Noch lehnen die Stellwände im Büro. Der rote Mann und die blaue Frau, die auf der Buchmesse vom 17. bis 20. März auf die Besucher gucken sollen, zieren das restliche Jahr über die Verlagsräume in einem Stadthaus mitten in Leipzig. Vor dem Fenster blüht die Weide, Bücher stehen auf hellen Holzstützen unter eierschalenfarbenen Lampenschirmen. Andreas Heidtmann, eckige Designerbrille im runden Gesicht, sitzt vor seinem Macbook und klickt durch die neuen Einsendungen. Obwohl es seinen Verlag erst seit drei Jahren gibt, kann man Heidtmann fast einen Verleger alten Schlags nennen, ganz im Dienste der Literatur, wie man bei den großen Ketten kaum mehr einen findet. Der Gründer des Poetenladens hat es sich zur Aufgabe gemacht, neue Stimmen zu entdecken und zu fördern.

Rund 5000 Manuskript-Mails bekommt er pro Jahr, von den Liebesgedichten einer Vierzehnjährigen bis zu den Sonetten eines emeritierten Professors. »80 Prozent Untaugliches«, sagt Andreas Heidtmann. Aber da sind eben auch die anderen, die Perlen. Judith Zander sandte ihm ihre Gedichte, bevor sie mit ihrem Roman Dinge, die wir heute sagten für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Dichterinnen wie Nora Bossong und Uljana Wolf, die in diesem Jahr auch für die ZEIT politische Gedichte verfassen werden, klinkten sich ein.

Im Netz hat alles angefangen. Mit der Plattform poetenladen.de schuf Andreas Heidtmann 2005 einen Raum für Autoren, in dem man Gedichte findet und Rezensionen, Neuigkeiten und Gespräche. Jeder kann hier einen Beitrag einschicken; interaktiv ist die Seite jedoch nur bedingt. Die Einsendungen filtert Heidtmann mit seinem Team, und nur die von Qualität stellt er aus. Er ist der Gatekeeper, der es den Autoren erlaubt, sich mit einem Profil zu präsentieren.

Bald tummelten sich auf seiner Plattform vor allem Lyriker. Ihre kurzen Texte hätten wohl besser auf den Bildschirm gepasst als ganze Romankapitel, meint Heidtmann. Bleiben wollten sie aber nicht. Schon fragten die ersten Autoren, ob er ihre Werke nicht drucken könne. Und Heidtmann merkte: Wenn er es nicht täte, kämen andere. Längst hatten auch die Vertreter von Verlagen die Plattform für sich entdeckt und durchsuchten sie nach neuen Talenten wie sonst kleine Lyrikbühnen und Festivals.

Früher hat Heidtmann selbst viel geschrieben – damals in Berlin, in der Hausbesetzerzeit, die man seinem grauen Leinensakko und den akkurat rasierten Haaren nicht mehr ansieht. Zuerst studierte er Klavier in Köln. Die Germanistik aber interessierte ihn mehr; er zog nach Berlin, publizierte Erzählbände, lebte von Stipendien, lektorierte. Als seine Frau dann die Professur an einer Leipziger Hochschule bekam, ging er mit. »Ich habe sofort gemerkt: In dieser Atmosphäre kann man was mit Autoren machen«, sagt er. In Berlin hätte er das vielleicht nicht gewagt – dort sind zu viele, die von ähnlichen Projekten träumen. Aber Leipzig ist überschaubar. Und gleichzeitig ist dort die Literatur zu Hause, auf der Buchmesse im Frühling und am Deutschen Literaturinstitut, wo junge Literaten unter der Anleitung alter Meister an ihrem Handwerkszeug feilen.

Gedichte will man lieber gedruckt aufheben

Die großen Publikumsverlage suchen derzeit nach Lösungen, mit der digitalen Herausforderung namens E-Book fertig zu werden. Andreas Heidtmann geht den umgekehrten Weg. Ein Jahr nach dem Aufbau seiner Internetplattform druckte er die ersten Texte aus dem Netz im Poet Nr. 1 . Er nennt ihn ein Magazin, doch mit seinem illustrierten Pappcover ähnelt die Sammlung, von der inzwischen die zehnte Ausgabe erschienen ist, bereits einem Buch. Dass einige der Gedichte auch online abrufbar sind, stört Heidtmann überhaupt nicht – wer will Gedichte schon digital aufheben? »Das Buch als geschlossene Form ist doch etwas völlig anderes.« So sähen es auch seine Autoren und Leser. 2008 gründete Heidtmann den Poetenladen-Verlag – für richtige Bücher, von denen er inzwischen etwa zehn im Jahr druckt. Er streicht über einen Erzählband, der gerade erschienen ist, Im Eisluftballon, geschrieben von der 27-jährigen Katharina Hartwell, die auch am Leipziger Literaturinstitut studiert. Illustrierter Schutzumschlag, hellblauer Einband aus Leinen, jede Seite dick und schwer. Qualität ist ihm wichtig, sie macht das fertige Werk zum Kunstwerk, das über jegliche Digitalisierung erhaben ist. »Jedes Buch ist auch mein Buch«, sagt Andreas Heidtmann. Dann grinst er. »Das darf man natürlich den Autoren nicht sagen!«