Es ist natürlich ein ziemlicher Witz, für einen Abend in die 20-Millionen-Stadt Kairo zu fliegen, um zu gucken, wo man dort ein Bierchen oder, weil im Islam der Alkohol verboten ist, eine Kanne Pfefferminztee trinken kann. Wo soll man anfangen?

Wer Revolutionäre am Ort ihrer Revolution erleben möchte, so eine Idee, sollte sich vielleicht nicht ganz anders benehmen als die Revolutionäre selber. Der Reporter postete also auf seiner Facebook-Seite die Frage "Welcher nette Ägypter führt mich kommenden Freitagabend durch Kairo?" – keine originelle, aber eine wirkungsvolle Maßnahme. Die Aktivisten der arabischen Revolution , von Tunesien bis in den Jemen, sind auf Facebook. Die ägyptische Revolte, die innerhalb von vier Wochen einen Diktator gestürzt und eine provisorische neue Regierung errichtet hatte, war mit der Internetseite "Wir sind alle Khaled Said" in Schwung geraten (im Juni letzten Jahres hatte die Polizei in Alexandria diesen jungen Mann, der sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, auf offener Straße zu Tode geprügelt). Und tatsächlich, auf meine vergleichsweise arme Frage – der Reporter hatte natürlich auch ein bisschen Angst vor der großen, fremden Stadt und den Wirren der Revolution – meldeten sich fünf potenzielle Reiseführer: Khaled, Raheem, Raqib, Ossama und Marwan. Marwan schrieb: "Du hast jetzt einen neuen Freund. Welcome to Cairo."

Ankunft in Kairo: am Freitagmittag. Es ist der Tag nach dem Rücktritt des Premiers Ahmed Schafik , den es ganze 33 Tage im Amt hielt, und einige Tage vor Bildung einer neuen Regierung unter dem neuen Mann Essam Scharaf. Bei seinem Blitzbesuch in Kairo hatte Außenminister Westerwelle die schöne Revolution gelobt und Ägypten deutschen Touristen als Reiseland empfohlen – dabei hat sich die Sicherheitslage gerade wieder verschlechtert: Die Polizei hat sich aus der Innenstadt zurückgezogen, die Straßen kontrollieren Militär und private Sicherheitstruppen.

Freitag ist Gebetstag. Und Freitag ist seit Ausbruch der Unruhen am 25. Januar der wöchentlich aufs Neue begangene Tag der Revolution. Am Tahrir-Platz im Zentrum Kairos kommen die Revolutionäre zu Gebeten zusammen, um sich, einerseits, ihrer eigenen Stärke zu vergewissern und, andererseits, ihre aktuellen Forderungen durchzusetzen. Seinen Rücktritt gab Mubarak an einem Freitag bekannt, das Militär ging letzten Freitag erstmals gewaltsam gegen die Demonstranten vor, diesen Freitag soll der frisch ernannte Premier zu den Massen sprechen. Und komisch, je höher das Tempo der Veränderung, je größer die Erfolge, die Tag für Tag zu melden sind, desto wichtiger das Ritual der Freitagsversammlungen: Die Revolutionäre trauen ihrer eigenen Revolution nicht, auch deshalb reißen die Demonstrationen am Tahrir-Platz nicht ab.

Die Nacht, so begriff der Reporter, würde schon deshalb nicht allzu lang werden, weil zwischen Mitternacht und sechs Uhr früh eine vom Militär überwachte Ausgangssperre herrscht. Der Reporter erlebt nun – ganz Tourist, der zum ersten Mal in einer arabischen Großstadt aufschlägt – den Verkehrs-Schock. Verbeulte Taxis, verbeulte Minibusse. Ist doch ein Wahnsinn, wie viele Menschen hier gleichzeitig versuchen, vom Fleck zu kommen. Es geht nichts, gleichzeitig geht alles. Auf einem Moped sitzen vier Jungs. Auf der Autobahn kommt einem ein Geisterfahrer auf dem Fahrrad entgegen, Hilfe! Die ägyptische Talentshow heißt Arabs got talent, eine Werbetafel quer über dem Autostrom fordert "Relax your senses". Männer, die Turban und das traditionelle Wollhemd, den Kaftan, tragen, stehen zwischen den Autos und halten das für einen guten Ort, um sich zu unterhalten – und da fährt auch schon der Eselskarren mit den Wassermelonen hinten drauf, den die Reiseführer so gerne abbilden. Fremde Stadt! Die Endzeitigkeit des Großstadtverkehrs wird dem Reisenden hier aufs Lächerlichste und Platteste vorgeführt: Können wir, wollen wir so miteinander leben? Ja, warum eigentlich nicht?

