Atomkrise "Manches bleibt rätselhaft"
Japan geht mit Erdbeben seit langem risikobewusster um als mit der Kernenergie. Der Umwelthistoriker Joachim Radkau im Gespräch über die Frage, ob Gesellschaften ihre eigene Zerstörung abwenden können.
© Philippe Lopez/AFP/Getty Images

Bild der Zerstörung nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami: Die japanische Stadt Kesennuma. Die Naturkatastrophen haben zu dramatischen Störfällen in japanischen Kernkraftwerken geführt.
DIE ZEIT: Sehen Sie einen japanischen Rufer in der Wüste, der zur Umkehr bewegen könnte?
Joachim Radkau: Die Atomenergie hat in Japan keine eigenen charismatischen Köpfe, keine großen theoretischen Geister wie Einstein, Bohr oder Heisenberg hervorgebracht, jene Genies, die öffentlich wirksam Hoffnung und Furcht repräsentieren, obwohl sie von den Details der Reaktortechnik gar nichts verstehen. Und so hat Japan auch keine großen Kritiker hervorgebracht, die nun das Umdenken verkörpern könnten. Als 1978 der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker auf Distanz zur Kernenergie ging, war die Branche verstört: Da ging ihr ein Halbgott verloren, obwohl er für die reale Entwicklung der Reaktoren belanglos war. Mit Max Weber denke ich, dass es ein paar charismatische Helden braucht, um Neues in der Weltgeschichte in Gang zu setzen. Für die Geschichte der Kernenergie gilt das sicher. Vermutlich auch für den endlichen Erfolg der Kernenergie-Kritiker.
ZEIT: Die wirklichen Helden arbeiten jetzt als Ingenieure und Arbeiter in den japanischen Katastrophenreaktoren unter Einsatz ihres Lebens daran, das Schlimmste einzudämmen. Bringt jede Gesellschaft solche Helden hervor?

ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Er hat Bücher über Holz, Nervosität, die Atomwirtschaft und Max Weber geschrieben. Jetzt erscheint von ihm Die Ära der Ökologie.
Radkau: Mich empört heute am meisten, wie schäbig die Öffentlichkeit die todgeweihten Liquidatoren von Tschernobyl vergessen hat. Es ist kein Zufall, dass beim Schülerwettbewerb Geschichte das Thema »Helden« großen Anklang gefunden hat. Kriegshelden sollten diese Fantasien und dieses Bedürfnis nicht besetzen. Menschen aber wie diejenigen, die nun in den japanischen Reaktoren die Katastrophe einzuhegen versuchen, sind Helden, die wir ehren sollten.
ZEIT: Disziplin und Gelassenheit sind die angemessenen Umgangsformen mit der Kernenergie, so scheinen es uns jetzt die Bilder aus Japan zu zeigen. Was ist japanisch an dem, was wir sehen?
Radkau: Es gehört in Japan sicher zum guten Stil, vor ausländischen Kameras Gelassenheit zu zeigen. Als Historiker, der mehrmals in Japan war, kann ich allerdings mit pauschalen Auffassungen über »die Japaner« wenig anfangen. Seit der weltweiten ökologischen Revolution um 1970 regiert in Japan ein vielfältiges umweltpolitisches Auf und Ab.
ZEIT: Was ist japanisch an diesem Auf und Ab?
Radkau: Japan ist, ähnlich wie Deutschland, von einer Tradition der Naturverehrung geprägt, aber es gab in den siebziger Jahren merkwürdigerweise keine japanische Kernenergiekontroverse wie in Deutschland. Im elsässischen Fessenheim fand die erste Demonstration gegen die Kernkraft schon 1971 statt. Der breite gesellschaftliche Protest gegen die Kernkraft beginnt in Japan hingegen erst 1995 mit dem Störfall in einem Schnellen Brüter und dem Reaktorunfall in der Wiederaufbereitungsanlage Tokaimura 1997.
ZEIT: Warum war die Skepsis gegenüber der Kernenergie in Japan zunächst schwach ausgeprägt?
