Das ist das zweite Bild des 21. Jahrhunderts: Am 12. März 2011 explodiert das Atomkraftwerk in Fukushima . Es wird künftig immer neben dem ersten Bild des 21. Jahrhunderts zu sehen sein: den Türmen des World Trade Center, die am 11. September 2001, von Flugzeugen durchbohrt, in sich zusammenbrechen. Ganz unabhängig von der Frage, zu welchen unübersehbaren Folgen die Kernschmelze in den japanischen Atomkraftwerken führen wird, das "Sinnbild" der Katastrophe, also das per Fernsehen und Internet in alle Welt verbreitete Filmdokument des Eintretens des "Restrisikos", hat sich am vergangenen Wochenende auf ewig in unseren Köpfen festgesetzt.

Es ist die Bestätigung der kulturwissenschaftlichen These vom Iconic Turn (Gottfried Boehm), der unsere Gesellschaft erfasst hat. Während vor fünfhundert Jahren die Erfindung des Buchdrucks die Macht der Schrift begründete, haben die durch das Internet und das Fernsehen weltweit zirkulierenden digitalen Bilder eine ähnlich epochale Wende in unserem Bewusstsein eingeleitet. Wir sind heute Zeitgenossen durch die Aufnahme und die geistige Verarbeitung der Bilderflut. Da im Jahre 1986 von der Katastrophe im Atomkraftwerk in Tschernobyl kaum Bilder durch den Eisernen Vorhang drangen und das apokalyptische Bild erst im Nachhinein rekonstruiert werden musste, der Schrecken also unsichtbar blieb und in die Pilze und durch die Frühlingsluft strömte, war es noch möglich, ihn wieder zu verdrängen. Globales Erinnern verstärkt sich durch ein simultan wahrgenommenes Ereignis. Und dies ist erst möglich, seit die Menschheit ihre größten Katastrophen online im Liveticker und auf CNN gemeinsam durchlebt, während sie verstört und gebannt auf die gleichen Bilder starrt. Seit dem 11. September 2011 und den Folterfotos aus Abu Ghraib wissen wir, wie die medial vermittelten Bilder unsere Wahrnehmung verändern – und zu welcher neuen Macht das globalisierte visuelle Gedächtnis dadurch geworden ist.

Jene Bilder, die uns bis jetzt aus Fukushima erreicht haben, werden genau deshalb nicht wirkungslos bleiben, weil sie nicht mehr von der menschlichen Festplatte gelöscht werden können. Jeder Politiker und jeder Atomlobbyist, der ab dem heutigen Tag von der Sicherheit der Kernenergie sprechen wird und von einem geringen Restrisiko, weiß, dass in dieser Sekunde im Kopf seiner Zuhörer die Bilder aus Fukushima auftauchen und sich in jedem Kopf eine kleine Explosion ereignet. Der 12. März 2011 ist nicht deshalb das Ende des Atomzeitalters, weil die Menschheit vernünftig geworden ist. Sondern weil die Wirkmacht der Bilder im Kopf so stark ist, dass sie nicht mehr verdrängt werden können. Wir können uns nicht mehr selbst unser Bild machen, wie es das 20. Jahrhundert noch für die Urkatastrophen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs und des Untergangs der Titanic tun konnte. Wir können unser Selbstverständnis nicht mehr nachträglich illustrieren. Sondern wir sind den Bildern ausgeliefert – sie verstören uns, sie überwältigen uns–, weltweit und gleichzeitig. Wir können, siehe Fukushima, deshalb nicht mehr hinter sie zurück, weil die Menschheit zum Augenzeugen geworden ist. Es gibt darum kein glaubhaftes Alibi mehr.

Die Bilder auf der Drachenrobe des japanischen Kaisers zeigen seit dem 17. Jahrhundert hochbrandende Wellen. Der Kaiser ist der Fels in der Brandung – ein klassisches Beispiel dafür, wie durch Bilder versucht wird, das eigene Selbstverständnis zu illustrieren. In diesem Winter war in Tokyo die Ausstellung Rethinking the Japanese Perception of Nature zu sehen. Hunderttausende strömten ins Mori Art Museum. Dort wurde noch einmal Hokusais legendärer Holzschnitt Die Welle von Kanagawa aus dem Jahre 1832 gezeigt – der Inbegriff dessen, was die Welt für japanische Kunst hält. Und den die Welt seit fast zweihundert Jahren missversteht. Der Westen sah in der "Welle" immer ein Symbol für die unbeherrschbare Naturgewalt. Die Japaner selbst jedoch sahen weniger die Welle als die winzigen gelben Schifferboote darin – und wie geschmeidig die Ruderer darin die Wellenkämme reiten. Die Welle ist also das Sinnbild dafür, wie gemäß der alten Schinto-Tradition Natur und Mensch im Einklang miteinander Höhen und Tiefen erleben. Japan, so die These der Ausstellung, müsse wieder an diese Kraft des Einklangs von Wellen und Menschen glauben, wenn es ein neues Umweltbewusstsein entwickeln wolle. Wenn im Sommer dieses Jahres der Holzschnitt der Welle im Mittelpunkt der großen Hokusai-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird, wird niemand, wohl auch kein in der Schinto-Tradition stehender Japaner, an die unverbrüchliche Einheit von Mensch und Natur denken. Das Bild des Tsunami vom 11. März 2011 hat sich fortan in allen Köpfen über das Bild des Holzschnitts von Hokusai gelegt.

Wir haben im Fernsehen bislang nicht den japanischen Kaiser im Einklang mit der Natur seiner Wellenrobe gesehen. Sondern nur Männer in seltsamen hellblauen Arbeitsanzügen, die in Mikrofone sprechen. Sie wollen so wirken, als könnten sie etwas beherrschen. Doch sie haben keine Chance mehr gegen das Bild der Unbeherrschbarkeit, das sich für immer in unserem Kopf festgesetzt hat.