Gesundheitswesen Ein Ökonom unterm Messer

Wie gut ist unser Gesundheitssystem? Ist es zu teuer? Unser Autor ist Kassenpatient und stellte sich diese Fragen plötzlich ganz persönlich: Er brauchte eine neue Herzklappe.

2. November 2010

Ich finde mich morgens um acht »nüchtern« im Krankenhaus ein. Ich bekomme ein Bett in einem Dreierzimmer der Kardiologischen Station zugewiesen, denn ich werde eine Nacht zur Beobachtung hierbleiben müssen.

Mir steht eine Herzoperation bevor. Die Aortenklappe ist verkalkt und soll ersetzt werden. Heute steht zur Vorbereitung eine Herzkatheteruntersuchung an. Ich bekomme so ein Büßerhemdchen verpasst, das hinten offen ist und nur von einer Schleife am Hals gehalten wird. Ich sehe Jack Nicholson vor mir, der in so einem Teil in »Besser geht’s nicht« einen ziemlich schrägen, nacktarschigen Auftritt hinlegt.

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Mein Humor kommt mir abhanden, als sich das Bett, in dem ich liege, von der Hand eines kräftigen Pflegers geschoben, durch Flure und Fahrstühle bewegt. Ich sehe Geschossdecken über mir dahinziehen und fühle mich als Objekt, mit dem sie nun machen können, was sie wollen. Unangenehm.

Gott sei Dank ändert sich das, als ich schließlich aus eigener Kraft und mit betontem Schwung vom Bett auf den Untersuchungstisch hinüberrutsche. Der junge Assistenzarzt sagt: »Sie werden hier ordentlich mitmachen müssen.« Er betrachtet mich, wie ich nackt daliege, und schmeichelt mir: »Sie sind ja für einen 60-Jährigen körperlich in Topform. Das sehen wir hier nicht so oft.«

Von der Leiste aus wird ein Katheter durch die Arterie zur linken Herzseite vorgeschoben, durch den ein Kontrastmittel in die Kammer und die Herzkranzgefäße gespritzt wird. Auf einem Monitor kann ich das alles verfolgen, der Arzt erklärt mir, was dort zu sehen ist. Mir wird warm ums Herz, als er das Kontrastmittel hineinpumpt. Die Kalkeinlagerungen an der Aortenklappe und deren mangelnde Beweglichkeit sind gut zu erkennen. Die schlechte Neuigkeit ist, dass auch ein Kranzgefäß hochgradig eingeengt ist. Die Untersuchung ist nach zwanzig Minuten erledigt.

Am Nachmittag kommt der Kardiologie-Chefarzt zur Visite. Er eröffnet mir, dass ich noch in dieser Woche operiert werden kann. Ich beschließe, von Stund an ein Tagebuch zu führen. Erstens scheint mir das eine gute Methode zu sein, sich auch im Krankenbett einen Rest an Aktivität zu bewahren. Zweitens ist mir bei allem Bammel vor der Operation die Neugier des Reporters nicht abhandengekommen. Mich interessiert, was man als Kassenpatient an Behandlung geboten bekommt.

Ich bin aus Überzeugung freiwilliges Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung. Ich halte den Grundgedanken für richtig, dass sämtliche Bürger nach Maßgabe der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft medizinisch bestmöglich versorgt werden sollen. Den Solidarausgleich zwischen Menschen mit unterschiedlicher gesundheitlicher Robustheit finde ich ebenso angebracht wie die Tatsache, dass finanziell gut Situierte die weniger Wohlhabenden mitfinanzieren.

Ich zahle einen monatlichen Krankenkassenbeitrag von 296,25 Euro, mein Arbeitgeber noch einmal 262,50 Euro. Im Laufe meines bald vier Jahrzehnte währenden Arbeitslebens werde ich – mit meinen Arbeitgebern – an die 180.000 Euro Beiträge in die Krankenkassen eingezahlt haben. Ich erwarte nicht, dass ich jeden Cent davon als Leistung zurückbekomme. Aber ich glaube, eine engagierte Behandlung beanspruchen zu dürfen.

Leser-Kommentare
  1. Da ist dann der Versichertenstatus echt egal.

  2. würde die Akzeptanz der Kassen erhöhen. Als VOrbild könnte Österreich dienen: Jeder Versicherte erhält 1x pro Jahr einen Auszug über die Leistungen der Kasse.

  3. Ganz wichtiger Einwand: Nicholsons Nackta*** -Auftritt war in "Was das Herz begehrt", nicht in "Besser geht's nicht". Wichtig für alternde Herzpatienten auch der Verbraucherhinweis im Film: Wenn Sie heute schon Viagra genommen haben, wird das Nitro Sie umbringen - worauf Nicholson kommentarlos den Infusionsschlauch abreißt.

  4. den letzten Satz will ich ausdrücklich bestätigen.

    Es werden erfolgreich und schonend große und umfangreiche OPs ausgeführt, und man kann nach einem oder zwei Tagen wieder auf den Beinen stehen, meist nach 9 bis 11 Tagen das Krankenhaus wieder verlassen.

