Teilnehmer einer Anti-Atom-Demonstration auf der Kölner Domplatte © Christof Koepsel/Getty Images

Restrisiko. Bisher war das ein anderes Wort für das Undenkbare. Restrisiko hieß der Katastrophenfilm mit der Tatort- Kommissarin Ulrike Folkerts, der vor zwei Monaten im deutschen Fernsehen lief. Restrisiko , das war Science-Fiction. Unterhaltung.

Seit vergangenem Samstag, 15.36 Uhr Ortszeit, weiß jeder, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Nach dem verheerenden Seebeben , das monströse Wellen auf die japanische Küste prallen ließ, versagte das Notkühlsystem von Reaktor 1 des aus sechs Reaktoren bestehenden Atomkomplexes Fukushima I. Die Gefahr einer beispiellosen Atomkatastrophe steigt von Tag zu Tag.

Doch ganz gleich, wohin der Wind die radioaktiven Wolken noch treiben mag: Die Debatte über die Sicherheit der Energieversorgung ist überfällig. Die Engpässe bei der Ölversorgung aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Libyen steigert die Wut deutscher Autofahrer, die ohnehin auf die Bundesregierung schimpfen, weil sie Angst um ihre Motoren haben, wenn sie den vermeintlichen Biosprit E10 tanken. Das alles ist mit einem Mal ein kleinlicher, unerheblicher Streit. Denn jetzt geht es um die entscheidende Frage, welches Leid man weltweit hinnehmen will im Namen der nuklearen Stromversorgung. Es geht jetzt um Sein oder Nichtsein.

Auch für die Atomwirtschaft geht es um nichts anderes mehr.

Die Katastrophe in Japan läutet das Ende des atomaren Menschheitstraums ein, der längst zu einem Albtraum geworden ist. Nirgendwo auf der Welt ist ein ernst zu nehmendes Endlager für den strahlenden Müll in Sicht, kein Atommeiler ist sicher vor Sabotage oder terroristischen Anschlägen, die meisten Kernkraftwerke halten nicht einmal Flugzeugabstürzen stand. Und der Horror in Japan könnte die schlimmsten Befürchtungen noch übertreffen. Auch den Atomverfechtern müsste von Stunde zu Stunde klarer werden: Diese Technik ist unbeherrschbar. Sie verzeiht keine Fehler. Sie ist unmenschlich. Und deshalb nicht zu gebrauchen.

Niemals mehr wird ein Lobbyist, Wissenschaftler oder Politiker unbekümmert der nuklearen Stromerzeugung das Wort reden können. Nie mehr wird jemand es ungestraft wagen können, die Mär von der Sicherheit der Meiler zu verbreiten. Sie hat sich als Lüge erwiesen. Die Meiler waren nicht sicher und werden es wohl nie sein. Die Menschheit muss umdenken und sich so schnell wie möglich von allen Nuklearanlagen trennen – auch wenn die Umkehr sehr schwierig wird.

Die Atomwirtschaft, die weltweit 442 Kernkraftwerke betreibt, das Gros davon in einem Dutzend wohlhabender Länder, blickt zwar auf eine lange Geschichte von Kritik und Gegenkritik zurück, von Verdammung und Verharmlosung. Allerdings hat ihr bloß die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sich im April vor 25 Jahren ereignete , vorübergehend geschadet. Danach gingen nur noch spärlich neue Meiler ans Netz. Was sich 1986 im damaligen Sowjetreich abspielte, kreideten Manager und Politiker der westlichen Welt einer angeblich unausgereiften Sowjettechnik an. Ihre eigenen Meiler hielten sie wie selbstverständlich für sicher. Je mehr die Erinnerungen an Tschernobyl verblassten, desto lauter warben sie für eine Renaissance der Atomtechnik.

Bis zum vergangenen Samstag.

Bis dahin galten japanische Kernkraftwerke als ebenso verlässlich wie amerikanische, französische oder deutsche. Schließlich ist Japan ein Hightechland. Es exportiert erfolgreich Ökoautos und besitzt erdbebensichere Kernkraftwerke. Es ist die Heimat von Hitachi und Toshiba, erfolgreichen Atomkonzernen. Block 1 des Kraftwerks Fukushima I, jener Reaktorblock, in dem sich die erste Explosion ereignete, war von der amerikanischen Firma General Electric errichtet worden.