Er begleitet die Bücher eben, von ihrer Entstehung am Bildschirm, bis sie auf seinem Buchmessestand liegen. Er begleitet die Bücher in Gedanken. »Es gibt keine Minute, in der ich nicht über Bücher und das Verlegen nachdenke«, sagt er. »Einzig meine kleine Tochter zwingt mich zum Abstandnehmen.« Und er begleitet seine Autoren auf Lesungen, oft auch am Wochenende. Als Verleger müsse man präsent sein, was ihm allerdings auch Spaß mache. »Wenn ich zu einer Buchvorstellung reise, empfinde ich das ein bisschen wie Urlaub«, sagt Heidtmann. »Ist das dann Arbeit oder Freizeit?«

Das kaufmännische Gespür, das für das Gedeihen eines Verlags ebenso wichtig ist wie das für Literatur, hat er sich im Lauf der Zeit angeeignet. Zwei Drittel der Ausgaben kommen durch den Verkauf der Bücher wieder herein, das letzte Drittel übernehmen Förderer. Letztes Jahr hat Heidtmann den Calwer Hermann-Hesse-Preis bekommen, 15000 Euro – »damit kann man drei Bücher machen!« Gerade ist ihm der Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen zugesprochen worden; auch dieses Geld steckt er in den Verlag. Der Deutsche Literaturfonds unterstützt die Internetseite, die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen das Magazin. Heidtmann kalkuliert pragmatisch und geht kein Risiko ein. »Wenn es irgendwo ein Problem gibt, in der Qualität oder finanziell, gehen wir eiskalt wieder raus«, sagt er. »Eiskalt« – das ist in diesem Fall auch nicht ganz so schwierig wie in einem großen Verlagshaus. Heidtmann muss sich nicht mit der Herstellung beraten und die Marketingabteilung zurückpfeifen. Vor Ort ist am Tag der Begegnung nur sein wichtigster Mitarbeiter Walter Fabian Schmid, ein junger Germanistikstudent mit glattem Scheitel, der eben die Autoschlüssel auf den Tisch legt und mit dem Lektorat eines Manuskriptes beginnt. Wobei man die mehreren Hundert Mitarbeiter im Netz nicht vergessen dürfe, betont Heidtmann. Die Autoren schlagen Kollegen für Anthologien vor, und sie lektorieren sich gegenseitig.

Lyriker gehen gern zu kleinen Verlagen

Heidtmann mag sie, diese jungen Leute, mit denen er zusammenarbeitet. Die Praktikanten, die von der Universität Leipzig zu ihm kommen, um jeden Schritt der Herstellung eines Buches selbst zu erfahren; die Grafiker, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, wie Miriam Zedelius von der Hochschule für Grafik und Buchkunst, die auch den roten Mann und die blaue Frau gezeichnet hat. Sie sind unkompliziert, und sie engagieren sich. Natürlich, sie verlangen auch nicht so viel für ihre Arbeit wie etablierte Mitarbeiter. Aber dafür können sie sich hier entwickeln, wie auch die Debütanten, die sich mit ihren Manuskripten vertrauensvoll an ihn wenden. Vielleicht erinnern sie den inzwischen fünfzigjährigen Heidtmann ein wenig an früher.

Er sieht sich als Mittler zwischen den Generationen, die er in seinen Gedichtbänden zusammenbringt, zwischen einer arrivierten Friederike Mayröcker und einer aufstrebenden Uljana Wolf. »Wobei bei wirklich guten Gedichten das Alter keine Rolle spielt. Qualität ist keine Generationenfrage.« Dass Heidtmann Berühmtheiten und Neuentdeckungen in seinen Anthologien nebeneinanderstellt, hat auch ganz praktische Gründe: Die bekannten Namen helfen beim Verkauf. Und anders als die Romanciers begeben sich Lyriker auch gerne unter das Dach kleinerer Verlage, denn die großen reißen sich selten um sie. Mit Lyrik lässt sich kein Geschäft in deren Sinne machen. Die Auflagenhöhe liegt zwischen 1000 und 2000, das ist nur für einen Independent-Verleger wie Andreas Heidtmann interessant, der auch von Romanen erst einmal nur 800 bis 1200 Stück druckt. Er grinst wieder. »Zu einem Lyriker kann ich sagen, überleg es dir – du kannst Letzter bei den Großen sein oder Erster bei mir!«

Die Prosa-Autoren werden hingegen irgendwann weiterwandern, zu den großen Ständen, und dort vielleicht berühmt werden. So wie Judith Zander. Andreas Heidtmann findet das ganz in Ordnung. »Wenn Suhrkamp oder Rowohlt rufen, wäre es blöd, nicht hinzugehen«, sagt er selbst. Es gibt Dinge, die kann und will er nicht managen: die große Auflage, die laute Werbung, die lange Lesereise. Das sollen andere leisten. Er will bleiben, wo er ist: nah am Buch, nah an den Autoren.

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