ApokalypseUpdate des Endes

Über Jahrhunderte war die Apokalypse eine religiöse Idee. Längst ist sie eine technische Option. von 

"Triumph des Todes" von Pieter Bruegel dem Älteren um 1525/1530

"Triumph des Todes" von Pieter Bruegel dem Älteren um 1525/1530  |  © Pieter Bruegel der Ältere

Die Erde bebt, kein Stein bleibt auf dem anderen stehen, eine Flutwelle zerstört Mensch und Land , und ein Vulkan speit Feuer. Alle Ingredienzien, die seit Jahrhunderten zu der archaischen Vorstellung des Weltuntergangs gehören, sind in diesen Tagen Wirklichkeit geworden. Zugleich droht die Urgewalt des gespaltenen Atoms weite Teile Japans in eine radioaktive Wüste zu verwandeln . Die Erde ist dem Menschen keine Heimat mehr.

Es ist ein erstaunliches Paradox: Eigentlich ist die Apokalypse ein Phantasma aus unaufgeklärter, religiöser Zeit. Doch erst heute wird sie mit den Mitteln der technologischen Moderne konkret. Angst- und Schreckensszenarien des Mythos erfahren ihr technologisches Update. Zwar bleibt die Rolle des strafenden Gottes unbesetzt, der Weltuntergang ist jetzt Menschenwerk. Aber wir haben das unheilvolle Gefühl, dass Mythos und Technik auf gespenstische Weise zur Deckung kommen.

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Dass der Zorn Gottes über die Sünden der Menschheit so groß werden könnte, dass er seine apokalyptischen Reiter schickt und die Welt unter Feuersbrünsten und Wasserfluten begräbt, gehörte über Jahrhunderte zur selbstverständlichen Naherwartung vieler Gläubiger. Das stärkste Argument, das die Untergangspropheten anführen konnten, war stets ein scharfes Sündenbewusstsein: Die Menschheit war so lasterhaft, dass die gerechte Strafe nicht ausbleiben konnte.

Heute sprechen wir nicht von Sünde, sondern von Hybris. Letztere kommt ohne transzendente Instanz aus: Der Mensch spielt Gott, er spielt mit einem Feuer, das er nicht wirklich zu kontrollieren vermag. Die Apokalypse ist ganz immanent. Aber sie entzieht wie je nur eine biblische Sintflut den Menschen die Bedingungen ihrer Fortexistenz.

In gewisser Hinsicht war die Apokalypse, das Ende der Zeiten, im religiösen Zeitalter weniger bitter: Mit ihr ging zwar diese Welt unter, aber eine andere, höhere trat an ihre Stelle. Der Messias kam, die Zeit erfüllte sich. Insofern wünschten sich manche Gläubige den Weltuntergang inbrünstig herbei. Mit ihm war jedenfalls diese ganz und gar verkehrte Welt endgültig dem Untergang geweiht – und das konnte für den einen oder anderen Gerechten oder auch Selbstgerechten, der es schon immer wusste, auch etwas Befriedigendes haben. In säkularer Zeit ist die Apokalypse aber nur das Ende der vertrauten Welt, ohne dass an ihre Stelle ein neues Licht träte. Der Mensch verabschiedet sich aus der Naturgeschichte, beendet sein Intermezzo, und niemand wird mehr da sein, der seinem Verschwinden eine Träne nachweinen könnte. Die Welt fällt zurück in die kosmische Gleichgültigkeit eines Universums, das im Menschen nie den Mittelpunkt der Schöpfung sah.

