DIE ZEIT: Frau Wolf, gerade ist Ihre Tschernobyl-Erzählung Der Störfall von 1987 neu erschienen. Sie war nicht nur ein Erweckungsbuch für die Umweltbewegung, sondern auch ein dramatischer Höhepunkt Ihres literarischen Schreibens über das Zerstörerische unserer Zivilisation. Der Mensch als Naturkatastrophe: Fühlen Sie sich jetzt in Ihren Prognosen bestätigt?

Christa Wolf: Sie wissen ja, dass ich gezögert habe, mit Ihnen dieses Gespräch zu führen. Warum? Meine Hoffnung, dass das, was man nach so einer Katastrophe sagen kann, irgendetwas bewirkt, ist geschwunden. Damals nach Tschernobyl dachten viele: Es kann doch nicht so weitergehen wie bisher. Aber es ging weiter. Das deprimiert mich zutiefst. In Japan hat man über fünfzig Kernkraftwerke auf den Erdbebenboden gebaut. Dass ich vor weiteren Katastrophen gewarnt habe, darin drückte sich auch eine Hoffnung aus, am Ende doch nicht recht zu behalten.

ZEIT: Im Vorwort zum Störfall schreiben Sie über die Asche als Metapher der menschlichen Vergänglichkeit und über den Phönix als Sinnbild der Auferstehung und der Ewigkeit.

Wolf: Mein Vorwort bezieht sich auf die Aschebilder des Künstlers Günther Uecker, die in der Neuauflage des Störfalls zu sehen sind. Er hat damals, nach dem Reaktorunglück, Asche hergestellt und sich selber hineingelegt. Den menschlichen Abdruck reproduzierte er dann auf Bildern. Leider gewinnt das Buch nun eine Aktualität, die wir nicht zu fürchten wagten.

ZEIT: Wie fühlen Sie sich jetzt, als Kassandra- Ruferin der deutschen Literatur, wenn Sie vorm Fernseher sitzen und nach Japan blicken?

Wolf: Ich sehe mich nicht als Kassandra. Ich fühle mich wie alle anderen Menschen auch. Jeder, den man trifft, hat die Fernsehbilder gesehen und ist schockiert. Das Gefühl der Fassungslosigkeit und auch des Zorns hat sich so weit verbreitet, dass ich mich da nur einfügen kann.

ZEIT: Was war Mitte der Achtziger nach Tschernobyl anders?

Wolf: Damals geschah, was keiner erwartet hatte. Diesmal musste man eine Katastrophe für möglich halten. Und trotzdem ist man auf die Bilder nicht vorbereitet. Ich habe natürlich auch nicht 25 Jahre lang in Angst vor der Atomkatastrophe gelebt. Gerade kamen die neuesten Nachrichten aus Japan, dass nun schon drei Reaktoren von der Havarie betroffen sind, und ich frage mich, was, wenn Radioaktivität austritt, aus all den Menschen in diesem dicht besiedelten Gebiet werden soll. Und wer eigentlich den Umkreis der Evakuierung bestimmt. Und warum es ausgerechnet zwanzig Kilometer sind und nicht dreißig oder vierzig. All das bestärkt mich in meiner Meinung, dass die Technik nicht beherrschbar ist. Schon allein die Frage der Endlager: Wie kann man eine Technologie ausbauen, die strahlenden Abfall hervorbringt, für den es keine Lösung gibt? Das allein hätte doch Grund genug sein müssen, diese Atomenergie nicht zu nutzen. Wann lernen wir eigentlich, uns selbst zu beherrschen? Unsere maßlosen Bedürfnisse, die so viel Energie kosten?

ZEIT: Die Maßlosigkeit und das Selbstzerstörerische unser Gattung gehören zu Ihren großen Themen. Ist der Mensch eben doch nicht aufklärbar?

Wolf: Schon in den achtziger Jahren war das Ziel der Industriestaaten Wachstum, Wachstum, Wachstum. Jetzt haben wir uns endgültig in dem Widerspruch verfangen: Je bequemer wir leben, auch durch die massenhafte Herstellung zum Teil überflüssiger Industriewaren, desto näher kommen wir einer Zerstörung unserer Welt. Das ist vielleicht der Grund, warum ich noch öffentlich spreche: Wir müssen das Dilemma unserer Gesellschaft endlich diskutieren. Vielleicht bestärke ich andere Menschen.