Katastrophe in Japan Die ökonomischen Folgen

Die Folgen des Erdbebens kann Japan verkraften. Die Folgen Fukushimas hingegen sind unabsehbar – auch für die Weltwirtschaft.

Als die Nachrichten des Erdbebens in Japan die Volkswirte erreichten, war deren erste Reaktion gelassen. Jetzt mehren sich die dramatischen Wortmeldungen. Kommt es in Japan endgültig zu einer großen nuklearen Katastrophe, die auch Tokyo erreicht, könnten die Folgen immens sein. Das Problem: Es gibt keine Vergleichsmaßstäbe. Der bislang letzte GAU fand im ukrainischen Tschernobyl statt, und die umliegende Gegend war dünn besiedelt. Ganz anders der Großraum Tokyo: Dort leben etwa 35 Millionen Menschen, die 20 Prozent der Wirtschaftsleistung der drittgrößten Volkswirtschaft erbringen. Würden bei einer Kernschmelze große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt und müsste der Raum Tokyo evakuiert werden, wären die volkswirtschaftlichen Schäden »kaum noch beherrschbar«, so Rudolf Besch, Japan-Experte bei der Deka-Bank. Die Umsiedlung einer riesigen Zahl an Menschen in einem solch dicht besiedelten Land werde die Wirtschaftsentwicklung massiv behindern – und könne eine tiefe, lang anhaltende Rezession verursachen.

An den Finanzmärkten wächst bereits die Sorge vor einem solchen Szenario. Die Aktienkurse in Japan rauschten Anfang der Woche nach unten, auch im Rest der Welt gingen die Börsen auf Talfahrt. Das belastet die Wirtschaft zusätzlich. »Wenn Panik ausbricht, dann kann das die Konjunktur hart treffen«, sagt Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Damit wäre zweifellos auch die Weltwirtschaft schwer getroffen. Direkt sind die Folgen für Deutschland auf den ersten Blick überschaubar: Nur etwa eineinhalb Prozent der deutschen Exporte gehen nach Japan.

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Kann die Lage in den Atomkraftwerken unter Kontrolle gebracht werden, dürften sich die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft in Grenzen halten. Naturkatastrophen sind – rein ökonomisch betrachtet – beherrschbar. Produktion und Konsum brechen zwar in aller Regel zunächst ein, weil Fabriken, Verkehrswege und Geschäfte zerstört werden. So ruhen in der japanischen Autoindustrie die Bänder, auch in anderen Branchen wurden Betriebsstätten geschlossen. Inzwischen sind Schätzungen zufolge rund 15 Prozent der Produktionskapazitäten ausgefallen oder stillgelegt, 72945 Gebäude wurden nach Regierungsangaben zerstört. Die Investmentbank Barclays Capital beziffert den Gesamtschaden auf rund 130 Milliarden Euro, davon sind nur geschätzt 25 Milliarden Euro durch Versicherungsverträge abgedeckt.

Sobald sich die Lage beruhigt hat, zieht die Wirtschaftsaktivität in aller Regel wieder an – und erreicht dann sogar vorübergehend ein höheres Tempo. Bestehendes Volksvermögen wird vernichtet, zugleich aber neues geschaffen. Das führt zu Arbeitsplätzen und neuem Einkommen. Ein ähnliches Muster war nach dem verheerenden Erdbeben von Kobe im Jahr 1995 zu beobachten. Es richtete einen Schaden von rund 100 Milliarden Euro an, beeinträchtigte die gesamtwirtschaftliche Entwicklung aber kaum. Nach einem guten Jahr erreichte die Industrieproduktion in der Region Kobe wieder das Niveau von vor dem Beben.

Eine Volkswirtschaft ist kein starres Gebilde, sie passt sich an. Kriege und Katastrophen können, so zynisch es klingen mag, der Konjunktur einen Schub verpassen. Die Aufrüstung vor und während des Zweiten Weltkriegs beendete die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. Der Wiederaufbau nach dem Krieg war ein Grund für das deutsche Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Staat. Er muss sich zumindest vorübergehend zusätzlich verschulden, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Nach Kobe wendete die japanische Regierung rund drei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung auf. Diesmal dürfte mehr nötig sein. Das Problem: Japan kämpft bereits mit einer gigantischen Schuldenlast von über 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Ein weiterer Anstieg der Defizite brächte den Staat an die Grenze seiner Belastbarkeit. Die japanische Notenbank hat bereits ihre Schleusen geöffnet, um eventuelle Liquiditätsengpässe zu bekämpfen. Positiv würde sich in diesem Szenario auswirken, dass die Japaner so viel Geld auf der hohen Kante haben, dass die Regierung nicht auf ausländisches Kapital angewiesen ist. Eine Schuldenkrise wie in Griechenland ist deshalb unwahrscheinlich.