 Die Revolution ist auch deshalb so erfolgreich, weil jede Bewegung gefilmt wird

17 Uhr: Treffen mit Khaled vor den steinernen Löwen der Brücke Qasser-el-Nil. Die Brücke ist wichtig, weil hier am 28. Januar, dem Tag des Durchbruchs der Revolution, die Polizei in die Flucht geschlagen wurde. Die Straße wird zum Parkplatz, man lässt das Auto dort stehen, wo es gerade feststeckt, und geht zu Fuß weiter. Für die nächsten sechs Stunden wird den Reporter ein konstant ohrenbetäubender Lärm begleiten: Hupen, Demonstrationschöre, arabische Discomusik, die von Lautsprecher-Lastwagen dröhnt. Da steht ein Panzer. Da stehen Soldaten neben dem Panzer. Oben auf den Löwen schwenken junge Männer rot-weiß-schwarze Fahnen. Verkäufer bieten Bänder, Kappen und anderen Revolutions-Schnickschnack an. Was mit den Nationalfarben angemalt sein kann, ist mit den Nationalfarben angemalt: Bäume, Barrikaden, Bordsteine. Es sieht alles wie im Fernsehen aus, nur noch durchgedrehter, noch bunter. Unser Führer Khaled, er trägt ein rot-weiß-schwarzes Trikot, grüßt und zeigt in Richtung des Fahnenmeers auf dem Tahrir-Platz. Langsam, Khaled, darf der Revolutions-Korrespondent, der gerade erst angekommen ist, bitte einmal durchatmen? Nein, atmen ist später, die Aktivisten drängen jetzt nach vorne. Männer in Zivil tasten Taschen ab und kontrollieren Ausweise, es soll verhindert werden, dass die alten Kräfte, Mitglieder von Mubaraks Regierung, Verwaltung und Partei, den Platz betreten. Um halb sieben wird der Tahrir-Platz wegen Überfüllung geschlossen.

Auf dem Platz spricht gerade ein Priester der koptischen Christen. Zuhörer halten als Zeichen ihrer Verbundenheit Koran und Kreuz hoch (in der Woche drauf wird es bei Straßenschlachten zwischen Muslimen und Kopten 13 Tote geben). Die beliebteste Frisur der jungen Revolutionäre ist der Irokesenkamm, den Schweini beim Sommermärchen 2006 getragen hat. Das Transparent "Yes we can change Egypt". Das Transparent "7000 years plus the youth of today = New Egypt". Fotos von den Toten der Revolution, Schilder mit den Köpfen der elf bösen Buben von Ahmed Schafiks Übergangsregierung, die das Volk hinter Gittern sehen möchte. Sprechchöre "Wir lieben das Militär". Im Gegensatz zur traditionell verhassten Polizei, die für die Toten auf dem Tahrir-Platz verantwortlich gemacht wird, genießt die Armee, spätestens seit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973, eine Hochachtung, die an liebevolle Zuneigung grenzt. Betont ordentlich gekleidete junge Männer sammeln den Müll der Straße auf, das sind die Muslimbrüder . Die Botschaft dieser rührend vergeblichen Aktion lautet: Seht her, wir wollen Ägypten nicht zerstören, sondern aufbauen. Im Gedränge kommt es immer wieder zu Erregungsanfällen, Brüllereien, Handgreiflichkeiten, die der Reporter nicht durchschaut. Handykameras werden in die Höhe gehalten – die Revolution ist auch deshalb so erfolgreich, weil jede Bewegung auf dem Tahrir-Platz gefilmt und noch in derselben Nacht in Computern gespeichert wird : Nichts geht verloren.

Muss der Fremde Angst haben? Irgendwie gar nicht und irgendwie voll. Die Revolutionäre schauen den Fremden erst erstaunt an, um ihn dann umso herzlicher zu begrüßen: Händeschütteln, Umarmungen. "Welcome!" Und: "Come and join the Egypt revolution." Ein Aktivist greift sich den Reporter und malt ihm die Revolutionsfarben Rot-Weiß-Schwarz auf den Arm: "Macht zehn Pfund."

