Schweizer ArmeeSoldat Secondo

Wer leistet heute noch Militärdienst? Immer mehr Eingebürgerte. Und sie sind gern gesehene Kameraden. von 

Heute taugen nur noch zwei Drittel der jungen Männer für die Rekrutenschule. Die volle Dienstzeit erfüllt bloß noch die Hälfte eines Jahrgangs.

Heute taugen nur noch zwei Drittel der jungen Männer für die Rekrutenschule. Die volle Dienstzeit erfüllt bloß noch die Hälfte eines Jahrgangs.  |  © Sean Gallup/Getty Images

Er stellt den Kragen seiner tarnfarbenen Kälteschutzjacke hoch, dann kramt Soldat Rafuna eine schwarze Wollmütze aus der Tasche. Es zieht, hier auf dem Waffenplatz St. Luzisteig, oberhalb von Bad Ragaz. Drinnen in der Turnhalle, an der Wärme, sitzen Familie und Freunde auf Festbänken bei Hörnli mit »Ghacktem« und Apfelmus. Ein Alphorn-Trio spielt auf, an der Wand die Schweizer Fahne. Es ist Besuchstag der Infanterie-Rekrutenschule 11. Showtime in der fünfzehnten von einundzwanzig Ausbildungswochen. Erst Häuserkampf mit Übungsmunition, dann Scharfschießen auf der Allmend. Schützenpanzer preschen vor, Maschinengewehre knattern, Handgranaten fliegen in die Betonruinen. Zurufe gellen über die Hochebene. Mit Stolz genießen die Ausbildner den Moment.

Und Valon Rafuna, 20-jährig, eingebürgerter Kosovo-Albaner, gelernter Bäcker-Konditor, sagt: »Ich sehe mich mehr als Schweizer, als jene, die keinen Dienst leisten. Ich mache etwas für das Land. Ich bin stolz darauf.«

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Doch heute taugen nur noch zwei Drittel der jungen Männer für die Rekrutenschule. Die volle Dienstzeit erfüllt bloß noch die Hälfte eines Jahrgangs. Dabei lautet Artikel 59 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft: »Jeder Schweizer ist verpflichtet, Militärdienst zu leisten. Das Gesetz sieht einen zivilen Ersatzdienst vor.«

Über die Drückeberger, vermeintliche wie echte, wird heftig diskutiert. Bürgerliche beklagen die verweichlichten Städter und Gymnasiasten und schimpfen über die Zivildienstleistenden, die ihre Militärabneigung mit einem anderthalbmal so langen Fronarbeitseinsatz bezahlen.

Nur über die Mehrheit, die Rekruten, ist kaum etwas bekannt. Also, wer sind sie? Wer geht heute noch in die Armee? Tatsächlich nur noch die »Unterprivilegierten und Secondos«, wie der grüne Nationalrat Jo Lang in der NZZ am Sonntag behauptete?

Anruf beim VBS in Bern, dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport. Der Pressesprecher raunzt in den Hörer: »Wer bei uns Dienst leistet, der ist Schweizer!« Die sozialen, wirtschaftlichen, religiösen oder ethnischen Hintergründe der Rekruten? Interessierten nicht, erhebe man nicht, viel zu aufwendig. Aber wurde nicht früher sogar auf dem »Grabstein«, den jeder Soldat um den Hals trägt, die Religionszugehörigkeit eingraviert? »Ja, aber heute nicht mehr.« Mit der genervten Frage des Sprechers, ob man auch gleich noch wissen wolle, wo sämtliche Brigadiers wohnten und ob sie einen Doktortitel besäßen, endet das Telefonat.

Man ist einigermaßen erstaunt: Weiß die Armee wirklich nicht mehr über ihre 174.000 Mitglieder? Oder will sie nicht mehr wissen, weil sie befürchtet, die Wahrheit könnte unangenehm sein?

»Soldaten mit Migrationshintergrund gehören zu den Besten«

Zweiter Versuch. Diesmal bei Tibor Szvircsev Tresch, Dozent für Militärsoziologie an der Militärakademie an der ETH Zürich. Vor Jahresfrist wollte auch er die These der »Secondo-Armee« überprüfen. »Zwei Monate suchte ich nach Daten, vergeblich.« In Bern haben die Zürcher Wissenschafter keinen guten Ruf. Obschon sie ebenfalls auf der Lohnliste des VBS stehen, misstraut man ihnen. Sie stehen im Verdacht, verkappte Linke zu sein, und werden persönlich für negative Studienergebnisse verantwortlich gemacht. In Fachkreisen hört man: »Die Schweizer Armee ist wissenschaftsfeindlich.« So fehlt die Datenbasis für eine sachliche Debatte.

Es sind Semesterferien, Szvircsev Tresch empfängt mich in seiner Genossenschaftswohnung im Zürcher Kreis 4. Zwei Stunden sitzen wir am Esstisch, tragen das Greifbare zusammen. Bachelorarbeiten seiner Studenten, Zahlen aus den Sicherheitsberichten von Szvircsevs Treschs Vorgänger Karl Haltiner. Ist die Schweiz auf dem Weg zu einer »Secondo-Armee«?

Wir finden nur Anhaltspunkte, mehr nicht. Zum Beispiel Hochrechnungen des Psychologisch-Pädagogischen Dienstes der Armee, wonach ein Viertel der Rekruten ausländische Eltern hat. Oder die Befragung eines Durchdienerbatallions und einer Logistikkompanie auf dem Waffenplatz Birmensdorf. Alles in allem 146 Mann, zehn Prozent davon Secondos. Tatsächlich spielt für sie der Militärdienst eine andere Rolle als für die Soldaten, die seit Geburt Schweizer sind. Durch ihn fühlen sich Armeeangehörige mit Migrationshintergrund stärker in ihrer Rolle als Schweizer bestätigt, als dies »Original«-Schweizer tun. Und Secondos sehen im Militärdienst häufiger ein Engagement, das ihnen persönliche Vorteile bringt. Der 27-jährige Aleksandar Krcmarevic, ein Polymechaniker mit serbischen Wurzeln, gab zu Protokoll: »Mein Vater sagte mir immer, dass er froh sei, wenn ich dann endlich Militärdienst leiste. Bei uns wird nach dem ersten Einrücken immer ein großes Fest gemacht. Das ist Tradition. Wenn ich hier in der Schweiz um mich schaue, fällt mir auf, dass viele Eingeborene gar nicht gerne Dienst leisten. Für mich ist es allerdings nie zur Debatte gestanden, nicht Militärdienst zu leisten. Das würde mein Stolz wohl nie zulassen.«

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