DIE ZEIT: Herr Großmann, was halten Sie von der Entscheidung, die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke für drei Monate auszusetzen ?

Jürgen Großmann: Am Ende werden wir eine Entscheidung treffen müssen, wie es weitergeht. Aber man sollte sich die Zeit nehmen, zu analysieren, was in Japan geschehen ist .

ZEIT: Was sagen die RWE-Experten zur Lage?

Großmann: Die Situation in Japan ist dramatisch, und wir sind sehr betroffen über das Unglück, das Erdbeben und Tsunami über das Land gebracht haben. Die Lage in den Reaktorblöcken in Fukushima ist für uns von außen derzeit schwer zu beurteilen. Fakt ist, es sind schwerwiegende technische Probleme. Die Ingenieure vor Ort kämpfen mit aller Kraft darum, die Situation in den Griff zu bekommen.

ZEIT:Wir sind wieder in einer Atomausstiegsdebatte , wie es sie seit der Katastrophe in Tschernobyl 1986 nicht mehr gab. Wie will RWE darauf reagieren?

Großmann: Es ist bemerkenswert, dass wir reflexartig sofort wieder in ideologische Grundsatzdebatten verfallen. Ich meine, unsere Aufmerksamkeit sollte im Moment auf Japan gerichtet sein, auf die Menschen dort. Wir sollten überlegen, ob und welche Hilfe wir leisten können. Unsere Branche hat der Bundesregierung sofort zugesagt, alle uns zur Verfügung stehenden technischen Mittel für eine Hilfsaktion bereitzustellen.

ZEIT: Welche Unterschiede gibt es zwischen japanischen und deutschen Atomkraftwerken bezüglich Bauweise und Risikofaktoren?

Großmann: Japan ist ein hoch industrialisiertes Land mit moderner Technologie. Grundsätzlich sind die Funktionsprinzipien von Siedewasserreaktoren ähnlich. Dennoch gibt es viele Unterschiede in Systemkomponenten und Auslegung. Das betrifft auch die Systeme zur Kühlung und zur Rückhaltung von radioaktiven Stoffen. Risiken wie Tsunamis und derart starke Erdbeben wie in Japan haben wir in Deutschland nicht.

ZEIT: Beabsichtigt RWE, weiter neue Atomreaktoren zu bauen?

Großmann: Die Kernenergie ist und bleibt weltweit ein wichtiger Energieträger . Als Energieversorger prüfen wir natürlich, wo wir welche neuen Kraftwerke bauen können. Die Kernenergie bleibt dabei auch für uns eine Option, wie für viele andere Unternehmen auch. Aber sie braucht Akzeptanz. Sicherheit hat dabei immer oberste Priorität.

ZEIT: Durch die Katastrophe in Fukushima stellt sich doch die Frage nach der Zukunft der Atomenergie. Wird in der westlichen Welt, in Europa, noch ein Kernkraftwerk durchzusetzen sein?

Großmann: Ich bin kein Hellseher, aber es ist ja sehr deutlich, dass unsere europäischen Nachbarn – aktuell zum Beispiel Polen und Spanien – mit dem Thema viel weniger emotional umgehen als wir. Alle großen Industrienationen weltweit setzen auf die Kernkraft, dass sie alle ihren Kurs ändern, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Deshalb war es richtig, dass EU-Energiekommissar Oettinger an diesem Dienstag alle Betreiber eingeladen hat. Wir brauchen hier eine europäische Diskussion im Einklang mit den internationalen Organisationen wie der Internationalen Atomenergie-Organisation und keinen deutschen Alleingang.