    War für mich - wie beschrieben - ebenfalls sehr wichtig, baldmöglichst die "körperliche Selbständigkeit" wiederzugewinnen. Was die einem bedeutet, kann man nach solch einer OP erst richtig wahrnehmen.

    Eine solche Erfahrung könnte für viele Menschen ein Anreiz sein, nicht so auf ihrer Gesundheit "rumzuaasen" - nur: lässt sich nicht vermitteln... leider...

    • Meiner
    • 21.03.2011 um 9:24 Uhr

    Ich leide unter häufig wiederkehrenden Herzrhythmusstörungen.
    Mein Hausarzt ist überfordert und die Fachärzte sind nur langfristig erreichbar. So erzeugte ich immense Kosten durch häufige Besuche von Notfallaufnahmen in Krankenhäusern. Die angebotenen Medikamente vertrug ich nicht oder sie wirkten nicht. Was prophylaktisch zu vermeiden war musste ich selbst herausfinden. Das letztendlich helfende homöopathische Medikament empfahl mir zufällig ein fachfremder Arzt. Die Kosten muss ich selbst übernehmen. Was für mich bleibt vom Gesundheitssystem ist die Sicherheit der Lebensrettung, aber keine Heilung.

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    auch richtig: OP und Handwerk und drumherum: hervorragende Leistung, was weiteres betrifft, wird es schwierig.

    Ungewöhnliche, nicht häufige Krankheiten und schwer zu deutende Symptome stellen das System vor Probleme - die Schubladen, in die man nur allzu gerne diagnostisch "einsortiert" wird, stehen schon weit offen.

    Und dann wird der ganze übliche Apparillo durchgezogen...

    Kostet wahrscheinlich zu viel... hilft aber oft nichts...

    Aber wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der es darauf ankommt, alles möglichst schnell und kostenoptimiert (soll heißen: in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu erwirtschaften (noch vornehmer Ausdruck)) zu erledigen.

    Langes und unbezahltes Nachdenken oder Suchen nach der richtigen Diagnose / Therapie ist da nicht drin.

    Könnte es gar sein, dass das alles niederbügelnde "Manager- System" nicht alle Probleme der GesellscHaft bewältigt? Na so was!

    auch richtig: OP und Handwerk und drumherum: hervorragende Leistung, was weiteres betrifft, wird es schwierig.

    Ungewöhnliche, nicht häufige Krankheiten und schwer zu deutende Symptome stellen das System vor Probleme - die Schubladen, in die man nur allzu gerne diagnostisch "einsortiert" wird, stehen schon weit offen.

    Und dann wird der ganze übliche Apparillo durchgezogen...

    Kostet wahrscheinlich zu viel... hilft aber oft nichts...

    Aber wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der es darauf ankommt, alles möglichst schnell und kostenoptimiert (soll heißen: in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu erwirtschaften (noch vornehmer Ausdruck)) zu erledigen.

    Langes und unbezahltes Nachdenken oder Suchen nach der richtigen Diagnose / Therapie ist da nicht drin.

    Könnte es gar sein, dass das alles niederbügelnde "Manager- System" nicht alle Probleme der GesellscHaft bewältigt? Na so was!

  5. auch richtig: OP und Handwerk und drumherum: hervorragende Leistung, was weiteres betrifft, wird es schwierig.

    Ungewöhnliche, nicht häufige Krankheiten und schwer zu deutende Symptome stellen das System vor Probleme - die Schubladen, in die man nur allzu gerne diagnostisch "einsortiert" wird, stehen schon weit offen.

    Und dann wird der ganze übliche Apparillo durchgezogen...

    Kostet wahrscheinlich zu viel... hilft aber oft nichts...

    Aber wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der es darauf ankommt, alles möglichst schnell und kostenoptimiert (soll heißen: in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu erwirtschaften (noch vornehmer Ausdruck)) zu erledigen.

    Langes und unbezahltes Nachdenken oder Suchen nach der richtigen Diagnose / Therapie ist da nicht drin.

    Könnte es gar sein, dass das alles niederbügelnde "Manager- System" nicht alle Probleme der GesellscHaft bewältigt? Na so was!

  6. " ... und als Nebenwirkung ist mir die Überzeugung zugewachsen, dass dieses Land über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem verfügt, das sein Geld wirklich wert ist."

    Ach ja? Bin auch Mitglied der Gesetzlichen und zahle den Höchstbeitrag. Und? Was nutzt es? Ich zahle bei jedem Check Up beim Gynäkologen kräftig extra für Ultraschalluntersuchungen, da angeblich überflüssig und daher keine Kassenleistung. Da ich seit dem 20. Geburtstag jedes Jahr 2x gehe, konnte ich zuschauen, wie beim Frauenarzt Leistungen immer mehr zusammengestrichen wurden. Dasselbe beim Zahnarzt. Dazu noch die Raffgier der Ärzte, die mir ständig Selbstzahler-Leistungen anbieten: "Ist Ihnen das Ihre Gesundheit nicht wert?!" Dazu dann noch Praxisgebühr. Ohne jetzt eine außergewöhnliche Herz-OP als "Vergleichsobjekt" zu haben: Viel zahlen, nichts bekommen, das ist das Fazit im Alltag, wenn es ganz normal läuft.

