Islam zu Deutschland gehört, dass kann kaum bestritten werden.
Dies hat etwas beunruhigendes !
Sofort kommt hier Frick_Turnerstick
mit "Populismus" und "Geschichtsrevisionismus".
Bitte äußern Sie Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg
solch ein artikel war schon lange fällig. wir müssen uns mehr denn je um eine sprache bemühen, die der komplexität unserer welt, und der komplexität gesellschaftlicher entscheidungsprozesse gerecht wird.
wer gegen dieses gebot verstößt, ist ein politischer saboteur und ein brandstifter - links wie rechts. wir dürfen uns nicht vom ungeist regieren lassen.
zuvorderst ein Kommunikationsversagen zugrunde? Danke für den Artikel!
Es wird immer blöder - was soll das? Ist das Taktik, das Migrationsproblem durch solche Artikel in die Belanglosigkeit zu treten? Soll durch diese "Wortklauberrei" ein Klima des Überdrusses geschaffen werden? Den meisten Menschen dürfte es reichlich egal sein, ob das Wörtchen "gehört" jetzt richtig platziert ist oder nicht - das Problem ist und bleibt das Gleiche und "gehört" jetzt endlich vernünftig angegangen.
Herr Greiner bleibt weit unter seinen überdurchschnittlichen Fähigkeiten und vermeidet übrigens
sehr auffällig eine Parteinahme. Immerhin steckt hinter jedem großen Streit ein Interessenkonflikt von Menschen-Gruppen.
kritisiert den liederlichen Sprachgebrauch des Bundespräsidenten. Ich finde deshalb, Ihre Kritik an diesem Beitrag unangebracht. Auch trifft Greiner den Nagel auf den Kopf, weil er anhand Wulffs Aussage genau beschreibt, worüber nun gestritten wird. Es geht nämlich nicht darum, ob die hier lebenden Muslime zu Deutschland gehören, was ja durch die Kraft des Faktischen nicht zu leugnen ist. Es ist viel mehr darüber zu streiten, inwieweit "der Islam" als Idee oder als ideologisches Konzept Einfluss auf unseren Staat und unsere Gesellschaft ausübt und ausüben darf.
Wulffs Aussage ist umstritten, weil sie schwammig und undifferenziert ist. Hätte sich Wulff darüber ausgelassen, wie ein zu Deutschland gehörender Islam auszusehen habe, bzw. welche Aspekte "des Islam" hierzulande keine Zukunft haben sollten und welche Aspekte integrierbar oder sogar wünschenswert sind, hätte es keine Kritik gegeben.
gemerkt, dass im Streit - "der Islam gehört" oder "gehört nicht" zu Deutschland - kein Ergebnis in Sicht ist. Die verschiedenen Parteien reden aneinander vorbei.
Nun, dieser Artikel erkennt das und führt es darauf zurück, dass keiner weiß, was "zu etwas gehören" eigentlich bedeutet. Das finde ich sehr hilfreich.
Nach dem Motto: Wenn wir Antworten wollen, müssen wir erst mal die richtigen Fragen stellen.
Aber streiten Sie ruhig weiter um Luftblasen, soll mir recht sein.
Herr Greiner bleibt weit unter seinen überdurchschnittlichen Fähigkeiten und vermeidet übrigens
sehr auffällig eine Parteinahme. Immerhin steckt hinter jedem großen Streit ein Interessenkonflikt von Menschen-Gruppen.
kritisiert den liederlichen Sprachgebrauch des Bundespräsidenten. Ich finde deshalb, Ihre Kritik an diesem Beitrag unangebracht. Auch trifft Greiner den Nagel auf den Kopf, weil er anhand Wulffs Aussage genau beschreibt, worüber nun gestritten wird. Es geht nämlich nicht darum, ob die hier lebenden Muslime zu Deutschland gehören, was ja durch die Kraft des Faktischen nicht zu leugnen ist. Es ist viel mehr darüber zu streiten, inwieweit "der Islam" als Idee oder als ideologisches Konzept Einfluss auf unseren Staat und unsere Gesellschaft ausübt und ausüben darf.
Wulffs Aussage ist umstritten, weil sie schwammig und undifferenziert ist. Hätte sich Wulff darüber ausgelassen, wie ein zu Deutschland gehörender Islam auszusehen habe, bzw. welche Aspekte "des Islam" hierzulande keine Zukunft haben sollten und welche Aspekte integrierbar oder sogar wünschenswert sind, hätte es keine Kritik gegeben.
gemerkt, dass im Streit - "der Islam gehört" oder "gehört nicht" zu Deutschland - kein Ergebnis in Sicht ist. Die verschiedenen Parteien reden aneinander vorbei.
Nun, dieser Artikel erkennt das und führt es darauf zurück, dass keiner weiß, was "zu etwas gehören" eigentlich bedeutet. Das finde ich sehr hilfreich.
Nach dem Motto: Wenn wir Antworten wollen, müssen wir erst mal die richtigen Fragen stellen.
Aber streiten Sie ruhig weiter um Luftblasen, soll mir recht sein.
Herr Greiner bleibt weit unter seinen überdurchschnittlichen Fähigkeiten und vermeidet übrigens
sehr auffällig eine Parteinahme. Immerhin steckt hinter jedem großen Streit ein Interessenkonflikt von Menschen-Gruppen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren