Eines Tages trat Heinz Mack auf eine Metallfolie, und plötzlich lag da Kunst am Boden. Das Profil seines Sisalteppichs hatte eine höchst interessante Prägung auf der Folie hinterlassen. Das Licht spiegelte sich nicht nur in der gemusterten Folie, nein – so sagt Mack –, es begann zu vibrieren. Ein glücklicher Augenblick. Er hatte zuvor gemalt, im Stile des Tachismus, er hatte an der Kunstakademie Düsseldorf Bildhauerei studiert und war Anfang der fünfziger Jahre, kurz vor der Entdeckung des vibrierenden Lichtreliefs, zutiefst deprimiert gewesen.

»In der Kunst war doch schon alles erfunden«, sagt er und senkt seinen Blick auf den Tisch, als könne er die Verzweiflung von damals hier noch einmal ablesen. Wir sitzen in der Bundeskunsthalle in Bonn, wo er gerade zusammen mit den Kuratoren und Intendanten des Museums eine große Retrospektive seines Œuvres aufbaut. An diesem Freitag wird sie eröffnet werden. Anlass ist der Geburtstag von Heinz Mack, am 8. März ist der im hessischen Lollar geborene 80 Jahre alt geworden. Doch Mack wird jetzt nicht nur wegen seines Jubiläums geehrt. Seit einigen Jahren schon werden seine Arbeiten vom Kunstmarkt und den Kuratoren wieder verstärkt wahrgenommen und ausgestellt – in den kommenden Wochen eröffnen auch in Düsseldorf und Mönchengladbach Ausstellungen. Er wird als Miterfinder der Zero-Kunst gefeiert, als Großmeister der Kinetik und optischen Spielerei und als Pionier der Land Art. Das neu entbrannte Interesse für die Kunst des Heinz Mack lässt sich wahrscheinlich auch damit erklären, dass seine Werke die Kunst des wesentlich jüngeren, momentan global sehr erfolgreichen Künstlers Olafur Eliasson vorwegnehmen.

Fast alles, was man von Olafur Eliasson kennt, die Experimente mit dem Licht und dem Schatten , mit den Farben und den geometrischen Grundformen, die Spiele mit Spiegeln, Mobiles und Wasser, die Projekte im öffentlichen Raum, die Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst – mit alldem hat Heinz Mack bereits Jahrzehnte zuvor gearbeitet.

Deutlich wird das in der groß und geschickt inszenierten Bonner Ausstellung besonders in zwei Räumen: In einem schwarz gestrichenen »Lichtraum« – der entfernt an eine Disko erinnert – arbeiten allerlei kinetische Apparaturen leise surrend vor sich hin. In einem kleinen schwarzen Kasten dreht sich eine rote Glühbirne langsam hinter einem Vergrößerungsglas, sodass sie in den Raum hineinzuragen scheint. Das »virtuelle Volumen« hat Mack dieses Phänomen genannt, und wenn man diesem Apparat nur lange genug beim Kreisen und Blinken zuschaute, funktionierte er sicherlich auch als Droge.

Neben dem Lichtraum befindet sich ein auf zwei Seiten verspiegeltes Kabinett, in dem der Betrachter drei schlichte Bilder bewundern kann, auf deren Oberflächen – fein gewebtes Silbertuch und wabenförmige Metallgewebe aus der Luftfahrtindustrie – sich Licht und Schatten in einem beglückenden Spiel zum Halbschatten vereinen. Aus dem Spiegelkabinett öffnet sich auch die Sicht in einen Lichthof, in dem Mack eine imposante Mauer aus gepressten Aluminiumziegeln aufgebaut hat. Starke Scheinwerfer werden diese Wand zum Strahlen bringen: eine Wand aus glühendem Licht.

Mack hat sich vor Kurzem den monumentalen, vom Taschen-Verlag herausgegebenen Katalog mit Olafur Eliassons Werk gekauft und dann beim Lesen bald zu einem Block mit gelben Klebezetteln gegriffen, um all jene Werke zu kennzeichnen, in denen er sich wiedererkannt hat. Am Ende war der Katalog recht gelb. Eliasson habe er nie kennengelernt, sagt Mack und nach einem nachdenklichen Zögern, doch zolle er ihm Respekt. Es sei gut, dass sich viele jüngere Künstler wieder dem Experiment widmeten. Jedoch habe er das Gefühl, dass die Künstler wie Eliasson nicht mehr in so intensivem Kontakt zueinander stünden. Mack selbst hatte sich als junger Mann mit Yves Klein, Piero Manzoni, Lucio Fontana, Ad Reinhardt und Christo ausgetauscht, war nach Paris gereist und hatte in New York gelebt. Die engste Verbindung hatte er allerdings einige entscheidende Jahre lang zu Otto Piene und Günther Uecker : Mit Piene gründete er 1958 die Düsseldorfer Künstlergruppe Zero, Uecker stieß 1961 hinzu. Gemeinsam wollte man damals den Neuanfang versuchen, wollte weg von der jüngeren deutschen Geschichte, weg vom Expressionismus.