Der Zeitpunkt könnte grimmiger nicht sein: Während in Japan Hunderttausende von Menschen evakuiert werden, während die Kernschmelze in den Atomreaktoren möglicherweise nicht mehr aufzuhalten ist, erscheint in einem kleinen österreichischen Verlag ein Roman, der sich just diesem Szenario widmet. 25 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl hat der Musiker und Romancier Hans Platzgumer für sein Buch Der Elefantenfuß in den Sümpfen von Prypjat recherchiert.

Freunde, die einen Dokumentarfilm in der Todeszone drehten, hätten ihn mit ihren Bildern infiziert, sagt Platzgumer. Er forschte seit 2009 in Archiven, bis ihn die Albträume nachts stündlich weckten. Dabei konnte ihn die Katastrophe von Tschernobyl 1986 zur keinerlei Reaktion bewegen. Damals war er der jugendliche Punk, den es nach New York zog. Dort gründete er die Band H.P. Zinker – und sammelte Underground-Erfolge, die sich 1995 in einer Grammy-Nominierung für das Album Mountain of Madness niederschlugen. Aber da war der unstete Melancholiker längst zu neuen Ufern aufgebrochen – nach Hamburg, zu der Hafenstraßenband Goldene Zitronen. Zehn Jahre später und nach etlichen Stationen zwischen Los Angeles und Tokyo hatte Platzgumer das Tourneeleben satt und wurde Schriftsteller.

Sein neuer, dritter Roman handelt vom Leben in Extremen, von radikaler Einsamkeit und von Entgrenzung, die an den Rand des Menschseins in einer vorzivilisatorischen Grausamkeit führt. Es geht um das Joggen, das Verlöschen im Medikamententaumel und um die gespenstische Stille in der Geisterstadt Prypjat. Vor allem aber geht es um den Elefantenfuß.

»Bauern hatten rosa und blau leuchtende radioaktive Klumpen auf ihren Feldern entdeckt. Tennisballgroße Brocken und kleine weiße Blättchen. Feinen Staub, der ihr Land bedeckte, fast wie Schnee«, so beschreibt Platzgumer den Fallout an jenem 26. April 1986, an dem man das Gift noch sehen, anfassen konnte. Heute liegen, versiegelt unter Stahlwänden und meterdickem Beton, 190 Tonnen angereichertes Uran und eine Tonne Plutonium, mit Grafit, Bitumen, Sand und den Resten der Brennstäbe zu einer Form verschmolzen, welche die Wissenschaftler an den Fuß eines Elefanten erinnerte.

Seltsame Gestalten bewegen sich durch die 280000 Hektar große Todeszone rund um Tschernobyl – ein junges Paar, ein Mann, der unentwegt joggen geht, ein Lebensmittelhändler, ein Student und eine Gruppe Soldaten. Wenn sie einander zufällig über den Weg laufen, sind sie irritiert. Die radikale Einsamkeit des Ortes hat sich auf sie übertragen, eine Einsamkeit, aus der es kein Zurück mehr gibt.

Igor Kochanow betreibt hier eine Tankstelle und ein kleines Lebensmittelgeschäft. Zu verkaufen gibt es nicht viel, denn längst sind die Wachposten entlang des Maschendrahtzauns abgezogen. Längst sind sogar die Plünderer verschwunden, die kontaminierte Autos und Möbel, Spielzeug und Geschirr aus den Gruben scharrten und über Weißrussland und die Ukraine verstreuten. Einst wurde Kochanow, so wie zweihunderttausend andere Menschen auch, in die hastig aus dem Boden gestampfte Stadt Slawutytsch evakuiert – als ob nicht jeder von ihnen den schleichenden Tod mitgenommen hätte. Igor Kochanow ist zurückgekehrt, um in aller Stille den Sternen zynische Fragen zu stellen.

Vollkommen leistungsmotivierte Resignation – dieses Paradox hat sich Alexander Kudrjagin, der Jogger, zu eigen gemacht. Seinen Schutz vor den Strahlen hat er sich selbst geschaffen: »Ich nehme Strahlen auf und gebe sie gleichermaßen wieder ab. Ich lasse sie ein- und wieder austreten. Ich habe mich geöffnet.« Kudrjagin hat sich selbst mit einem Bohrer die Schädeldecke durchstoßen, ohne die »geleeartige Masse« seines Hirns zu verletzen.

Diese Behandlung empfiehlt er auch der eleganten jungen Soraya, die er eines Tages auf der Straße trifft. Da raucht sie eine Zigarette und ist vollkommen betäubt von Schmerzmitteln. Philippe hat sie hierher gebracht. Philippe, der ständig von Gott spricht und Soraya ohne Grund schlägt. Der immer mit dem selben Ziel apathisch seiner Wege geht. »Sie kann noch nicht wie ich aufbrechen, um Gottes Willen auszuführen... Ich kann nicht mehr länger auf sie warten.« Religiöse Fundamentalisten, berichtet Platzgumer, ziehe es immer wieder zum Elefantenfuß. Sie stellten eine Verbindung her zwischen dem in Esoterikerkreisen beliebten Engel Wismut und der Tatsache, dass die Wismut AG aus Sachsen jahrzehntelang Uranerz an die Sowjetunion – auch für das Kernkraftwerk Tschernobyl – geliefert hat.

Platzgumer erzählt in apokalyptischen Bildern von einer Welt, in der nichts mehr alltäglich ist, in der es keine menschlichen Beziehungen geben kann, weil menschliche Beziehungen auf dem Vertrauen in die Zukunft basieren. Nur der Fundamentalist vermeint, er führe Gottes Willen aus. Doch der Schrecken, der von dem Geisterschloss in den Prypjat-Sümpfen ausgeht, lässt sich weder mit Gott noch mit Wodka bannen.

Hans Platzgumer: »Der Elefantenfuß«; Limbus Verlag, Innsbruck 2011; 240 Seiten, 19,80 €