DIE ZEIT : Unter welchem Druck steht ein Bundeskanzler, wenn sich die Energiewirtschaft mit ihren Interessen zu Wort meldet? Gerhard Schröder hat oft davon gesprochen.

Helmut Schmidt : Das kommt durchaus vor, das ist auch bei mir damals vorgekommen. Allerdings muss ich bekennen: Diesen Druck habe nicht als sonderlich unerfreulich empfunden. Vielleicht habe ich ein besonders dickes Fell.

ZEIT : Niemand hat bei Ihnen mit der Macht seiner Lobbyisten Stimmung gemacht?

Schmidt: Wer sollte das denn gewesen sein?

ZEIT : RWE, E.on und wie sie alle heißen...

Schmidt : Ich weiß heute nicht mehr, wer RWE damals gewesen ist. Nein, das ist abwegig.

ZEIT : Haben Sie eine Vorstellung davon, was der japanische Regierungschef jetzt durchmacht, wenn entschieden werden muss, die Reaktoren in Fukushima zur Kühlung mit Meerwasser zu fluten?

Schmidt : Ich kann mir das vorstellen. Aber den stärksten Druck müssen die vielen Tausenden von hohen, mittleren und kleinen Beamten aushalten. Die müssen innerhalb von Sekunden sofort Entscheidungen treffen – unabhängig von ökonomischen Interessen irgendeines Konzerns. Sie müssen Anweisungen geben, unter welchem Haus nach Verschütteten gegraben wird und wo nicht. Es gibt eine Reihe von Ad-hoc-Notwendigkeiten, mit denen es etwa ein Dorfbürgermeister zu tun bekommt oder ein Kompaniechef der japanischen Streitkräfte. Diese Leute können nicht lange überlegen, und erst hinterher wird man wissen, ob ihre Entscheidung die beste oder ob sie möglicherweise sogar falsch war.

ZEIT : Es handelt sich um eine Naturkatastrophe ohne Beispiel?

Schmidt : Es ist eine Katastrophe, die nur noch verglichen werden kann mit den beiden Bomben auf Hiroshima und Nagasaki, allenfalls auch mit der Bombardierung von Dresden oder Hamburg oder mit nine-eleven , wie die Amerikaner sagen.

ZEIT : Finden Sie den Begriff »biblische Heimsuchung« völlig deplatziert?

Schmidt : Für jemanden, der bibelgläubig ist oder aus anderen Gründen sich als Christ empfindet, ist das Wort nicht ganz abwegig. Für mich ist das ziemlich abwegig.

ZEIT : Sie erwähnten die beiden Bomben. Und jetzt die havarierten Atommeiler. Warum immer Japan?

Schmidt : Man weiß noch nicht recht, wie stark die Belastung werden wird. Man weiß ja auch noch nicht so recht, was in diesen Kernkraftwerken vorgeht. Ob der Versuch gelingt, die Brennstäbe mit Meerwasser zu kühlen. Das hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Pumpen funktionieren. Die Pumpen brauchen Strom. Es hängt vieles aneinander.