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    Sie zahlen deshalb viel, damit die die wirklich krank sind auch anständig versorgt werden können. Sich darüber auzuregen, dass man für "sein Geld" nicht die Leistungen erhält die man sich wünscht, wird doch der Idee einer Versicherung nicht gerecht.

    Sie zahlen deshalb viel, damit die die wirklich krank sind auch anständig versorgt werden können. Sich darüber auzuregen, dass man für "sein Geld" nicht die Leistungen erhält die man sich wünscht, wird doch der Idee einer Versicherung nicht gerecht.

  7. Ich finde es toll, wenn jemand der eigentlich nicht müsste trotzdem in der GKV bleibt. Das ist der Grundgedanke des Solidarsystems und wenn es mehr Menschen gäbe die sich dessen bewusst wären, würde dieses System auch wunderbar funktionieren.

    Das Solidarsystem krankt nämlich vorallem daran, dass man sich ab einer bestimmte Dicke des Geldbeutels einfach herauskaufen kann. Und das wird noch nichtmal moralisch geächtet.

    Wie soll ein Solidarsystem denn funktionieren, wenn es nurnoch Schwache gibt und die Starken sich einfach verabschieden.

    Trauen wir uns doch: Alle Versicherten in die GKV, Privatversicherer dürfen nurnoch Zusatzleistungen anbieten. Das würde auf einen Schlag die 2 Klassen Versorgung abschaffen und die klammen Kassen sanieren.

    Für die Versicherten würde es keinen Unterschied machen. Gutverdiener können sich dann jeden Schnickschnack trotzdem noch dazubuchen.

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    da haben Sie aber eine sehr schön politisch gelenkte Meinung. Sie beruht nur nicht auf Fakten, sondern auf extern hervorgerufenen Gefühlen.
    Ich selbst bin privat versichert. Mein Arbeitgeber zahlt 270 Euro zu. Ich selbst zahle den Rest von monatlich 930, nämlich 660 Euro. Ich habe einen Vertrag für mich und je einen für jedes Kind. In der PKV gibt es nämlich keine Familienversicherung.
    Wenn ich oder meine Kinder in Behandlung gehen, dann zahlen wir den 1,8 bis 2,3fachen Satz dessen, was die Gesetzlichen zu zahlen bereit sind. Die Ärzte, die Privatpatienten in größeren Mengen haben, führen i.d.R. relaxtere Praxen und haben mehr Zeit für den Einzelnen - auch den gesetzlich Versicherten. Das nenne ich gelebte Solidarität unter Versicherten jeder Couleur.

    Und noch eine Bemerkung zu den "Freiwillig Versicherten in der Gesetzlichen Krankenversicherung". Sie sind "freiwillig", weil sie so viel Geld verdienen, dass sie privat gehen könnten. Machen sie aber nicht. Das Argument, was man von denen häufig hört, ist: "Privat lohnt sich für mich nicht, ich habe x Kinder - für die müsste ich ja dann auch zahlen. Nee, nee, ich bleibe lieber in der GKV und lasse meine ganze Familie familienversichert". Meiner Treu, dass halte ich persönlich für sehr unsolidarisch. Eigentlich sogar für ein wenig asozial...

    da haben Sie aber eine sehr schön politisch gelenkte Meinung. Sie beruht nur nicht auf Fakten, sondern auf extern hervorgerufenen Gefühlen.
    Ich selbst bin privat versichert. Mein Arbeitgeber zahlt 270 Euro zu. Ich selbst zahle den Rest von monatlich 930, nämlich 660 Euro. Ich habe einen Vertrag für mich und je einen für jedes Kind. In der PKV gibt es nämlich keine Familienversicherung.
    Wenn ich oder meine Kinder in Behandlung gehen, dann zahlen wir den 1,8 bis 2,3fachen Satz dessen, was die Gesetzlichen zu zahlen bereit sind. Die Ärzte, die Privatpatienten in größeren Mengen haben, führen i.d.R. relaxtere Praxen und haben mehr Zeit für den Einzelnen - auch den gesetzlich Versicherten. Das nenne ich gelebte Solidarität unter Versicherten jeder Couleur.

    Und noch eine Bemerkung zu den "Freiwillig Versicherten in der Gesetzlichen Krankenversicherung". Sie sind "freiwillig", weil sie so viel Geld verdienen, dass sie privat gehen könnten. Machen sie aber nicht. Das Argument, was man von denen häufig hört, ist: "Privat lohnt sich für mich nicht, ich habe x Kinder - für die müsste ich ja dann auch zahlen. Nee, nee, ich bleibe lieber in der GKV und lasse meine ganze Familie familienversichert". Meiner Treu, dass halte ich persönlich für sehr unsolidarisch. Eigentlich sogar für ein wenig asozial...

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