 
Leser-Kommentare
    • spacko
    • 16.03.2011 um 14:28 Uhr

    Müsste, hätte, könnte, würde, wäre.
    Spekulationen sollten nicht Sache seriöser Printmedien sein. Und die Aktienkurse sind angesichts der Lage noch das geringste Problem. Für Spekulanten sind diese Zeiten natürlich ein Fest, man braucht nichtmal besonders weise zu sein, um sich jetzt 'ne goldene Nase zu verdienen. Inwieweit man das noch medial befeuern sollte, ist fraglich.

  1. Da Japan im Gegensatz zu den verschuldeten Euroländern seine Währungshoheit nie aufgab, kann es sich jetzt selbst retten, indem es massiv Geld druckt, um den Wiederaufbau zu finanzieren, was wiederum die ganze Wirtschaft ankurbelt. Damit könnte die seit einem Jahrzehnt stagnierende japanische Deflation beendet sein.

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    Was soll den dort wiederaufgebaut werden, nachdem absehbar ist, dass die Reaktoren in Fukushima technisch nicht mehr kontrollierbar sin und eine der größten Katastrophen der Menschheit überhaupt zu erwarten ist?

    Die Hybris der Technokraten hat ein adäquates Ende gefunden.

    Traurigerweise muss das aber die ganze Welt auslöffeln.

    Was soll den dort wiederaufgebaut werden, nachdem absehbar ist, dass die Reaktoren in Fukushima technisch nicht mehr kontrollierbar sin und eine der größten Katastrophen der Menschheit überhaupt zu erwarten ist?

    Die Hybris der Technokraten hat ein adäquates Ende gefunden.

    Traurigerweise muss das aber die ganze Welt auslöffeln.

    • hareck
    • 16.03.2011 um 14:43 Uhr

    "man braucht nichtmal besonders weise zu sein, um sich jetzt 'ne goldene Nase zu verdienen"

    Ach ja? Wie denn genau?

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    Ganz einfach. Wie es halt immer in solchen Fällen funktioniert. Aktienhändler prügeln die Kurse nach unten, um tief einsteigen zu können und anschließend die Gewinne mitzunehmen, die Kleinanleger dadurch verursachen, dass sie dann einsteigen, wenn es eigentlich schon wieder zu spät ist. Kleinanleger zeichnen sich dadurch aus, dass sie meist dann einsteigen, wenn der Drops schon längst wieder gelutscht ist. Und davon profitieren professionelle Anleger. Für die lohnt es sich schon, wenn ein Kurs um 1 Cent steigt, weil sie eben groß investiert sind. Der Kleinanleger hofft auf den großen Wurf, der selten kommt.

    • hareck
    • 17.03.2011 um 14:27 Uhr

    Wenn Sie das schon mal probiert hätten, wüssten Sie, dass das nicht so einfach ist.

    Man kann ganz leicht Haus und Hof verlieren dabei.

    Ganz einfach. Wie es halt immer in solchen Fällen funktioniert. Aktienhändler prügeln die Kurse nach unten, um tief einsteigen zu können und anschließend die Gewinne mitzunehmen, die Kleinanleger dadurch verursachen, dass sie dann einsteigen, wenn es eigentlich schon wieder zu spät ist. Kleinanleger zeichnen sich dadurch aus, dass sie meist dann einsteigen, wenn der Drops schon längst wieder gelutscht ist. Und davon profitieren professionelle Anleger. Für die lohnt es sich schon, wenn ein Kurs um 1 Cent steigt, weil sie eben groß investiert sind. Der Kleinanleger hofft auf den großen Wurf, der selten kommt.

    • hareck
    • 17.03.2011 um 14:27 Uhr

    Wenn Sie das schon mal probiert hätten, wüssten Sie, dass das nicht so einfach ist.

    Man kann ganz leicht Haus und Hof verlieren dabei.

    • output
    • 16.03.2011 um 16:00 Uhr

    Sehr geehrter Mark Schieritz, Ihr Optimismus in Ehren, es wäre ja schön, wenn es bei dem Szenario bliebe. Aber ein weiter so wie bisher wird es nicht geben. Die japanische Gesellschaft und deren Ordnung stehen vor tief greifenden Veränderungen.

    Die Fabriken, die Wirtschaft, der Schienenverkehr, die privaten Haushalte, alle brauchen Elektrizität. Bevor die wieder ausreichend fließt, wird Japan eine Antwort auf die Frage finden müssen, woher der „Saft“ kommen sollen. Erst danach kann Japan daran gehen, die Energieversorgung neu aufzubauen. Bis dahin wird die Wirtschaft nur mit halber Kraft arbeiten.

    Schon vor der jetzigen Krise steckte Japan in einer wirtschaftlichen Talfahrt. Das Land hat eine Staatsverschuldung von über 225% am Bruttosozialprodukt und befand zusätzlich noch in einer jahrzehntenlangen Deflation. Gewiss, die Schuldenkrise ist lösbar, weil zum großen Teil die Japaner selber Gläubiger ihres eigenen Landes sind. Lösungen wird es also geben. Aber die müssen zunächst definiert und dem Volk „schmackhaft“ gemacht werden.