Pause im Horreya-Café, einem Ort wie aus einem David-Lean-Film: Neonröhren, Ventilatoren, gekachelte Wände. Auf dem Fernseher laufen die Bilder vom Nachmittag: Der neue Premier Scharaf wird in einem Jubelmeer über den Tahrir-Platz getragen (Zeitgenossenschaft, das ist auch, wenn man einen historischen Auftritt nur um ein paar Stunden verpasst). Khaled, 26 Jahre alt, war bis vor Kurzem bei der Telefonfirma Vodafone angestellt, jetzt arbeitet er als Fotograf. Gleich am ersten Tag der Proteste ist er auf dem Tahrir-Platz verhaftet und in zwei Nächten im Gefängnis schwer misshandelt worden. Als Mubarak am 11. Februar zurücktrat, musste Khaled vor Freude weinen. Der Aktivist mit der Kamera in der Hand sagt den in seiner Einfachheit umwerfenden Satz: "Ich bin bereit, für diese Revolution zu sterben."

Treffen mit unseren neuen ägyptischen Freunden Raheem, Ossama, Raqib und Marwan. Und sofort werden neueste Gerüchte ausgetauscht: Es müssen Geschichten von Mubaraks Heckenschützen erzählt werden. Der Diktator hält sich, trotz Ausreiseverbot, zur Chemotherapie in Saudi-Arabien auf. Diejenigen, die die Ringautobahn von Kairo benutzen, haben gehört, dass Banditen die Durchgangsautobahn unsicher machen; andersrum erzählen die, die auf der Durchgangsautobahn fahren, dass die Ringautobahn in der Hand von Gangstern ist. Eine schöne These lautet, dass in Kairo jetzt weniger gehupt würde, weil die Revolution die Autofahrer von Kairo zu friedlicheren und bedächtigeren Menschen gemacht hätte.

Pfefferminztee im Beduinenzelt

Gegen 19 Uhr fällt die Dunkelheit auf dem Tahrir-Platz. Das Wirbeln der Fahnen, Lichter, Stimmen. Revolutionen, denkt der Reporter, sehen schon super aus. Von seinem Vordermann bekommt der Reporter ein Stück Zeitung zugesteckt, der Platz rückt noch einmal zusammen. Die Männer setzen sich auf die Zeitungsseiten, um Punkt 19.12 Uhr dröhnt die Stimme des Muezzins durch die Lautsprecher. Stille, Gefasstheit, Konzentration, in die Stille hinein bellt die Stimme des Predigers. Der Reporter steht, die Hände gefaltet, unter einigen Hunderttausend Muslimen und wird Teil des Freitagabendgebets.

Spaziergang am Nil. Da liegen die Restaurantschiffe Imperial, Alsarya und Le Pacha. Über das Wasser ziehen, gelb und rosa leuchtend, die Party-Barkassen. An der Uferpromenade steht das leer gebrannte Gerippe von Mubaraks Parteizentrale. Der Schönheit des Flusses kann die Revolution nichts anhaben. Wir trinken Pfefferminztee im Touristenviertel Khan el Khalily, das in diesen Tagen ohne Touristen auskommen muss. Die Nacht, erklären meine Führer, sei gegen 22 Uhr noch jung, normalerweise treffe sich Kairo um diese Zeit zum Abendessen. Das Tamarai, der beste Club der Stadt, sei revolutionsbedingt geschlossen, das Sangria in Brand gesteckt, das After Eight habe wegen Übertretung der Sperrstunde die Lizenz verloren.

Ein Bier geht noch – auf weißen Kissen unter einem weißen Beduinenzelt, und nun sackt alle Aufregung des Abends ins sich zusammen: Das Sequoia, im Botschaftsviertel Zamalek gelegen, ist ein Treffpunkt der Jeunesse dorée, die, gleich, ob gerade Revolution ist oder nicht, gerne Rolex und Streifenhemden trägt.

Gegen 23 Uhr wird der Tahrir-Platz wieder für den Verkehr geöffnet, die Helden der Freitagnacht harren in der Mitte des Platzes in Zelten aus. Ein Kumpel, den ich seit Schulzeiten nicht mehr gesehen und der sich auf meinen Facebook-Aufruf hin gemeldet hatte, holt mich ab. Hektische Heimfahrt, wegen der Ausgangssperre möchte hier nach Mitternacht wirklich niemand mehr auf der Straße sein. Wir fahren Richtung Süden, und in der Ferne liegen, als wäre nichts, die Pyramiden von Giseh.