Hilft die Rede von der Apokalypse, um etwas über unsere Gefühle zu begreifen, die uns angesichts des Unglücks in Japan erfassen? Auf jeden Fall dies: Zum Wesen der Apokalypse gehört, dass sie nicht vom individuellen Tod handelt, sondern vom Ende der Gattung. Das erst schafft das große Verlorenheitsgefühl. Der Mensch ist eben nicht einfach nur ein genetischer Egoist, der nur an das eigene Überleben denkt. Er kann sich im Gegenteil mit seiner eigenen Endlichkeit aussöhnen, solange er sich als Glied einer übergreifenden Geschlechterkette begreift und sein individuelles Sterben in einem kosmischen Werden und Vergehen aufgehoben sieht. Genau dieser umfassende Horizont, das Aufgehobensein in einem sinnvollen Natur-Ganzen, wird von der modernen Apokalypse suspendiert. Nicht das je eigene Leben, sondern das Leben schlechthin steht plötzlich zur Disposition.

Leserkommentare
  1. Theologisch gesehen ist die menschliche Hybris die eigentlich bestimmende Grundtatsache, die mit dem Begriff "Sünde" ausgedrückt wird. Alle weiteren großen und kleinen Sünden sind letztendlich nichts anderes als Erscheinungsformen oder Auswirkungen dieser Grundtatsache. Der Mensch will sich an die Stelle Gottes setzen, mythologisch wird das schon mit der Geschichte vom Turmbau zu Babel ausgedrückt. Dieser Artikel zeigt auf eindrückliche Weise, wie realistisch die christliche Theologie ist. Dabei ist es gar nicht so sehr von Belang, ob es "Gott" denn nun "gibt" oder "nicht gibt" - unabhängig davon erfahren wir sowohl in der Geschichte vom Turmbau als auch in der Weltgeschichte was geschieht, wenn Menschen sich an seine Stelle setzen wollen. Ob diese Stelle nun eine "Leerstelle" oder eine "besetzte Stelle" ist, ist nachrangig.

  2. Apokalypse bedeutet nicht "Weltuntergang", sondern mehr Offenbarung, Offenlegung. Zudem ist das eine rein christliche Vorstellung bezugnehmend auf die "Offenbarung".

    Das Dasein ist nicht zum Untergang geschaffen, sondern zum Dasein. Die Welt dreht sich auch nach Japan weiter und wird das auch nach den noch kommenden Katastrophen tun.

    Nicht die physische Welt der Dinge wird untergehen, sondern einige falsche geistige Welten der Menschen.
    Der grassierende Unglaube, die Ungerechtigkeiten in der Welt der Menschen und die Tatsache, dass das Gute als schlecht gilt und das Schlechte als gut sind die Ursache der Naturkatastrophen. Der Islam ist nicht das Böse und der libertäre Westen steht nicht für das Gute.

    Die geistige Welt der Christen wird untergehen und die geistige Welt der Juden. Zudem die Welt aller übrigen polytheistischen oder Weisheits-Religionen und die Menschen werden in die Religion Gottes eintreten, die ein vollständiges Sich-Fügen in Gottes Willen ist. Die Menschen werden sich ergeben und dann wird ein Zeitalter des Friedens und Wohlstands für die ganze Welt beginnen. Die Kriege werden aufhören und die Erde wird wieder ein Ort sein, an dem der Mensch gerne wohnt.

  3. Die Apokalypse und verseuchte Nahrung, Panik, Panik, die pure Angst überall. Angst vor Terror, Angst vor Harz 4, Angst vor der Globalisierung, Angst vor Populisten, Angst vor Überfremdung, Angst vor der Erderwärmung, Angst und Panikmache, wohin das Auge blickt.

    Geht Heim und habt dort alleine, für euch selbst Angst. Mir macht ihre keine Bange. Ich sitze doch nicht in einer Legebatterie, lege Steuern und schlottere mich, von einer Angst zur nächsten, und anschließend in den Suppentopf.

    Wie degeneriert muß ein Volk sein, welches den Gefahren nicht mutig entgegenblickt und zu Taten greift, sondern ständig aus purer Feigheit, von einer Angst in die nächste abgleitet?

