Japans Premierminister Naoto Kan © TOSHIFUMI KITAMURA/AFP/Getty Images

Vom Entsetzen noch wie benommen, suchen die Japaner unter Trümmern nach Überlebenden, nach ihrem Hab und Gut. Wieder einmal. Wie viele Erdbeben, wie viele Taifune, wie viele Tsunamis hat dieses Land schon überstehen müssen! Immer wieder hat es die Kraft zum Neubeginn gefunden. Auch in der düstersten Zeit, 1945, nach der totalen Niederlage im selbst entfesselten Pazifischen Krieg und nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Das gemeinsame Leid, das unverschuldete und das selbst heraufbeschworene, hat sich tief in die Psyche der Japaner eingegraben, hat sie geprägt, hat sie eine schier unglaubliche Disziplin und beispiellose Haltung gelehrt.

Mit Disziplin und Haltung allein aber wird Japan der von Tag zu Tag bedrohlicheren atomaren Katastrophe nicht Herr werden. Im Kernkraftwerk Fukushima waren bis Dienstagabend drei Reaktorgebäude explodiert, die Schutzhülle von Reaktor 2 war beschädigt, die radioaktive Strahlung nahm zu. Nirgendwo ein Hoffnungszeichen, die Dinge könnten sich zum Guten wenden.

Ein Grauen beschleicht die Menschen – die Ahnung, dass sie die Kontrolle über eine Technik verloren haben, der sie vertraut hatten. Es könnte die Sicherheit schwinden, die ihrem Leben bis heute Halt gegeben hat: in einem Staat zu leben, der seine Bürger behütet und ihr Wohl über alles stellt; für Unternehmen zu arbeiten, deren Ingenieure nicht mit der Gesundheit und dem Leben der Menschen spielen; den Worten von Politik und Verwaltung weiterhin unbesorgt Glauben schenken zu können.

Die Kernschmelze in den Reaktorblöcken von Fukushima könnte einen politischen GAU zur Folge haben: Das starke Band, das Bürger und Politik, Wirtschaft und Verwaltung zusammenhält, es könnte zerreißen.

Es könnte der Moment kommen, wo der Tenno zu den Japanern sprechen müsste. Eine einzige historische Parallele gäbe es dafür: Die Kapitulationserklärung Kaiser Hirohitos am Ende des Pazifischen Krieges. Nie hatten die Japaner den Tenno sprechen hören. Am 15. August 1945 erklang aus den Radios seine krächzende Stimme, die den Bürgern befahl, "das Untragbare zu ertragen". Es ist die Institution des Tennos, die wie keine andere den Zusammenhalt des japanischen Volkes symbolisiert. Sollte der Kaiser sprechen, dann wüssten die Japaner: Es steht ernst um uns.

Aber auch ohne eine solch dramatische Geste ist deutlich: Tiefe Unsicherheit hat ein Land ergriffen, das lange schon an sich zweifelt. Das sich wirtschaftlich zwar mühsam erholte. Das aber politisch wie gelähmt war, unfähig, auch nur die geringsten Reformentscheidungen zu treffen. Das die Kraft, die es irgendwann Anfang der neunziger Jahre verloren hatte, nicht zurückzugewinnen vermochte.

Viel war vom alten Selbstwertgefühl der Japaner ohnehin nicht geblieben. Die Erschütterung dieser Tage aber rührt an den Kern des japanischen Selbstverständnisses.

So tief geht diese Erschütterung, dass die Katastrophe zum Wendepunkt werden könnte, zu einer Art Stunde null, in der Japan der notwendige politische Neuanfang endlich gelingt.

Erstarrt hatten die Japaner in den vergangenen Jahren zugesehen, wie der Nachbar China wirtschaftlich stärker und stärker wurde, bis er im vergangenen Jahr das eigene Land als zweitgrößte Volkswirtschaft überholte. Die Stimme Japans in der Weltpolitik dagegen wurde zunehmend schwächer, war fast nicht mehr zu vernehmen.

"Während Asien voranstürmt, bleibt Japan zurück", schrieb das amerikanische Magazin Time . Als hätte jeder Mut das Land verlassen, so schlingerte es nach dem Platzen der Aktien- und Immobilienblase 1990 zwei Jahrzehnte lang dahin. Und niemand gab ihm Richtung und Halt.

Schon gar nicht die Politik. Die seit 1955 fast ununterbrochen regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) erschöpfte sich in sinn- und ziellosen Machtkämpfen. Aus der ständig rotierenden Drehtür im Amtssitz des Premierministers trat jedes Jahr ein neuer Regierungschef, dessen Gesicht und Name sich nicht einmal die Japaner merken mochten. Brasiliens Ex-Staatschef Lula da Silva mokierte sich: "Du sagst ›Guten Morgen‹ zum einen Premier und ›Guten Abend‹ zum nächsten."

Im September 2009 schien es, als sei das "Regime von 1955" an sein Ende gekommen. Ein Erdrutschsieg der Demokratischen Partei (DPJ) machte der LDP-Herrschaft ein Ende. Alles sollte anders werden. Keine Fraktionskämpfe mehr, keine Deals in teuren Ginza-Bars. Die Politik wollte der Verwaltung zeigen, dass sie und nicht die Bürokratie das Land regiert.