Radkau: Das hat rationale Gründe: In Japan sind die Kohlevorkommen gering, die Vorstellung, von chinesischer Steinkohle abhängig zu sein, war für Japaner ein Horror, die Windkraft erschien im Land der Taifune nicht besonders attraktiv, und in den dicht besiedelten Tälern des Landes fehlt der Raum für Stauseen, um Wasserkraftwerke zu bauen. Insofern hatte im Wirtschaftswunderland Japan die Kernkraft ihren Reiz.
ZEIT: Merkwürdig, schließlich ist Japan das erste Land, das zum Opfer von Atomwaffen wurde. Warum hat Hiroshima nicht alsbald eine starke Antiatombewegung hervorgebracht?
Radkau: Die Verdrängung Hiroshimas erscheint verblüffend. In Tokyo habe ich auf der Suche nach einem Hiroshima-Mahnmal nur rein zufällig im Norden der Stadt ein halb verstecktes, unscheinbares Denkmal gefunden. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki haben das japanische Selbstgefühl tief verwundet. Aber sie haben keine lebhafte Abwehr gegen die zivile Nutzung der Kernenergie hervorgerufen. Das ist allerdings nicht so exotisch, wie es zunächst scheint. Auch in der Bundesrepublik ist zunächst die zivile Nutzung der Kernenergie trotz Hiroshima befürwortet worden. Das berühmte »Göttinger Manifest« der großen Physiker um Heisenberg von 1957 trat leidenschaftlich gegen eine atomare Bewaffnung ein und ebenso deutlich für die sogenannte friedliche Nutzung des Atoms. In der Atom-Euphorie der fünfziger Jahre entstand geradezu der Eindruck, als sei das ›friedliche Atom‹ ein Gegenmittel gegen die Atombombe.
ZEIT: Merkwürdig ist die Selbstverständlichkeit der Kernenergie in Japan doch aber auch aus dem Grund, dass Japan eine Erdbebenkultur ist und alle Risiken kennt.
Radkau: Dies ist umso rätselhafter, als die Erdbebengefahr von Anfang an prägend zur Anti-AKW-Bewegung gehörte: Die erste erfolgreiche Protestinitiative weltweit richtete sich gegen das Kraftwerksprojekt in der kalifornischen Bodega Bay, wo zuvor Hitchcocks Film Die Vögel gedreht wurde.
ZEIT: Jeder hatte die schöne Bucht so vor Augen.
Radkau: Aber die Naturschützer setzten sich mit ihren Landschaftsschutz-Argumenten nicht durch, erst das Argument der Erdbeben-Gefahr verfing bei der Atomkommission. Nicht zufällig: Das große Erdbeben von 1906, das San Francisco zerstörte, ist ein Urtrauma Kaliforniens.
ZEIT: Ist das Kanto-Erdbeben vom 1. September 1923 für Japan nicht ein ähnliches Urtrauma?
Radkau: Nein. Im japanischen Geschichtsbewusstsein ist dieses Kanto-Erdbeben vielmehr der Auftakt einer Erfolgsgeschichte. Die triumphierende Ikone von 1923 war das damals unweit des Kaiserpalastes frisch gebaute Hotel Imperial von Frank Lloyd Wright, das dem Beben standhielt, während das hölzerne Tokyo abbrannte. Danach wurde Japan Spitzenreiter in der Seismologie. Diese Erdbebenkultur fühlte sich aus Erfahrung bebensicher.
- Datum 17.03.2011 - 17:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.3.2011 Nr. 12
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Ständig wird darauf herumgeritten, dass die Verbraucher Energie sparen sollen. Dabei wird der größte Verbraucher nicht nur ständig aus der Verantwortung ausgeklammert, er wird auch noch über die Zahlungen der Bürger subventioniert. Die Rede ist von der Industrie.
Industrielle Unternehmen bezahlen einen Strompreis der im Vergleich zum Strom für die Bürger lächerlich wenig kostet (~1/5). Würde die Industrie denselben Preis bezahlen müssen wie jeder von uns, würde es wohl nicht lange dauern bis energiesparende Technologien alle anderen abgelöst hätten.
Wieso setzt man nicht bei diesem gewaltigen Hebel an anstatt ständig auf die Bürger zu zeigen und ihnen Prasserei zu unterstellen? Es würde auch die Gesellschaft fairer gestalten weil mit der Erhöhung der Strompreise für Unternehmen die Preise für die Bürger gesenkt werden könnten.
