Gesundheitswesen Ein Ökonom unterm Messer
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 Was die Behandlung kostet, erfährt der gewöhnliche Kassenpatient nicht

23. November

Schwester Astrid befreit mich endlich vom lästigen Venenkatheter in meinem Hals und nimmt auch das große Pflaster auf meiner Brust ab. Zum ersten Mal sehe ich die Spuren der Operation. Ein verkrusteter Schnitt von gut zwanzig Zentimetern Länge über das ganze Brustbein. Zwei Wundmale auf dem Bauch, aus denen noch Drähte für den eventuellen, aber nicht nötigen Anschluss eines Schrittmachers hervorkommen. Ein paar kleine Hämatome. Wundheilung und Brustbehaarung werden das schon richten.

Am letzten Tag des Krankenhausaufenthalts hält es mich kaum noch im Bett. Ich treibe mich auf dem Flur herum. Ich treffe den Chefarzt, der fragt, ob ich noch Schmerzen verspürte. Keine Schmerzen. Ich treffe den Anästhesisten. Wir flachsen ein letztes Mal darüber, dass es noch keine spezielle Reporternarkose gibt, die das Mitschreiben während der Operation erlaubt. Mir wird klar, dass ich diese große Operation auch deshalb sehr gut überstanden habe, weil ich mich nicht in der Rolle des passiven Opfers eingerichtet habe, sondern ein aktiver Patient gewesen bin. Vielleicht ist das eine bessere Garantie für die Zuwendung von Ärzten und Pflegerinnen, als sie jede Privatversicherung leisten kann. Und ökonomisch kann man ein selbstbewusster Patient zu sein: Der Markt der Krankenhausdienstleistungen ist klar ein Nachfragermarkt.

24. November

Morgens um zehn halte ich meine Entlassungspapiere in der Hand. Am Kuvert haftet mit einer Büroklammer das Etikett meiner Ersatzklappe, die aus den USA kommt: Hancock II Porcine Heart Valve, Nr. 23A10H2438. Was der Bericht auch sagt: Ich soll von nun an größere Mengen Medikamente schlucken. Betablocker, ACE-Hemmer, ASS, Cholesterinsenker, Magenschutzmittel. Als ich meinen Kardiologen anrufe, sagt der nur: »Um Gottes willen, wenn ich das alles verordne, werde ich arm. Nein, dafür ist Ihr allgemeinmedizinischer Hausarzt zuständig.« Der Facharzt will sein Arzneibudget schonen. Ich bin zurück in den Niederungen des deutschen Gesundheitswesens.

27. November

Der Postbote bringt die Rechnung des Krankenhauses. Sie beläuft sich auf 100 Euro für zehn Tage stationärer Eigenbeteiligung, jeder Kassenpatient zahlt das. Die Unterbringung im Zweibettzimmer hat mich für fünf Tage 159,85 Euro gekostet.

Was die gesamte Behandlung kostet, erfährt der gewöhnliche Kassenpatient leider nicht – obwohl es kein Geheimnis zu bleiben braucht. Unter dem Stichwort Fallpauschalenkatalog 2010 finden sich im Internet die Preise sämtlicher Krankenhausleistungen. Bei meiner Krankenkasse wird der Posten F03C Herzklappeneingriff abgerechnet. Um tiefer in das Zahlenwerk einzudringen, nutze ich meinen Draht zur Krankenhausverwaltung und lasse mir vom Controller vorrechnen, dass meine Behandlung summa summarum 19.093,55 Euro gekostet hat. Das Implantat kam auf 2155,80 Euro. Die Personalkosten für Ärzte und Techniker allein während der vierstündigen Operation schlugen mit gut 3000 Euro zu Buche. Für den pflegerischen Aufwand auf der Normal- und Intensivstation stellte das Krankenhaus 2800 Euro in Rechnung.

