Thailändische Mahouts sitzen auf ihren Elefanten © Paula Bronstein/Getty Images

Ist das wirklich Haut? Oder trockenes Leder? Rau, dick, mit schwarzen Borsten darauf. Muss Haut sein. Ich stehe vor einem Exemplar des größten Landsäugetiers der Erde. Und streichle seine Flanke.

Geh zu deinem Elefanten, hatte Bodo gesagt. Sprich mit ihm. Und denk nicht mal dran, seinen Namen falsch auszusprechen: Er heißt Phu Sii. Nicht Pussy. Phu Sii bedeutet auf Thailändisch: Sii, der Bulle. Schon aus 50 Meter Entfernung ist jede Verwechslung ausgeschlossen. Phu Sii, 3,20 Meter Schulterhöhe, fünf Tonnen schwer. Mir ist etwas mulmig.

Was erzählt man einem Elefanten bei der ersten Begegnung? Ich schraube meine Stimme eine halbe Oktave tiefer, schon um mich zu beruhigen. »Hallo, Phu Sii, ich komme aus einer anderen Welt, wo man Dinge mit Elektrizität macht und in geschlossenen Kisten lebt. Ich will dich respektieren und gut zu dir sein.« Phu Sii lässt keine Regung erkennen, wackelt nicht mal mit dem Rüssel.

Wir stehen uns gegenüber im nordthailändischen Bergland, 60 Kilometer südwestlich von Chiang Mai. Eine halbe Stunde lang hat Bodo am Morgen seinen Jeep über buckelige, von der Regenzeit ausgewaschene Pisten den Berg hinaufgequält. Das Camp liegt mitten im Dschungel am Rande des Doi-Inthanon-Nationalparks. Obwohl das Klima hier, auf 1000 Meter Höhe, mild ist, rinnt mir der Schweiß herunter. Die Stechfliegen tun, was sie tun müssen. Auf Deo und Insektenspray habe ich verzichtet. Damit Phu Sii meinen Geruch in seinem riesigen Gehirn abspeichern kann. Fünfeinhalb Kilo Hirnmasse, die Stirnlappen komplexer gefaltet als beim Menschen. 200 Personen kann ein Elefant unterscheiden. Und die 150.000 Muskeln in seinem Rüssel so präzise und sensibel steuern, dass er damit malen kann. Oder Baumstämme heben.

Eine Begegnung auf Augenhöhe, hat Bodo gesagt. Und in genau diesen Augen zuckt es jetzt. Die große, braun-golden gesprenkelte Iris unter dem Gestrüpp der Wimpern zieht sich zusammen. Phu Sii fokussiert mich. Ich versuche, meine fahrigen Hände unter Kontrolle zu bringen. Betaste seine Ohren. Mein Gegenüber ist vierzig, also etwa in meinem Alter. Aus seinen Schläfendrüsen läuft ein dickflüssiges Sekret. Er ist, das habe ich mir vorher angelesen, in der Musth. Das bedeutet: Dieser Bulle ist bis unter die Schädeldecke voll mit Testosteron. Er will eine Kuh. Könnte sein, dass er etwas reizbar ist. Kann man verstehen. Ich rede weiter. Irgendwas. Könnte auch das Berliner Telefonbuch aufsagen. Es geht nur um Melodie und Tonlage.

Dass ich mich überhaupt so nah an Phu Sii heranwage, hat zwei Gründe: Da ist Bodo Förster, der seit 25 Jahren Umgang mit Elefanten pflegt. Und da ist Mek, der junge, drahtige Mahut, der Elefantenführer. 18 Jahre alt, immer ein Strahlen im Gesicht. Er spricht kein Thai und auch kein Englisch. Er gehört zu den Karen, einem Bergvolk, das im Grenzgebiet zu Birma lebt. Ich möchte ein wenig von dem lernen, was Mek schon seit Kindesbeinen tut.

Es beginnt mit einer vertrauensbildenden Maßnahme. Wir vier Teilnehmer des »education trip« sitzen mit Bodo auf dem Boden. Das Camp liegt in einer kleinen Talsenke. Früher wurde hier Teakholz geschlagen. Doch jetzt sehen wir keine Bäume mehr, sondern nur noch Rüssel und Beine. Die Herde ist zusammengekommen und steht Bauch an Bauch und Bein an Bein um uns, über uns. Nein, wir müssen keine Angst haben, sagt Bodo. Und zieht an seiner Zigarette. Elefanten mögen Tabakrauch. Eines der Kälber tollt zwischen den Beinen der Kühe herum. Die Herde wird unruhig. Trotzdem wird niemandem auf die Füße getreten. Nach ein paar Minuten atmen wir wieder normal. Die Vorstellung, jetzt gleich auf einen Elefanten zu steigen, erscheint überhaupt nicht mehr abwegig. Das ist ein Moment nach Bodos Geschmack. An eine Grenze gehen. Die Angst überwinden. Vertrauen fassen. Einfach machen. Und sich danach schön leicht fühlen.