Alternativ sollten Bürger/Gemeinden sich in Genossenschaften zusammenschließen um als Konzerne auftreten und die gleichen Preise wie diese ausverhandeln zu können. Wenn man auf die Politik wartet wird nie etwas passieren. Wäre der Tod so zuverlässig wie die Politik würde niemand mehr sterben.
...das war Helmut Schmidt bei der Sturmflut 1962 in Hamburg und im Deutschen Herbst 1977.
Und trotzdem - irgendwann gestand auch er ein, dass er bei diesem Lied bittere Tränen vergossen hat:
http://www.youtube.com/wa...
Es ist eben alles doch nur geliehen...
"Für Deutschland ist es umweltpolitisch sicher ein Vorteil, daß die gesellschaftlichen Eliten nicht besonders geschlossen sind, sondern im internationalen Vergleich eher heterogen, offen und durchlässig. Mit dem Nachteil, daß einer wie Hitler nach oben kommen konnte."
Wer sich zu solchen Aussagen hinreißen läßt, den kann man als Wissenschaftler nicht ernst nehmen.
scheinen mir die Antworten von Prof. Radkau, auch die Einordnung des Aufstiegs von A. H.
Wohltuend ist auch, dass Prof. Radkau nicht behauptet, alles erklären zu können, so dass er jedenfalls nicht auf eine Rechthaberposition festgelegt werden kann wie viele andere "Experten" (ich mag das Wort nicht mehr).
Wenn wir ein deutsches Spezifikum suchen möchten, dann könnten wir es in einer rationalitätsverweigernden, fundamentalromantischen Einstellung vieler Leute finden (siehe zahlreiche Indizien dazu von der Diskussion ums Waldsterben bis hin zur Diskussion um die Homöopathie). Wer uns übel will, kann genau da einhaken, wenn er A. H. erklären möchte. Ach ja, und vielleicht bei der Tatsache, dass die alten "Eliten" (dieses Wort mag ich auch nicht, aber hier ist es nötig) aus dem Kaiserreich ihren Nimbus, ihren Status oder ihr Leben verloren hatten.
Schönen Sonntag!
scheinen mir die Antworten von Prof. Radkau, auch die Einordnung des Aufstiegs von A. H.
Wohltuend ist auch, dass Prof. Radkau nicht behauptet, alles erklären zu können, so dass er jedenfalls nicht auf eine Rechthaberposition festgelegt werden kann wie viele andere "Experten" (ich mag das Wort nicht mehr).
Wenn wir ein deutsches Spezifikum suchen möchten, dann könnten wir es in einer rationalitätsverweigernden, fundamentalromantischen Einstellung vieler Leute finden (siehe zahlreiche Indizien dazu von der Diskussion ums Waldsterben bis hin zur Diskussion um die Homöopathie). Wer uns übel will, kann genau da einhaken, wenn er A. H. erklären möchte. Ach ja, und vielleicht bei der Tatsache, dass die alten "Eliten" (dieses Wort mag ich auch nicht, aber hier ist es nötig) aus dem Kaiserreich ihren Nimbus, ihren Status oder ihr Leben verloren hatten.
Schönen Sonntag!
scheinen mir die Antworten von Prof. Radkau, auch die Einordnung des Aufstiegs von A. H.
Wohltuend ist auch, dass Prof. Radkau nicht behauptet, alles erklären zu können, so dass er jedenfalls nicht auf eine Rechthaberposition festgelegt werden kann wie viele andere "Experten" (ich mag das Wort nicht mehr).
Wenn wir ein deutsches Spezifikum suchen möchten, dann könnten wir es in einer rationalitätsverweigernden, fundamentalromantischen Einstellung vieler Leute finden (siehe zahlreiche Indizien dazu von der Diskussion ums Waldsterben bis hin zur Diskussion um die Homöopathie). Wer uns übel will, kann genau da einhaken, wenn er A. H. erklären möchte. Ach ja, und vielleicht bei der Tatsache, dass die alten "Eliten" (dieses Wort mag ich auch nicht, aber hier ist es nötig) aus dem Kaiserreich ihren Nimbus, ihren Status oder ihr Leben verloren hatten.
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