Wohlgemerkt sind dies die Preise, welche die Klinik der Krankenkasse für meinen Fall berechnen darf. Was das Krankenhaus selbst für meine Behandlung aufgewendet hat, legt es nicht offen. Die Fallpauschale ist für einen durchschnittlichen Aufenthalt des Patienten von 17,5 Tagen kalkuliert. Da ich aber als problemloser Fall nur 10 Tage in der Klinik war, wird das Krankenhaus wahrscheinlich an mir verdient haben – auch wenn der Chirurg besonderen Aufwand betrieben haben mag.

Gute Arbeit geleistet hat er auf jeden Fall. Meine Herzklappe arbeitet fabelhaft. Und als Nebenwirkung ist mir die Überzeugung zugewachsen, dass dieses Land über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem verfügt, das sein Geld wirklich wert ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Da ist dann der Versichertenstatus echt egal.

  2. würde die Akzeptanz der Kassen erhöhen. Als VOrbild könnte Österreich dienen: Jeder Versicherte erhält 1x pro Jahr einen Auszug über die Leistungen der Kasse.

  3. Ganz wichtiger Einwand: Nicholsons Nackta*** -Auftritt war in "Was das Herz begehrt", nicht in "Besser geht's nicht". Wichtig für alternde Herzpatienten auch der Verbraucherhinweis im Film: Wenn Sie heute schon Viagra genommen haben, wird das Nitro Sie umbringen - worauf Nicholson kommentarlos den Infusionsschlauch abreißt.

  4. den letzten Satz will ich ausdrücklich bestätigen.

    Es werden erfolgreich und schonend große und umfangreiche OPs ausgeführt, und man kann nach einem oder zwei Tagen wieder auf den Beinen stehen, meist nach 9 bis 11 Tagen das Krankenhaus wieder verlassen.

    War für mich - wie beschrieben - ebenfalls sehr wichtig, baldmöglichst die "körperliche Selbständigkeit" wiederzugewinnen. Was die einem bedeutet, kann man nach solch einer OP erst richtig wahrnehmen.

    Eine solche Erfahrung könnte für viele Menschen ein Anreiz sein, nicht so auf ihrer Gesundheit "rumzuaasen" - nur: lässt sich nicht vermitteln... leider...

    • Meiner
    • 21.03.2011 um 9:24 Uhr

    Ich leide unter häufig wiederkehrenden Herzrhythmusstörungen.
    Mein Hausarzt ist überfordert und die Fachärzte sind nur langfristig erreichbar. So erzeugte ich immense Kosten durch häufige Besuche von Notfallaufnahmen in Krankenhäusern. Die angebotenen Medikamente vertrug ich nicht oder sie wirkten nicht. Was prophylaktisch zu vermeiden war musste ich selbst herausfinden. Das letztendlich helfende homöopathische Medikament empfahl mir zufällig ein fachfremder Arzt. Die Kosten muss ich selbst übernehmen. Was für mich bleibt vom Gesundheitssystem ist die Sicherheit der Lebensrettung, aber keine Heilung.

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    auch richtig: OP und Handwerk und drumherum: hervorragende Leistung, was weiteres betrifft, wird es schwierig.

    Ungewöhnliche, nicht häufige Krankheiten und schwer zu deutende Symptome stellen das System vor Probleme - die Schubladen, in die man nur allzu gerne diagnostisch "einsortiert" wird, stehen schon weit offen.

    Und dann wird der ganze übliche Apparillo durchgezogen...

    Kostet wahrscheinlich zu viel... hilft aber oft nichts...

    Aber wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der es darauf ankommt, alles möglichst schnell und kostenoptimiert (soll heißen: in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu erwirtschaften (noch vornehmer Ausdruck)) zu erledigen.

    Langes und unbezahltes Nachdenken oder Suchen nach der richtigen Diagnose / Therapie ist da nicht drin.

    Könnte es gar sein, dass das alles niederbügelnde "Manager- System" nicht alle Probleme der GesellscHaft bewältigt? Na so was!

    auch richtig: OP und Handwerk und drumherum: hervorragende Leistung, was weiteres betrifft, wird es schwierig.