    Wie lange das dauert, wird entscheidend davon abhängen, wie schnell es Japan gelingt eine neue Energieversorgung aufzubauen, dafür neue Finanzmittel zu beschaffen und gleichzeitig die Folgen der bisherigen Schuldenkrise zu überwinden. Das Alles wird viel Zeit brauchen. Bis dahin wird Japan durch das Tal der Tränen gehen.

  2. Ja Aktienkurse sind das geringere Problem bei der Krise. Es hängt aber vielmehr dran. Ich bin Dankbar für jeden Beitrag der Tiefenverständnis in diese Katastrophe bringt. Die letzte Asienkrise ist aus weit geringeren Anlässen losgebrochen. Und so unwahrscheinlich ist es nicht, dass der Wind in Japan noch öfters Richtung Westen drehen wird.
    http://www.ftd.de/politik...

  3. ein Beispiel, wie verquer die Weltwirtschaft funktioniert.

    Wie lange wird es dauern, bis Japan wieder ein BSP vorzeigen kann wie vor dem Beben mit all seinen Folgen?

    Kann sein, daß das gar nicht so lange dauert. Was mit den Millionen von Menschen geschiet, wie es denen ergeht, das ist nicht so wichtig. Der Einzelne bleibt auf der STrecke, wenn es "der Wirtschaft"nur dient.

    Wie stehen die Wetten?

    Auf welche Aktie muß ich setzen, wenn ich glaube, daß die japanische Chipherstellung zusammenbricht. Sollte ich ncht vielleicht jetzt Aktien kaufen von einem japanischen chiphersteller, da der über kurz oder lang über die allerneusten maschinellen Anlagen verfügt?

    Chips, Autos, ..... Die Menschen haben vielleicht nichts zu essen und nur schmutuziges Wasser zum trinken. Aber damit kann man nicht so viel Geld verdienen wie mit Elektronik und deshalb werden erst die Fabriken wieder aufgebaut und sich dann um die Menschen gekümmert.

    Das ist Marktwirtschaft und deshalb kann man durch das Unglück anderer durch Spekulation reich werden.

  4. "Die Folgen Fukushimas hingegen sind unabsehbar – auch für die Weltwirtschaft."
    Eine geringe Anzahl Menschen ist bereit und in der Lage, die Weltwirtschaft und damit eine unabsehbar große Anzahl Menschen in einen Abgrund zu stürzen.
    In kurzer Zeit haben wir dafür praktische Beispiele erhalten:
    1. Finanzspekulanten schaffen es, mit reinen Phantasieprodukten eine der größten Finanzkrisen des letzten Jahrhunderts auszulösen und unermeßliche Schulden für Steuerzahler mehrerer Generationen anzuhäufen.
    Sie dürfen ihre Gewinne behalten und werden von Politik und Justiz von jeglicher Haftung freigestellt.
    2. Energiekonzerne dürfen unter Einsatz der gefährlichsten Technik zur Energieerzeugung Riesengewinne einfahren und dabei permanent zigtausende Menschen einer erheblichen gesundheitlichen Gefährdung aussetzen. Sie nehmen die Gefahr nuklearer Katastrophen in kauf, weil sie wissen, daß sie auch in diesem schrecklichen Fall nicht für alle Folgen haften können und müssen. Auch hier wird wieder die Allgemeinheit in Geiselhaft genommen.

    In jedem Fall sind grundlegende Veränderungen in politischen und wirtschaftlichen Prioritäten erforderlich.
    Doch wer soll die Veränderungen herbeiführen?
    Etwa die Verursacher der gegenwärtigen Situation?

  5. Wieder wird deutlich, dass abstraktes „Wirtschaftswachstum“ in statistischen Durchschnittszahlen nichts, aber auch gar nichts, mit dem tatsächlichen „Wohlergehen“ oder „Wohlstand“ des Durchschnittsbürgers zu tun haben muss.

    Auch wenn der Staat (Administration) gern das BIP „pro Kopf“ herunterbricht, um den Glauben an die „Volkswirtschaft“ zu stärken, bei der „alle in einem Boot sitzen“ und „der Aufschwung unten ankommt“…
    Letztlich sagen „gute Wirtschaftszahlen“ noch nichts über die Situation der Bürger aus.

    „Kriege und Katastrophen können, so zynisch es klingen mag, der Konjunktur einen Schub verpassen. Die Aufrüstung vor und während des Zweiten Weltkriegs beendete die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre.“

    Der Afghanistan-Krieg hat auch „die US-Wirtschaft“ gestützt, wenn auch hinter den Wachstumszahlen nur Waffen, Militärunternehmensgewinne und Schuldenfinanzierung stand. Das ist die große Diskrepanz des Kapitalismus. Er kennt nur Geld, keine Menschen, auch wenn man uns so gern sprachlich darüber hinwegtäuschen will.

    Eine Leser-Empfehlung

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