»In Scampia ist ein Schatz vergraben. Lauter Edelsteine: Smaragde, Topase, Rubine, Lapislazuli. Und Diamanten. Vor allem Diamanten. Die stecken sie in große und kleine Colaflaschen aus Plastik. Echt wahr, ohne Scheiß.« Ich bin sprachlos. Dann frage ich: »Und wo genau liegt dieser Schatz?« – »Wenn ich’s wüsste, hätte ich das den Richtern längst gesagt. Einige der Klunker waren so groß, dass sie nicht durch den Flaschenhals passten. Mit Paolo Di Lauros Diamanten könnte man die Autobahn Rom–Neapel pflastern.«

Das erzählt mir Maurizio Prestieri, früher Camorra-Boss in Secondigliano, einem der ärmsten und brutalsten Viertel Neapels (siehe Infobox). Prestieri war die rechte Hand von Paolo Di Lauro, dem Oberhaupt des Di-Lauro-Clans, einem der bis zu seiner Verhaftung 2005 meistgesuchten Camorra-Chefs Italiens.

»Heutzutage waschen italienische Drogenhändler ihr Geld vor allem mit Edelsteinen. Die behalten ihren Wert und werden sogar noch wertvoller. Sie lassen sich leicht verstecken und auf der ganzen Welt zu Geld machen. Immobilien, Autos, Villen – das wird alles beschlagnahmt. Banknoten verrotten. Diamanten hingegen ... wie heißt es in der Werbung so schön? ›Diamanten sind unvergänglich.‹«

Maurizio Prestieri hat niemanden eigenhändig umgebracht, wird aber beschuldigt, dreißig Morde veranlasst zu haben. Doch was ihm noch mehr anhängt, ist die Organisierte Kriminalität, mit der die italienischen Mafia-Clans zur Nummer eins auf dem Kokainmarkt geworden sind: Sie haben eine Elitedroge zur Massendroge gemacht. Als Prestieri im Juni 2003 verhaftet wird, ist er ein reicher Mann. Er und seine Familie sind gerade in Marbella, das für sämtliche kriminellen Vereinigungen Europas zur zweiten Heimat geworden ist. Nach vier Jahren Haft beschließt er, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, und bislang gelten seine Aussagen als glaubwürdig.

Als er auszusagen beginnt, bietet ihm der Clan eine Million Euro für jeden Widerruf. Prestieri macht weiter, obwohl er weiß, dass damit das Todesurteil über ihm schwebt. Er hat keine Lust mehr, Boss zu sein. »Ich bin, wer ich bin, und was ich getan habe, lässt sich nicht aus der Welt schaffen, aber immerhin kann ich es jetzt besser machen.«

Wir treffen uns mehrmals in einer Kaserne, von seinem und meinem Begleitschutz bewacht. Geheimer Ort, vage Uhrzeit. Staatsanwalt und Polizei haben die Treffen vermittelt. Zu jedem Treffen erscheint der etwa fünfzigjährige Maurizio Prestieri braun gebrannt und äußerst elegant. Grauer oder schwarzer Nadelstreifenanzug, Stiefeletten, Markenuhr. Nicht der leiseste Hauch von Ungepflegtheit, wie sie sonst oft jene umgibt, die nicht mehr am Ruder sind und sich verkriechen müssen. Er lebt mit seiner Familie an einem geheimen Ort, steht unter Hausarrest. Das Gefängnis durfte er verlassen, weil er mit der Polizei zusammenarbeitet. Seine beiden Kinder hat er nie in den Clan eingeführt und zum Studieren ins Ausland geschickt.

»Erinnern Sie sich noch an mich?«, fragt er. »Ich hab Sie mal richtig übel angeblafft.« Ich habe keine Ahnung, wovon er redet. Doch O’sicco, der Dürre, wie er in Neapel genannt wird, erinnert sich genau. »Sie saßen in einer Gerichtsverhandlung, und meine Mutter hat mir Küsse zugeworfen. Sie dachten, die wären für Paolo Di Lauro, und haben ein Gesicht gemacht, als wollten Sie sagen: ›Was will die Alte!‹ Und da hab ich Ihnen zugerufen: ›Verpiss dich, du Arsch...‹«