    Ungewöhnliche, nicht häufige Krankheiten und schwer zu deutende Symptome stellen das System vor Probleme - die Schubladen, in die man nur allzu gerne diagnostisch "einsortiert" wird, stehen schon weit offen.

    Und dann wird der ganze übliche Apparillo durchgezogen...

    Kostet wahrscheinlich zu viel... hilft aber oft nichts...

    Aber wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der es darauf ankommt, alles möglichst schnell und kostenoptimiert (soll heißen: in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu erwirtschaften (noch vornehmer Ausdruck)) zu erledigen.

    Langes und unbezahltes Nachdenken oder Suchen nach der richtigen Diagnose / Therapie ist da nicht drin.

    Könnte es gar sein, dass das alles niederbügelnde "Manager- System" nicht alle Probleme der GesellscHaft bewältigt? Na so was!

  5. auch richtig: OP und Handwerk und drumherum: hervorragende Leistung, was weiteres betrifft, wird es schwierig.

    Ungewöhnliche, nicht häufige Krankheiten und schwer zu deutende Symptome stellen das System vor Probleme - die Schubladen, in die man nur allzu gerne diagnostisch "einsortiert" wird, stehen schon weit offen.

    Und dann wird der ganze übliche Apparillo durchgezogen...

    Kostet wahrscheinlich zu viel... hilft aber oft nichts...

    Aber wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der es darauf ankommt, alles möglichst schnell und kostenoptimiert (soll heißen: in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu erwirtschaften (noch vornehmer Ausdruck)) zu erledigen.

    Langes und unbezahltes Nachdenken oder Suchen nach der richtigen Diagnose / Therapie ist da nicht drin.

    Könnte es gar sein, dass das alles niederbügelnde "Manager- System" nicht alle Probleme der GesellscHaft bewältigt? Na so was!

  6. " ... und als Nebenwirkung ist mir die Überzeugung zugewachsen, dass dieses Land über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem verfügt, das sein Geld wirklich wert ist."

    Ach ja? Bin auch Mitglied der Gesetzlichen und zahle den Höchstbeitrag. Und? Was nutzt es? Ich zahle bei jedem Check Up beim Gynäkologen kräftig extra für Ultraschalluntersuchungen, da angeblich überflüssig und daher keine Kassenleistung. Da ich seit dem 20. Geburtstag jedes Jahr 2x gehe, konnte ich zuschauen, wie beim Frauenarzt Leistungen immer mehr zusammengestrichen wurden. Dasselbe beim Zahnarzt. Dazu noch die Raffgier der Ärzte, die mir ständig Selbstzahler-Leistungen anbieten: "Ist Ihnen das Ihre Gesundheit nicht wert?!" Dazu dann noch Praxisgebühr. Ohne jetzt eine außergewöhnliche Herz-OP als "Vergleichsobjekt" zu haben: Viel zahlen, nichts bekommen, das ist das Fazit im Alltag, wenn es ganz normal läuft.

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    Sie zahlen deshalb viel, damit die die wirklich krank sind auch anständig versorgt werden können. Sich darüber auzuregen, dass man für "sein Geld" nicht die Leistungen erhält die man sich wünscht, wird doch der Idee einer Versicherung nicht gerecht.

    Sie zahlen deshalb viel, damit die die wirklich krank sind auch anständig versorgt werden können. Sich darüber auzuregen, dass man für "sein Geld" nicht die Leistungen erhält die man sich wünscht, wird doch der Idee einer Versicherung nicht gerecht.

  7. Ich finde es toll, wenn jemand der eigentlich nicht müsste trotzdem in der GKV bleibt. Das ist der Grundgedanke des Solidarsystems und wenn es mehr Menschen gäbe die sich dessen bewusst wären, würde dieses System auch wunderbar funktionieren.