  4. Ein allesfressendes Raubtier mit so hoher Intelligenz ist IMHO eine Fehlkonstruktion und Sackgasse der Evolution.

    Aber die Natur hat ja Zeit zum Ausprobieren...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie soll denn das gehen, eine Fehlkonstruktion der Natur?
    Soll das heißen, dass der Mensch ein Montagsmodel der Natur ist, an der ein nicht näher definierter Konstrukteur, mal nicht richtig gearbeitet hat?
    Nein Spaß beiseite, ich verstehe überhaupt nicht was das Omnivorentum damit zu tun haben soll. Unser Hirn wurde ja nur so groß weil wir andere Hirne essen konnten (jaja, komischerweise ist Hirn der beste Rohstofflieferant für weiteres Hirn) und unsere Zivilisation konnte sich erst richtig entfalten als wir landwirtschaftliche Produkte, also Pflanzen, essen konnten.
    Daher würde ich eher das Gegenteil behaupten, nämlich dass ohne unsere Neigung alles zu fressen (obwohl ich den Menschen eher nicht unbedingt als "Raubtier" bezeichnen würde) wir auch niemals irgend eine Form von Zivilisation erreicht hätten. Und ob das eine Sackgasse sein soll, kann man so nicht behaupten.

    Ganz meine Meinung.
    ---
    @Schnee_Henry:
    Tja, so lange man das Ende noch nicht vor Augen hat, führt auch eine Sackgasse noch in die Unendlichkeit. SCheinbar zumindest...
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    @ Ijoma Mangold:
    "Der Mensch verabschiedet sich aus der Naturgeschichte, beendet sein Intermezzo, und niemand wird mehr da sein, der seinem Verschwinden eine Träne nachweinen könnte."

    Gibt es irgendjemand, der Grund hätte ihm eine Träne nachzuweinen...???

    • qbrick
    • 19. März 2011 12:44 Uhr

    Von welcher Apokalypse ist hier die Rede?
    Seit ein paar Jahren ist es chic, Ereignisse, über die zuvor sachlich, wissenschaftlich untermauert und meinetwegen auch in einen kulturellen Kontext gestellt, berichtet worden war, christlich verschwurbelt aufzubereiten (abgesehen davon, daß auch in diesem Fall eines lokal begrenzten Katastrophengeschehens der Begriff an einem deutlich zu schwachen Nagel hängt).

  5. titel, thema sowie teaser sind spannend und erwecken erwartungen hier einen fundierten artikel mit gehalt zu finden.
    stattdessen: aufgeblähte intellektuellen-rhetorik, wenig diskussionsstoff und dafür viele erhobene finger. schade.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • manu26
    • 19. März 2011 13:19 Uhr

    Ich finde den Artikel recht ansprechend.

    • manu26
    • 19. März 2011 13:19 Uhr

    Ich finde den Artikel recht ansprechend.

    Antwort auf "verschenkt"
    • otto_B
    • 19. März 2011 13:37 Uhr

    "Das ist das Bild des atomaren Winters, das in den achtziger Jahren die Köpfe beherrschte ......."

    Die Achzigerjahre waren eine schlimme Zeit und eine gute Zeit. zugleich.
    Es gab Politiker, die die Nerven behalten haben,
    und auf der Straße spielte sich das im Artikel beschriebene ab.
    Als Fiktion, wohlbemerkt.
    Wo bleibt die Ronald-Regan-Straße in Berlin?
    Der war es doch wohl, der (für uns Ossis!) die Öffnung des Brandenburger Tores entscheidend voranbrachte?

    Und die gleiche Denke kann es jetzt nicht fassen, daß man in Japan nicht in Panik verfällt.
    Selbst wenn es Cäsium vom Himmel regnen sollte: man wird versuchen es wegzuspülen.

    Apokalypse? Ich dachte das wäre eine religiöse Kategorie.
    Das was abläuft ist das Gegenteil davon.
    Selbst wenn es von der Einrichtung eines Heldenfriedhofes begleitet werden würde. Die Zivilisation geht weiter.

    Wie säkular sind die Verfasser solcher Artikel eigentlich?

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  • Schlagworte Apokalypse | Japan | Meteorologie | Peter Sloterdijk | Vulkan | Weltuntergang
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