Menschen stehen auf der Congress Avenue Brücke in Austin und beobachten Fledermäuse. © JEFF HAYNES/AFP/Getty Images

Als ich mich gerade fragte, was das hier wohl noch werden würde, begann der Sturm. Erst war es nur eine Linie aus schwarzen Schatten, die sich wie ein im Wind flatternder Seidenschal unter dem Brückenpfeiler emporhob. Dann wurde die Linie breiter, aus dem Flattern ein Schlagen, und innerhalb von Sekunden strebten mehrere Bänder zusammen zu einer wimmelnden, schwarzen Wolke. Ein Sirren lag in der Abendluft. Fast glaubte ich, den Wind der Millionen Flügelschläge zu spüren. Ein Himmel voller Fledermäuse – mitten in der Großstadt.

In der Nacht zuvor war ich in Austin angekommen. Mein Hotel lag am Wasser. Gleich neben der Congress Avenue Bridge, die über den Fluss Colorado führt, der allerdings nichts mit dem berühmten Colorado River zu tun hat. Austin hat den Ruf, die coolste Stadt in Texas zu sein. Jeder fünfzehnte Einwohner ist ein Student. "Keep Austin weird" – Austin soll schräg bleiben, lautet das offizielle Motto. Ich war wegen einer Attraktion angereist, die sich weird genug anhörte: der größten städtischen Fledermauspopulation der Welt. 750000 Menschen leben in Austin. Und doppelt so viele Fledermäuse. Aber da ein Fledermaustag erst mit der Abenddämmerung beginnt, hatte ich noch einige Zeit zu überbrücken.

Es war Hochsommer. Die Luft schlug wie ein nasses Tuch nach mir, als ich am Morgen aus der klimatisierten Hotellobby auf die Straße trat. Nach zwei, drei Schritten drosselte ich das Tempo, versuchte meinen Atem zu beruhigen und mich in die drückende Feuchtigkeit hineinzuschmiegen. Obwohl mein Hotel downtown lag, konnte ich kein städtisches Leben ausmachen, abgesehen von einer Starbucks-Filiale und ein paar nichtssagenden Geschäften. Am gegenüberliegenden Ufer des Flusses sei das Szeneviertel South Congress zu finden, hatte man mir im Hotel gesagt. Dorthin machte ich mich auf den Weg. Als ich die Brücke überquerte, stieg mir ein merkwürdiger Geruch in die Nase. Stechend, wild, wie in einem Zoogehege. Aber vom Wasser kam ein angenehmer Wind, und es waren wenig Autos unterwegs.

Nach einigen öden Blocks aus Geschäftshäusern und Tankstellen tauchten tatsächlich eine Reihe von Coffeeshops, Secondhandläden und Boutiquen auf. In den Schaufenstern lagen kostbar verzierte Cowboystiefel in allen Farben, dicke Ledergürtel und mexikanischer Modeschmuck. Trotzdem war es eine merkwürdige Einkaufsmeile. An einer sechsspurigen Straße gelegen, die nur schwer zu überqueren war, mit einer Freifläche auf der anderen Seite voll wild bemalter, altmodischer Wohnwagen. Deren Besitzer hatten gerade begonnen, die Luken an den Seiten ihrer Vehikel zu öffnen. Jeder bot etwas anderes an – mexikanische Quesadillas, vegane Linsensuppen, pink glasierte Cupcakes oder frische Fruchtsäfte. Aber noch waren die meisten Imbisswagen geschlossen. Ich kehrte um.