Er ist einer der wenigen, die sich noch äußern wollen. Er hat ja auch nichts mehr zu verlieren. Wolfgang Clement ist der Outlaw der Sozialdemokratie; seit seinem Parteiaustritt 2008 ist der frühere Wirtschaftsminister ein Stachel im Fleisch der SPD. Clement findet Atomkraft gut. Und er steht auch jetzt dazu. Von der Regierungsentscheidung, die Laufzeitverlängerung der Meiler auszusetzen , hält er wenig: "Was hier geschieht, ist menschlich verständlich, aber nicht sehr überlegt."

Clement gehört zu den Unterzeichnern des "Energiepolitischen Appells", einer Anzeigenkampagne vom August 2010 . In doppelseitigen Zeitungsanzeigen wurde die Regierung aufgefordert, die Laufzeiten der Atommeiler zu verlängern: "Ein vorzeitiger Ausstieg würde Kapital in Milliardenhöhe vernichten – zulasten der Umwelt, der Volkswirtschaft und der Menschen in unserem Land." Die Unterzeichner verlangten "Mut und Realismus für Deutschlands Energiezukunft".

Nun hat die Realität die Atomkraftfans eingeholt . Grund genug, einmal nachzufragen, wie sie ihren Appell heute sehen.

Im Sommer war die politische Stimmung angespannt. CDU/CSU und FDP rangen um die Laufzeit der Atommeiler. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) wollte sie "für eine überschaubare Zahl von Jahren" länger am Netz lassen. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und wichtige Unionspolitiker forderten zusätzliche Laufzeiten von 15 Jahren und mehr. Die Kanzlerin hielt sich bedeckt. Also machte die Stromwirtschaft Druck – und veröffentlichte den "Energiepolitischen Appell". "Manager greifen Röttgens Politik an", schrieb die Frankfurter Allgemeine . "BDI verpasst Merkel den Denkzettel", titelte Spiegel Online . Der Industrieverband hatte den Appell mit den Energiekonzernen initiiert.

Am Montag will sich beim BDI niemand äußern. Und in vielen Konzernzentralen heißt es, man benötige "mehr Zeit, um die Ereignisse seriös zu bewerten".

Zu sprechen ist dagegen der Bahnchef. "Ich bin kein Befürworter der Kernenergie ", sagt Rüdiger Grube. "Wenn es möglich wäre, würde ich morgen die Kernkraftwerke abschalten, aber das geht nicht. Wir brauchen einen Übergang. Schließlich stehen wir auch im Wettbewerb mit der französischen Bahn, die zu hundert Prozent Atomstrom nutzt."

Wolfgang Herrmann, der Präsident der Technischen Universität München, lässt ausrichten, dass er "am Aufruf nichts zurückzunehmen" habe. Er verweist auf den ersten Absatz des Appells, wonach die Zukunft den erneuerbaren Energien gehöre.

Kurt Lauk vom Wirtschaftsrat der CDU sagt: "Wir sind immer davon ausgegangen, dass Industrienationen die Technik eines sicheren Betriebes mit Kompetenz beherrschen. Hier hat Japan ein Fragezeichen gesetzt."

Wolkiges gibt es von der Deutschen Bank. Vorstandschef Josef Ackermann spreche sich "nach wie vor für ein ausgewogenes energiepolitisches Gesamtkonzept aus, das sowohl die Sicherung der Lebensgrundlagen von morgen und die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland im Blick hat".

So diplomatisch muss Wolfgang Clement sich nicht ausdrücken. "Der Appell war wichtig, und es gibt keinen Grund, ihn zurückzunehmen", sagt er. Clement glaubt nicht, dass sich die Bürger nach der japanischen Katastrophe von Schwarz-Gelb abwenden. Und wenn doch, dann wegen Merkels Krisenreaktion: "Erst wenn man es so fährt, wie man es jetzt fährt, wird es zum Gewinnerthema für Rot-Grün." Der Mann hat eben einen ganz eigenen Blick auf die Dinge.