    Das Solidarsystem krankt nämlich vorallem daran, dass man sich ab einer bestimmte Dicke des Geldbeutels einfach herauskaufen kann. Und das wird noch nichtmal moralisch geächtet.

    Wie soll ein Solidarsystem denn funktionieren, wenn es nurnoch Schwache gibt und die Starken sich einfach verabschieden.

    Trauen wir uns doch: Alle Versicherten in die GKV, Privatversicherer dürfen nurnoch Zusatzleistungen anbieten. Das würde auf einen Schlag die 2 Klassen Versorgung abschaffen und die klammen Kassen sanieren.

    Für die Versicherten würde es keinen Unterschied machen. Gutverdiener können sich dann jeden Schnickschnack trotzdem noch dazubuchen.

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    da haben Sie aber eine sehr schön politisch gelenkte Meinung. Sie beruht nur nicht auf Fakten, sondern auf extern hervorgerufenen Gefühlen.
    Ich selbst bin privat versichert. Mein Arbeitgeber zahlt 270 Euro zu. Ich selbst zahle den Rest von monatlich 930, nämlich 660 Euro. Ich habe einen Vertrag für mich und je einen für jedes Kind. In der PKV gibt es nämlich keine Familienversicherung.
    Wenn ich oder meine Kinder in Behandlung gehen, dann zahlen wir den 1,8 bis 2,3fachen Satz dessen, was die Gesetzlichen zu zahlen bereit sind. Die Ärzte, die Privatpatienten in größeren Mengen haben, führen i.d.R. relaxtere Praxen und haben mehr Zeit für den Einzelnen - auch den gesetzlich Versicherten. Das nenne ich gelebte Solidarität unter Versicherten jeder Couleur.

    Und noch eine Bemerkung zu den "Freiwillig Versicherten in der Gesetzlichen Krankenversicherung". Sie sind "freiwillig", weil sie so viel Geld verdienen, dass sie privat gehen könnten. Machen sie aber nicht. Das Argument, was man von denen häufig hört, ist: "Privat lohnt sich für mich nicht, ich habe x Kinder - für die müsste ich ja dann auch zahlen. Nee, nee, ich bleibe lieber in der GKV und lasse meine ganze Familie familienversichert". Meiner Treu, dass halte ich persönlich für sehr unsolidarisch. Eigentlich sogar für ein wenig asozial...

    da haben Sie aber eine sehr schön politisch gelenkte Meinung. Sie beruht nur nicht auf Fakten, sondern auf extern hervorgerufenen Gefühlen.
    Ich selbst bin privat versichert. Mein Arbeitgeber zahlt 270 Euro zu. Ich selbst zahle den Rest von monatlich 930, nämlich 660 Euro. Ich habe einen Vertrag für mich und je einen für jedes Kind. In der PKV gibt es nämlich keine Familienversicherung.
    Wenn ich oder meine Kinder in Behandlung gehen, dann zahlen wir den 1,8 bis 2,3fachen Satz dessen, was die Gesetzlichen zu zahlen bereit sind. Die Ärzte, die Privatpatienten in größeren Mengen haben, führen i.d.R. relaxtere Praxen und haben mehr Zeit für den Einzelnen - auch den gesetzlich Versicherten. Das nenne ich gelebte Solidarität unter Versicherten jeder Couleur.

    Und noch eine Bemerkung zu den "Freiwillig Versicherten in der Gesetzlichen Krankenversicherung". Sie sind "freiwillig", weil sie so viel Geld verdienen, dass sie privat gehen könnten. Machen sie aber nicht. Das Argument, was man von denen häufig hört, ist: "Privat lohnt sich für mich nicht, ich habe x Kinder - für die müsste ich ja dann auch zahlen. Nee, nee, ich bleibe lieber in der GKV und lasse meine ganze Familie familienversichert". Meiner Treu, dass halte ich persönlich für sehr unsolidarisch. Eigentlich sogar für ein wenig asozial...

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